DER Spukhausfilm
• USA 1963
• Regie: Robert Wise
• Laufzeit: 112 Minuten
Handlung: Der Anthropologe Dr. Markway will die Spukphänomene erforschen, für die ein altes Anwesen namens „Hill House“ berüchtigt ist. So lädt er in Absprache mit den Besitzern verschiedene Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den verwunschenen Landsitz ein. Nach einigen Absagen kommen schließlich zwei Frauen: Die selbstbewusste Theodora verfügt über hellseherische Fähigkeiten. Die eher verhuscht wirkende Eleonora soll als Kind Poltergeistphänomene ausgelöst haben. Der Vierte im Bunde ist Luke, der Neffe der Besitzerin, der bei den Experimenten nach dem Rechten sehen soll. Die parapsychologische Erforschung von „Hill House“ führt ins Zentrum des Schreckens.
Besprechung: Besser wird es im „Haunted House“ Genre nicht. Dieser zeitlos großartige Schwarz-Weiß-Film ist sowohl stark geschrieben
als auch inszeniert als auch gespielt. Das liegt sicher auch an der literarischen Vorlage: „The Haunting auf Hill House“ von Shirley Jackson aus dem Jahr 1959 wird nicht nur von Stephen
King zu den ganz großen Gruselromanen des 20. Jahrhunderts gerechnet. Wie im Roman ist auch im Film „Hill House“ ein verrückter und verrückt machender Ort. Alles ist sonderbar
schief und verwirrend und die Räume derart barock dekoriert und mit Einrichtungsgegenständen überladen, als hätten die früheren Bewohner an einem horror vacui gelitten, also einer Angst
vor der Leere, die sich nur zu schnell mit all dem Unheimlich gewordenen füllt, das man verdrängen, unterdrücken und gar nicht erst ins Leben treten lassen will. In „Hill House“ scheint
es kein Außen zu geben, keine Fenster, keine Orientierung. Und auch keine rechten Winkel. Kameramann Davis Boulton inszenierte das Haus schräg, kaum eine Einstellung ist wirklich
gerade.
Auch das Sounddesign von „The Haunting“ ist außergewöhnlich. Robert Wise nutzte seine Erfahrung als Sound Editor, um ein enorm dichtes und facettenreiches Klangbild zu
erschaffen. Stephen King nannte „The Haunting“ einmal den ersten Radio-Horrorfilm der Welt. Ergänzt wird die spektakuläre Klangkulisse durch die Filmmusik von Humphrey Searle,
der meistens Orchesterwerke und Opern und nur selten Filmmusik komponierte.
Ton, Bild und Setting sind es aber nicht allein, die diesen Film zu einem Meisterwerk machen. Es sind vor allem die toll geschriebenen und gespielten Figuren, die spannende und
abwechslungsreiche Dynamik, die sie miteinander entwickeln, der Humor und die Tragik, die bis heute funktionieren und begeistern. Dazu kommt, dass der Film (wie schon der Roman) eine
tiefsinnige Betrachtung an der Schnittstelle von Psychologie und Parapsychologie bietet, die ihn in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit „The
Shining“ (1980) und „Schloss des Schreckens“ (1961) hebt. Ist das Haus mit seiner bitteren Geschichte eine Leinwand, auf der sensible Gemüter die unerlösten Geister der
Vergangenheit erkennen können? Oder eher eine Leinwand, auf die instabile Menschen, ihr eigenes verqueres Innenleben projizieren? Oder hängt vielleicht beides miteinander zusammen, weil
Persönlichkeiten weniger getrennt sind, als wir Heutigen meinen? Vielleicht ist die Grenze zwischen Innen und Außen eine Illusion. Und vielleicht verläuft Zeit nicht linear,
sondern ist eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Und der nächtliche umgehende Geist ist die Schattenseite einer zutiefst menschlichen Hoffnung: zu lieben und geliebt zu werden, zu vergeben und
Vergebung zu erfahren, und schließlich – erlöst zu werden.
Trivia: Kameramann Boulton verwendete unter anderem eine 28mm-Weitwinkel-Linse, die Panavision ausgemustert hatte, weil sie
das Bild verzerrt. Bei den Außenaufnahmen des Herrenhauses setzte er auf Infrarot-Film, um einen besonders starken Hell-Dunkel-Kontrast zu erzielen. Die Innenaufnahmen wurden im Studio gedreht.
Eigentlich lässt man Studiosettings nach oben offen, um sie leichter beleuchten zu können. Für „The Haunting“ deckte man die Räume jedoch oben ab. Das erzeugt eine
klaustrophobische Atmosphäre, die sich auch von den SchauspielerInnen auf die ZuschauerInnen übertragen dürfte.
Humphrey Searle, der Komponist des Scores, war ein Schüler von Anton von Berg und der Neuen Musik nicht abgeneigt. Wer bei der Filmmusik manchmal an die berühmten atonalen
Streicher aus Psycho denkt, liegt ziemlich richtig. Auch in anderer Hinsicht ist „The Haunting“ ein Film, der von Hitchcocks innovativen Techniken wie z.B. dem irren Gezoome in „Vertigo“ oder dem
tollen Voice-Over der von ihrem Gewissen geplagten Marion Crane in „Psycho“ beeinflusst war. Aber „The Haunting“ ahmt nicht nur nach, sondern entwickelt weiter, ergänzt eigene Techniken
und beeinflusste so seinerseits viele spätere Gruselfilme.
