Faszinierender, aber auch sperriger Arthouse-Horror
• Kanada, Australien, Großbritannien, USA 2020
• Regie: Brandon Cronenberg
• Laufzeit: 103 Minuten
Handlung: Tasya Vos arbeitet als Auftragskillerin für ein Unternehmen. Durch die Nutzung von Hirnimplantaten kann Tasya in den Kopf anderer Menschen eindringen und diese dann die Morde ausführen lassen. Bevor sich die so benutzten Wirtskörper selbst töten, wird Tasya Geist wieder in ihren eigenen Körper zurückgeholt. Bei einem ihrer Aufträge funktioniert die neue Technologie aber nicht richtig: Das Bewusstsein der Zielperson kann nicht komplett verdrängt werden. Tasya muss in einem fremden Körper gegen den Geist des eigentlichen Besitzers kämpfen.
Besprechung: Wer beim Lesen der Inhaltsangabe bereits Kopfschmerzen bekommt, sollte wissen, dass es beim Schauen des Films noch verwirrender
wird. Wer genau wann den betreffenden Körper kontrolliert, ist nicht immer ersichtlich, und zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse. „Possessor“ ist also ein Film, den man mindestens
zweimal gucken sollte. Die Schwierigkeit, dem Geschehen wirklich zu folgen, trübt die emotionale Anbindung an den Film. Als Zuschauer ist man manchmal zu sehr damit beschäftigt,
zu verstehen, was vor sich geht, als dass man mit den Charakteren mitfiebern könnte. Dazu kommt, dass die Charaktere auch nicht gerade sympathisch sind. Eine Auftragskillerin ist
nun mal abseits von eher märchenhaften Action-Schmonzetten keine Identifikationsfigur, und auch ihre Opfer kommen hier nicht als besonders liebenswerte Gestalten rüber. Der Film spielt in
einer kalten, durchkapitalisierten Welt, in der Technologie nur dazu da ist, konsequenzlos die Profite zu erhöhen. Aber sie hat eben auch einen Nebeneffekt, den der Kapitalismus
womöglich generell hat: Entfremdung. Identität wird etwas Austauschbares. Persönlichkeit ist etwas, das man fingiert, um seinen Job zu erledigen.
Brandon Cronenbergs zweiter SF-Horrorfilm (nach „Antiviral“ aus dem Jahr 2012 und vor „Infinity Pool“ aus dem Jahr 2023) ist eine
düstere, kühle und unbehagliche Phantasmagorie über den Irrsinn unserer Lebens- und Arbeitswelten. Gute Laune will da nicht aufkommen. Dass der Film sich dennoch bei Kritiker*innen wie
beim Filmpublikum großer Beliebtheit erfreut, liegt daran, dass er visuell eindrucksvoll gestaltet ist und sich frisch und originell anfühlt. Auch will der Film
etwas vermitteln, was über Unterhaltung hinausgeht, und in meinen Augen gelingt ihm das auch. Dazu tragen auch die schauspielerischen Qualitäten von Andrea Riseborough (u.a. „Mandy“),
Christopher Abbot (u.a. „Wolf Man“), Rossif Sutherland (u.a. „Keeper“) und Sean Bean (u.a. „Drone“) bei. Allen sehe ich gerne zu, alle haben ein ganz eigenes Charisma, das gut in den
Film passt. Und dann ist auch noch Jennifer Jason Leigh in einer interessanten Nebenrolle zu sehen.
Die durchgängig unheilvolle Atmosphäre wird durch einen drückenden und wabernden Score unterstützt, der manchmal vielleicht etwas zu massiv eingesetzt wird. Bei aller
künstlerischen Qualität kippt der Film hin und wieder ein wenig ins Prätentiöse. Die starken Momente überwiegen in meinen Augen aber deutlich, und auch wenn „Possessor“ unterkühlt
daherkommt, kalt lassen dürfte dieser so sperrige wie fasznierende Film die wenigsten.
Trivia: Die teils ziemlich blutigen Effekte im Film wurden nicht am Computer erzeugt, sondern sind sogenannte „praktische
Effekte“. Cronenberg sagte über seine Effektspezialisten Dan Martin und Derek Liscoumb sowie seinen langjährigen Kameramann Karim Hussain, dass sie mit einem Minimum an CGI überzeugende Bilder
erzielen können.
Brandon Cronenberg sagt, er sei von zwei Medien zu „Possessor“ inspiriert worden. Das erste ist José Delgados Buch „Physical Control of the Mind: Toward a Psychocivilized
Society“ aus den 1970er Jahren, das „zeigt, wie Bewegungen durch Funkbefehle ausgelöst werden können, Feindseligkeit auftreten oder verschwinden kann, soziale Hierarchien verändert
werden können, sexuelles Verhalten verändert werden kann und Gedächtnis, Emotionen und der Denkprozess durch Fernsteuerung beeinflusst werden können“. Der zweite ist ein Werk von Brandon
Cronenberg selbst, nämlich der Kurzfilm „Please Speak Continuous and Describe Your Experiences as They Come to You“.
Audiovisuell war Cronenberg während der Vorarbeiten zum Film stark von den Werken Dario Argentos beeinflusst.
Es gibt den Film in verschiedenen Schnittfassungen. Die ungekürzte Fassung ist 103 Minuten lang und enthält längere Sex- und Gewaltszenen als die US-Kinofassung.
Der Film lief in nur wenigen Kinos und floppte an den Kassen. Bei der Kritik kam er allerdings sehr gut an. Auf rotten tomatoes sind 94 Prozent von 224 Kritiken positiv.
IMDB: 6.5 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.6 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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