Ambitioniert, trippig, kühl
• Kanada, Kroatien, Ungarn 2023
• Regie: Brandon Cronenberg
• Laufzeit: 118 Minuten
Handlung: Dem Schriftsteller James ist schon länger nichts mehr eingefallen. Finanziert wird er durch seine wohlhabende Frau, die Verlegertochter Em. Bei einem Aufenthalt in einem luxuriösen und abgeschotteten Inselresort will der verhinderte Autor zu neuer Inspiration finden. Dabei lernt er die junge Gabi kennen, die seinen letzten Roman großartig fand und James nun nicht mehr von der Seite weicht. Sie motiviert James zu einem Ausflug, zusammen mit seiner Frau und Gabis deutlich älterem Partner. Allerdings darf man das Resort eigentlich nicht verlassen. Als die vier auf dem Rückweg nachts betrunken einen Menschen anfahren, beginnt ein sehr spezieller Alptraum.
Besprechung: Das ist ein besonderer Film, der näher am europäischen Autorenkino als am Hollywood-Mainstream-Horror ist. Audiovisuell ist „Infinity Pool“ auf jeden Fall etwas für Ästheten, denn die Settings, Bildgestaltung, Kameraarbeit und Musik sind geschmackvoll und verraten eine eigene Vision. Auch inhaltlich ist der Film kein Durchschnittsgrusler. Ziemlich kommentarlos wird man in ein abgefahrenes SF-Szenario entführt, das einem Roman von J.G. Ballard entnommen sein könnte. Viel will ich darüber nicht schreiben, um nicht zu spoilern. Man sollte den Film am Besten ohne große Vorkenntnis schauen und sich seine eigenen Gedanken machen.
Wissen sollte man vermutlich nur, dass „Infinity Pool“ es dem Publikum nicht leicht macht. Abgesehen von vielleicht noch Em ist hier niemand sympathisch. Der Film hat eine gewisse
distanzierte Kühle, die sich auf die Betrachter*innen übertragen dürfte. Auch weiß man lange Zeit nicht, auf welche Art von Geschichte man sich hier eigentlich einlässt und muss dann mit
ein paar ungewöhnlichen Elementen klarkommen, die einem vor den Latz geknallt werden, als sei das alles doch selbstverständlich. Zusätzlich ist die Psychologie der Hauptfigur James nichts, was
man vom Film vorgekaut bekommt. Man muss seine eigenen Schlüsse ziehen, wenn man denn will. Und schließlich ist noch anzumerken, dass „Infinity Pool“ im Geiste eines Cinema of
Transgression durchaus richtig unangenehme Szenen bietet, die auch erfahrenen Horrorguckern Emotionen abringen können.
Brandon Cronenbergs Schaffen hat also einiges mit dem seines berühmten Vaters David Cronenberg (u.a. „Die Fliege“, „Tödliche Versprechen“, „Cosmopolis“) zu tun, zeigt aber auch eine eigene
Handschrift. So würde ich sagen, dass „Infinity Pool“ zum einen weniger die leicht trashigen B-Movie-Elemente bedient, für die die Filme des Vaters bekannt sind. Zum anderen liegt
Brandons Fokus anders als beim Vater nicht auf dem menschlichen Körper als Gegner von Moral und Glück, sondern auf der Frage, wie Identität und Moral zusammenhängen, und ob ein
Outsourcen der Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, wie sie im Kapitalismus vor allem für die Reichen möglich ist, nicht zwangsläufig zu einer Zerrüttung von Empathie und Anstand führen
muss. Ja, auch Brandon bietet „Body Horror“, für ihn ist aber nicht der Body der Horror, sondern wohl eher der Kapitalismus. Da unterscheidet er sich deutlich von seinem Vater.
Schauspielerisch ist der Film überdurchschnittlich, auch wenn Alexander Skarsgård seinen James nicht immer auf den Punkt spielt. Dafür sieht er einfach klasse aus und bringt die nihilistische film noir Aura super rüber. An die Wand gespielt wird er allerdings von Mia Goth als Gabi. Sollte man gesehen haben!
Trivia: Brandon Cronenberg erklärte in einem Interview mit der Zeitschrift „Fangoria“ aus dem Jahr 2023: „Der Film begann als Kurzgeschichte
über die erste Hinrichtung, und als ich ihn zu einem Spielfilm ausbaute, kehrte ich immer wieder zu einem Urlaub zurück, den ich vor etwa 20 Jahren in einem All-Inclusive-Resort in der
Dominikanischen Republik gemacht habe. Es war surreal, weil man mitten in der Nacht mit dem Bus reingefahren ist, sodass man nichts vom Land sehen konnte. Man wurde einfach auf diesem
Feriengelände abgesetzt, das tatsächlich von einem Stacheldrahtzaun umgeben war. Man konnte nicht gehen, wie im Film, und es gab eine Art falsche Stadt, in der man einkaufen gehen konnte. Das
chinesische Restaurant und die schreckliche Diskothek im Film basieren beide auf dem tatsächlichen Resort; die Szene, in der der Mann auf dem ATV am Strand von Wachen verfolgt wird, ist
tatsächlich passiert. Und dann, am Ende der Woche, fuhren Sie tagsüber mit dem Bus zurück, und Sie konnten das eigentliche umliegende Land sehen, das sehr von Armut geplagt war.“
Die Dreharbeiten fanden im Hotel Amadria Park im kroatischen Šibenik sowie in Ungarn statt
Gerüchten zufolge soll die Hauptrolle Robert Pattinson angeboten worden sein, der aber offensichtlich ablehnte.
Der Film floppte an den Kinokassen, obwohl er immerhin auch in den USA lief, was für kanadische Filme keine Selbstverständlichkeit ist. Das Budget des Films wird auf etwa 5 Millionen Dollar
geschätzt, die Einspielergebnisse ebenfalls. Da in der Regel noch Werbekosten von fast gleicher Höhe dazugerechnet werden müssen, handelt es sich bei „Infinity Pool“ also mit großer
Wahrscheinlichkeit um ein Minus-Geschäft.
IMDB: 6 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.1 von 5
Hopsy-Rating: 4 von 5

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