Originelle Revitalisierung des Horrorgenres
• USA 1996
• Regie: Wes Craven
• Laufzeit: 112 Minuten
Handlung: Ein Jahr nachdem ihre Mutter ermordet worden ist, wird die Schülerin Sidney Prescott von einem maskierten Killer terrorisiert, der ein Faible für Horrorfilme hat. Sie und ihre Freund*innen versuchen, die Identität des Mörders zu lüften. Ist es möglicherweise einer von ihnen?
Besprechung: Schon die Auftakt-Sequenz mit Drew Barrymore ist sensationell: spannend, schwarzhumorig, originell, überraschend.
Plötzliche fühlte sich Teenager-Horror im Kino wieder frisch an und nicht nur das totgeglaubte Slasher-Genre erlebte ein Revival, sondern Horrorfilme allgemein. Das Rezept von
„Scream“ scheint simpel: Wir haben eine Kleinstadt, wir haben Teenager, wir haben einen maskierten Mörder und wir haben die Fragen, wer ist der Täter und wer wird sein nächstes Opfer sein. Der
Unterschied zu den zahlreichen Vorgängern ist, dass die Stereotype aus diesen Filmen bewusst thematisiert werden. Nicht nur das Publikum weiß längst Bescheid, wir der Hase in
solchen Filmen läuft – nein, die Charaktere im Film selbst wissen es auch! So treibt „Scream“ dann ein aufregendes Spiel mit seinem Publikum, denn natürlich werden die Regeln des
Slasher-Films nicht nur genannt und teilweise durchexerziert – sie werden auch gebrochen. So wird das, was längst zum Klischee verkommen war, wieder frisch und aufregend.
Die eigentliche Leistung von „Scream“ ist aber, dass Humor und Spannung hier perfekt zusammengehen. Die Dekonstruktion der guten alten Mördergeschichte führt nicht dazu, dass sie
uns kalt lässt. Im Gegenteil: trotz der Sprüche, Referenzen und gut platzierten Gags hatten nicht wenige im Kinosessel endlich wieder so viel Schiss wie als Kids beim Gucken von „Freitag der 13.“
oder „Halloween“. Wes Craven, Drehbuchautor Kevin Williamson und dem gesamten Team ist mit „Scream“ ein Film gelungen, der sich über sich selbst lustig macht und trotzdem richtig spannend
und manchmal auch fies und unheimlich ist. Die Eröffnungssequenz ist dafür bereits ein großartiges Beispiel und hat sich zu Recht ins kollektive Gedächtnis der Horrorfans
eingebrannt.
Und es gibt noch mehr zu loben: Neve Campbell hat die Rolle der Sidney Prescott nie wieder besser gespielt: zwischen jugendlicher Unschuld und erwachender sexueller Neugier,
zwischen Trauma und Lebenslust, Verletzlichkeit und Widerstandskraft. Auch die anderen Darsteller*innen funktionieren in dieser Konstellation hervorragend und können alle auf ihre Weise
denkwürdige Momente schaffen. Darüber hinaus denke ich, dass die dynamische Kameraarbeit von Mark Irwin, die bisher beste in der Scream-Reihe ist und Mark Beltramis Score nie
wieder so effektiv war wie hier. Auch profitiert der Film davon, dass er genau weiß, wann die Handlung Humor verträgt und wann doch eher ernsthaft der fiese Schlitzerfilm durchgezogen wird. Ein
Grenzfall sind die fast slapstickhaften Momente, in den „Ghostface“ eben nicht als unbesiegbare Mordmaschine inszeniert wird, sondern als Mensch im Kostüm, der auch mal stolpern oder eine Vase
auf den Kopf bekommen kann. Im Prinzip könnte das die Bedrohlichkeit des Killers unterlaufen, in meinen Augen trägt es aber zur spezifisch komisch-unheimlichen Atmosphäre des Films bei.