Die coole Garderobe von Theodora (Claire Bloom) mit ihrem Beatnik- und Boheme-Chick wurde extra von der britischen Modedesignerin Mary Quant entworfen, die als Erfinderin des
Mini-Rock gilt.
Es gibt ein sehr schlechtes Remake des Films mit dem deutschen Titel „Das Geisterschloss“ (1999) und eine sehenswerte, teils wirklich unheimliche Serie, die lose auf Shirleys
Roman und dem Film von 1963 basiert. Die Serie heißt auf Deutsch „Spuk in Hill House“ (2018) und wurde von Mike Flannagan gedreht, der auf psychologischen Horror spezialisiert
ist.
IMDB: 7.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.8 von 5
Hopsy-Rating: 5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Die weibliche Hauptfigur Eleanor (gespielt von der renommierten und preisgekrönten Julie Harris) ist in meinen Augen neben Carrie eine der eigenwilligsten Heldinnen der Horrorfilmgeschichte. Sie ist nicht sexy und nicht mütterlich, keine geheimnisvolle Diva und auch kein netter Kumpel von nebenan. Egal welche stereotypen Frauenfiguren sich Männer im Lauf der Filmgeschichte zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse ausgedacht haben: Eleanor ist keine davon. Sie ist ein zugleich unterdrückter und lebenshungriger Mensch, instabil und stark, phantasievoll und starrköpfig, unschuldig und egoman narzisstisch, zu Herzen gehend und abstoßend.
Mich erinnert sie an die vielen, vielen Frauen, die in Deutschland um den zweiten Weltkrieg herum geboren wurden, und die so erzogen wurden, dass ihre eigenen Wünsche
nicht wichtig sind. Sie sollten sich unterordnen, einpassen, funktionieren – und haben keinen direkten Zugang zu ihrer Lust, ihrem Egoismus und ihrem Selbst gefunden. Dadurch sind
Lust und Egoismus natürlich nicht verschwunden, sie schlummern nur hinter einer mädchenhaften Anmutung und brechen manchmal so unbewusst wie unkontrolliert aus dem herzensguten
Unschuldslamm hervor. Julie Christie spielt diese Doppelbödigkeit mit zeitloser Meisterschaft.
Das böse vor sich hinbrütende „Hill House“ und die unterdrückte, ja seelisch verkrüppelte Eleanor werden im Film immer wieder miteinander in Beziehung gesetzt. Zum Beispiel,
indem die Fassade von „Hill House“ eingeblendet wird und dann ein Schnitt auf Eleanors Gesicht erfolgt. Das Spukhaus wird hier zur Leinwand, auf der sensible Personen die gespeicherten Energien
der Vergangenheit wahrnehmen können. Auf die aber auch Menschen, für die Innen und Außen kaum zu trennen ist, ihr eigenes entfremdetes Seelenleben projizieren. Weder im Roman noch in der
Verfilmung ist ganz klar, was in „Hill House“ eigentlich spukt: Die tragische, ungeklärte Vergangenheit? Das dämonische Haus selbst? Oder vielleicht Eleanor, die als Kind
Poltergeist-Phänomene ausgelöst haben soll, an die sie sich nun als Erwachsene nicht mehr erinnern will.
Zwar spielt in „The Haunting“ – noch ganz im Sinne der freudianisch grundierten Spukgeschichte – unterdrückte Lust und frustrierter Liebeswunsch eine Rolle, aber eine andere, modernere Angst ist
das eigentliche Zentrum. Die Angst vor sich selbst. Denn Eleanor ist von ihrem Selbst entfremdet und gerade deswegen übervoll damit. So voll, dass es ihr überall im Außen
begegnet. Das ist ein Phänomen, das heutzutage zugenommen zu haben scheint: Das wahre Selbst wird hinter einer immer perfekteren Maskerade aus Image, Rollenspiel, Selbst- und Fremdbetrug
verborgen. Man liebt wie Narziss nicht sich selbst (und entsprechend auch niemand anderen), sondern Spiegelbilder davon, also Abbilder, die man sich wie Götzen geschaffen hat. Jeder Moment der
Stille, in dem sich das ungeschminkte Innenleben zeigen könnte, wird zugedröhnt, weggescrollt oder zurechtphantasiert. Das wahre Selbst fristet ein Schattendasein als eingesperrtes Kind
in einem dunklen, kalten Raum – und zeigt sich dieses Kind einmal, löst es nicht Mitleid, sondern Furcht aus. Das Kind ist zum Geist geworden. Denn das ist das Wesen des Geistes: das
verdrängte, unterdrückte, nicht verwirkliche Leben, dass dazu verdammt ist, sich wieder und wieder aufzudrängen, bis es erkannt und erlöst wird.

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