Nostalgisch stimmender Semi-Klassiker
• USA 1976
• Regie: Dan Curtis
• Laufzeit: 116 Minuten
Handlung: Ben und Marian wollen mit ihrem zwölfjährigen Sohn und Bens Tante in die Sommerfrische. Dafür erhält das Paar ein spektakuläres Angebot: Für eine geringe Summe können sie den Sommer in einer richtigen Villa mit Pool verbringen. Einzige Bedingung: Ab und an sollen sie nach der alten Frau sehen, die völlig zurückgezogen in der Mansarde des Hauses wohnt und ihr Zimmer nie verlässt. Gut, die Villa ist ein wenig heruntergekommen und wirklich groß. Das könnte eine Menge Arbeit bedeuten. Aber die exzentrischen Vermieter machen klar: Das Haus kümmert sich um sich selbst.
Besprechung: Unter den wenigen ernstzunehmenden Spukhaus-Filmen ist das einer der Besseren. Mit Oliver Reed, Karen Black und Bette Davis fährt die Produktion auch gleich drei namhafte Ikonen gerade des Horrorfilms auf, und alle drei tragen mit ihrem jeweiligen speziellen Charisma sehr zur Atmosphäre des Films bei. Allerdings haben auch alle drei Darsteller Momente, in denen sie zumindest meine Immersion zerstören und ich denke: Ah, jetzt spielt Karen Black, dass sie verwundert guckt. Ah, jetzt tut Oliver Reed so, als ob er schreckliche Angst hat. Und klar, Bette Davis lässt sich eine ausgiebige Röchelszene auf dem Bett nicht nehmen, um noch einmal unter Beweis zu stellen, dass sie mehr mimen kann als die nette, etwas schrullige ältere Dame.
Das Drehbuch ist eine ähnlich gemischte Tüte: Das nach einem Roman von Robert Marasco aus dem Jahr 1973 geschrieben Skript hat durchaus interessante Ideen. Ein sich selbst „verjüngendes“ Landhaus
ist cool und wird im Film auch angenehm zurückhaltend in Szene gesetzt. Die rätselhafte alte Frau im Dachzimmer regt die Phantasie an und trägt zur Spannung bei. Auch erinnert der Verfall
der Familie ein wenig an den vier Jahre später in die Kinos gekommenen „The Shining“. Aber leider bleibt vieles Stückwerk. Die Spannungen zwischen den Eheleuten
und zwischen Vater und Sohn erreichen in der Mitte des Films eindrucksvolle Höhepunkte, suppen dann aber später wieder weg. Die Entwicklungen verlaufen sprunghaft und dramaturgisch nicht
zwingend. Dazu passt, dass die Geschichte nicht gründlich durchdacht zu sein scheint. Assoziativ funktioniert die Spukhaus-Story zwar durchaus, aber ernsthaft darüber nachdenken, sollte
man nicht. Zu wenig ergibt dann Sinn oder passt wirklich zusammen. Anders als in „Shining“ oder „Bis
das Blut gefriert“, mit denen der Film ein paar Gemeinsamkeiten hat, ist das hier eben kein minutiös geplantes Meisterwerk, sondern eben nur ein handwerklich gut
gemachter „Haunted House“-Film nach solider, aber auch nicht gerade bahnbrechender Romanvorlage.
Immerhin: Die neoklassizistische Villa ist ein starkes und von der Kamera gut eingefangenes Setting. Vor allem das (wahrscheinlich von „Bis das Blut gefriert“) inspirierte
Gewächshaus und die Vorräume des Mansardenzimmers der alten Dame gefallen mir. Auch der Pool, der mehrmals im Film eine wichtige Rolle spielt, wird gut in Szene gesetzt. Zur Atmosphäre
von „Landhaus der Toten Seelen“ trägt nicht unwesentlich auch die Musik von Robert Cobert bei, die mit ganz klassischen Mitteln Bedrohung, Unheimlichkeit und uralte, bösartige Tragik
vermittelt.
„Landhaus der Toten Seelen“ ist einer der Filme, die in meiner Jugend am späten Abend im linearen Fernsehen gezeigt und die anderntags auf dem Schulhof besprochen wurden. Meine Phantasie
entzündete sich bereits am Titel, dem Foto und der Kurzbeschreibung in der Fernseh-Zeitung. Als ich den Film dann mit 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal sah, fand ich ihn durchaus
unheimlich, auch wegen den „Erwachsenenthemen“, die ich emotional aufnehmen, aber nicht intellektuell einordnen konnte. Die Unverständlichkeit des Films trug auch dazu bei, dass mein
jugendliches Gehirn versuchte, die Logiklöcher zu schließen und dabei auf unheimlichen Pfaden zu wandeln. Deshalb (und wegen meiner heutigen Interpretation, die ich unter „Hopsys Gedanken“
notiert habe) habe ich eine Schwäche für „Landhaus der toten Seelen“, auch wenn der Film im heutigen Rewatch ziemlich langsam in die Gänge kommt und insgesamt nicht genug erzählerische
und darstellerische Substanz hat, um mit den Klassikern des Genres mitzuhalten.