Alles, was die späteren Scream-Teile gut macht, findet sich bereits hier im ersten Teil, bis hin zur Einbindung moderner Technik, wie es damals Mobiltelefone waren. Auch zeichnet
sich „Scream“ dadurch aus, dass er das idealtypische US-amerikanische High-School-Setting besonders liebevoll in Szene setzt. Alles ist da: der gelbe Schulbus, die typischen Szenen am Spind, das
Belauschen lästernder Freundinnen auf dem Schulklo, ein strenger Schulleiter, Hauspartys, nächtliches Einsteigen des Freundes durchs Schlafzimmerfenster, die Weite der Landschaft in einer
Sommernacht. Jede Menge Statist*innen sorgen für glaubhafte und organisch wirkende Settings.
Manches würde man heute anders inszenieren, und so ist „Scream“ aus heutiger Sicht auch eine nostalgische Reise zurück in eine Zeit, in der vieles keineswegs besser war, aber eine
charmante, manchmal auch robuste Lebensfreude herrschte, die sich in diesem wilden Film wunderbar widerspiegelt.
Trivia: Wes Craven wollte den Film zunächst nicht machen. Er arbeitete in dieser Zeit an einem Remake von „Bis das Blut gefriert“ (1963) und überlegte, sich danach vom Horrorgenre
abzuwenden. Zwei Ereignisse sollen Craven zum Umdenken bewegt haben: Einmal, dass Drew Barrymore zusagte bei „Scream“ mitzuspielen. Und dann das Treffen mit einem zehnjährigen Jungen,
einem begeisterten Fan, der Craven vorwarf, „weich geworden“ zu sein und früher, mit Filmen wie „Das letzte Haus links“, mehr Mut bewiesen zu haben.
Scream kam während der Weihnachtstage in die US-Kinos, also zu einer Zeit, in der vor allem familienfreundliche Filme gezeigt werden. Die anfänglichen Einspielergebnisse ließen das Studio
vermuten, dass sich „Scream“ zu einem Flop entwickeln würde. Doch dann stiegen Woche für Woche die Einspielergebnisse oder hielten sich auf dem Anfangsniveau. Dank der Mundpropaganda
begeisterter Zuschauer*innen spielte der Film schließlich bei einem Budget von rund 15 Millionen Dollar über 170 Millionen Dollar ein.
Das Ghostface-Kostüm war ursprünglich weiß, wurde während der Produktion aber geändert, da man nicht mit einer weißen Robe an den Ku Klux Clan erinnern wollte.
Sidney Freundin Tatum Riley wird von Rose McGowan gespielt, die bis zur Trennung 2001 dreieinhalb Jahre mit dem Marilyn Manson liiert war. Im Oktober 2017
gehörte sie neben Ashley Judd zu den ersten Schauspielerinnen, die den sogenannten Weinstein-Skandal ins Rollen brachten. Weitere Vorwürfe wurden u. a. von den Schauspielerinnen
Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette und Angelina Jolie erhoben. Asia Argento und Lucia Evans beschuldigten Weinstein der Vergewaltigung. Bereits am 14. Oktober 2016 hatte McGowan erstmals auf die
Taten hingewiesen, indem sie als Antwort auf den Hashtag #WhyWomenDontReport schrieb, ihr damaliger Lebenspartner habe ihrem Vergewaltiger die Vertriebsrechte des gemeinsamen Films verkauft. Ihr
Partner war damals der Regisseur Robert Rodriguez („From Dusk Till Dawn“). McGowan beschuldigte zudem weitere namhafte Personen der Mitwisserschaft, darunter Ben Affleck.
Ursprünglich trug der Film den Titel „Scary Movie“, der später für eine Parodie dieses Films und anderer Horrorfilme der Popkultur innerhalb der „Scary Movie“-Filmreihe verwendet wurde.
Die Partysequenz zum Ende des Films dauert 42 Minuten. Sie wurde über 21 Tage hinweg von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang gedreht. Nach Abschluss der Dreharbeiten ließ die Crew
T-Shirts mit der Aufschrift „ICH HABE SZENE 118 ÜBERLEBT“ (so hieß die Sequenz während der Dreharbeiten) bedrucken. Cast und Crew sprachen scherzhaft von „der längsten Nacht der
Horrorgeschichte“.
IMDB: 7.4 von 10
Letterboxd0-Rating: 4 von 5
Hopsy-Rating: 5 von 5

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