Eindrucksvolles Schiff, alberne Story
• USA, Australien 2002
• Regie: Steve Beck
• Laufzeit: 91 Minuten
Handlung: Ein Pilot spricht in einer Bar das Bergungsteam der Arctic Warrior um Captain Sean Murphy an. Er erzählt, dass er bei einem Erkundungsflug in der Beringstraße vor der Küste Alaskas ein herrenlos herumtreibendes Schiff gesichtet hat. Die kleine Gruppe ist zwar erschöpft von der letzten monatelangen Bergungstour, willigt aber in der Hoffnung auf satte Gewinne ein. Den nach Seerecht gilt: Was man in internationalen Gewässern findet, darf man behalten. Nach einiger Zeit entdecken sie tatsächlich die seit dem 21. Mai 1962 verschollene „Antonia Graza“, einen imposanten Luxusliner, der wie aus dem Nichts vor ihnen auftaucht.
Besprechung: Das ist ein dummer Film. Die Story schafft es, gleichzeitig hanebüchen und ziemlich unoriginell zu sein. Die Figuren sind flach und stereotyp, die Logik löchrig und die Realitäts-Simulation insgesamt bestenfalls halbherzig. Das alles stört mich kaum, da der Film von Anfang an mit offenen Karten spiel: Er will nichts anderes sein, als plakatives Popcorn-Kino. Und so kann man sagen: Immerhin sind die Charaktere griffig und werden solide verkörpert, von der toughen und kompetenten „Epps“ (Julianna Margulies) und den düster umwölkten Bergungsteam-Kapitän Murphy (Gabriel Byrne) über den intelligenten Offizier Greer (Isaiah Washington) und den mysteriösen Piloten (Desmond Harrington) bis hin zu den vergnüglichen Einfaltspinseln der Crew. Und dass die Story unseriös ist, gleicht der Film in meinen Augen mit ordentlichen Schauwerten aus. Vor allem das Geisterschiff selbst sieht wirklich toll aus. Dazu gibt es allerlei Action und ein paar satte Ekelszenen, unter denen eine besonders heraussticht.
Als Kind habe ich in so hübsch bebilderten Büchern über „unerklärliche Ereignisse“ und „paranormale Ereignisse“ mit großem Interesse von „Geisterschiffen“ wie der „Mary Celeste“ oder der „Carroll A. Deering“ gelesen und meine Phantasie entzünden lassen. Seitdem habe ich ein Faible für „lost places“ im Allgemeinen und verlassene Spukschiffe im Besonderen. Und gerne würde ich mal einen richtigen guten Geisterschiff-Film sehen. Aber leider kann „Ghost Ship“ das trotz seines eindrucksvoll in Szene gesetzten Luxusliners nicht leisten.
Denn Steve Beck zeigt schon wie in seinem einen Jahr vorher gedrehten „13 Geister“ keinen Sinn für Atmosphäre und Grusel. Besonders krass wird das deutlich in einer Sequenz im letzten Drittel des Films, die eine Art Rückschau darstellt. Hier kommt Beck auf die Idee, die grausigen Ereignisse mit einem Track zu unterlegen, der nach mieserem Marilyn Manson klingt. Passend zum „fetzigen“ Schnitt der Sequenz fühlt man sich so wie in einem pseudo-coolen Musikvideo. Hätte es der Film bis dahin geschafft, eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen, wäre sie spätestens jetzt im Eimer. Aber da die Geistererscheinungen fast immer eher platt als unheimlich wirken, kann dieser zeitgeistige Mumpitz auch nicht mehr viel kaputt machen.
Als Horrorfilm scheitert „Ghost Ship“ also, aber als maritimen Action-Thriller ohne Anspruch finde ich diesen Murks ziemlich unterhaltsam und weniger nervig als „13 Geister“. Ein gewisses Gefühl der Peinlichkeit lässt sich aber auch hier nicht abschütteln.
Trivia: Die Antonia Graza ist dem gesunkenen italienischen Luxusliner „Andrea Doria“ detailgenau nachempfunden. Das Interieur entstammt allerdings der Fantasie der Filmemacher*innen.
Das ursprüngliche Drehbuch von Mark Hanlon war ein psychologischer Thriller, in dem die Mitglieder einer Bergungscrew an Bord eines „Geisterschiffes“ nach und nach den Verstand verlieren. Julianna Margulies kannte diese Version als sie zusagte. In einem Interview erklärte sie, dass sich das Skript (unter Mitwirken von John Pogue) komplett geändert hatte, als sie in Australien am Set erschien. „Plötzlich steckte ich in einem wirklich schrecklichen Horrorfilm, und das war ein Schock“, erklärte sie. Vielleicht ist es Gabriel Byrne ähnlich ergangen. Zumindest fragen sich bis heute manche, wie der gestandene Mime in so einen trivialen Film geraten konnte.
Erinnerungswürdig ist immerhin die Eröffnung des Films, in der auch Francesca Rettondini als Sängerin zu sehen ist. Diese erste Sequenz ist dem Stil alter MGM- oder Warner-Bros.-Filme aus den frühen 1960ern nachempfunden. Farbpalette und Filmmaterial, die Körnigkeit des Warner-Bros.-Logos, der Musikstil des Vorspanns und auch die für die Titelsequenz verwendeten Schriftarten erzeugen den Eindruck in einen deutlich älteren Film geraten zu sein.
Die Geschichte vom Geisterschiff „Mary Celeste“ wird im Film nicht ganz korrekt wiedergegeben. Die Schonerbrigg hatte nicht Baumwolle sondern Industriealkohol geladen und wurde 1872 auf halbem Wege zwischen den Azoren und Portugal verlassen im Atlantik treibend aufgefunden.
Das Filmplakat von „Ghost Ship“ orientiert sich an dem Poster von „Death Ship“ aus dem Jahr 1980. Leider ist auch dieses filmische Seemannsgarn keine Sternstunde des Horrorfilms.
IMDB: 5.6 von 10
Letterboxd-Rating: 2.5 von 5
Hopsy-Rating: 2.5 von 5

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