Trivia: Regisseur Dan Curtis, der hier auch am Drehbuch mitschrieb, hat vor „Landhaus der toten Seelen“ ausschließlich Fernsehfilme und -Serien gedreht. Darunter vor allem Horrorfilme und die Grusel-Seifenoper „Dark Shadows“, von der Tim Burton 2012 eine Filmadaption drehte.
Die Flashbacks, die Ben von einem unheimlichen Chauffeur hat, basieren auf einem Kindheitserlebnis von Dan Curtis. Curtis erinnerte sich, wie er als kleines Kind bei der
Beerdigung seiner Mutter einen lachenden Chauffeur vor dem Bestattungsinstitut sah, was ihn zutiefst erschütterte. Er verarbeitete diese Erinnerung in seinem Film, indem er mit dem Chauffeur eine
Figur einbrachte, die in der Romanvorlage fehlt.
Laut DVD-Kommentar hat Dan Curtis eine fast fünfzehnminütige Eröffnungs-Sequenz aus dem Film herausgeschnitten, in der die Familie in New York gezeigt wird. Der Film ist in
meinen Augen trotzdem gerade am Anfang noch zu lang.
So harmonisch wie die Beziehung zwischen Ben und seiner Tante wirkt, war das Verhältnis der Darsteller am Set keineswegs. Bette Davis verabscheute Oliver Reed und sprach abseits der
Filmdialoge kein Wort mit ihm. Mit Karen Black, die während der Dreharbeiten im vierten und fünften Monat schwanger war, sprach Davis zwar, aber meistens im Streit. Angeblich benahm sich
Black unmöglich und zollte Davis nicht genug Respekt. Auch Regisseur Davis hatte mit Reed und Black Probleme und nannte ihr Verhalten am Set „unprofessionell“. Reed war schwerer
Alkoholiker, der für seine Trinkexzesse, Gewaltausbrüche und sexuelle Übergriffe berüchtigt war.
IMDB: 6.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.4 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Was den Film für mich heute besonders interessant macht, ist die Interpretation als Kommentar zum Klassenkampf. Mit etwas gutem Willem kann man Marian als Frau der Mittelschicht
verstehen, die gerne zur „upper class“ gehören will. Ihr Mann ist da etwas zögerlicher, als ahnte er, dass die Klassengrenzen nicht wirklich durchlässig sind. Und dass man einen Preis dafür
bezahlt, wenn man versucht, die unsichtbare Barriere zu durchbrechen. Diese Sichtweise würde Marians zunehmende Besessenheit mit dem noblen Anwesen und seinen Besitztümern erklären, und auf der
anderen Seite auch Bens (nie begründeten) Wunsch, gar nicht erst einzuziehen. Die Villa wiederum ist wie ein Kapitalist und nährt sich von der Energie der nicht über Produktionsmittel und
Reichtümer verfügenden Klassen. Landhaus/Kapitalist nehmen auch deren individuelle und familiäre Zerrüttung in Kauf, ja sind eigentlich deren Ursache. Hauptsache, der feudale Landsitz
erstrahlt wieder in ganzer Pracht. Stark ist, dass „Landhaus der toten Seelen“ dabei auch dem Leid des Kindes so einer weißen Mittelklassefamilie Raum gibt. Die Eltern leiden unter den
subtilen Ausbeutungsverhältnissen, durchschauen die kapitalistischen Verhältnisse aber nicht, sondern unterstützen sie vielmehr noch, ja huldigen ihnen. Ihr Kind kann erst recht nicht
durchschauen, was gespielt wird. Es will einfach nur weg. Eindrucksvoll ist hier eine Szene, in der der Junge im Garten spielt, die reichen Vermieter beobachten ihn durchs Fenster, erklären, wie
toll gerade Kinder für diesen Ort sind (also die unschuldigen, energiegeladenen, hoffnungsfrohen Lebewesen, die man kapitalistisch zurichten und ausbeuten kann). Als der Junge von einem
Klettergerüst fällt und sich wehtut, schließen die Vermieter mitleidlos das Fenster. Das Leid des Kindes spielt keine Rolle.
Lee H. Montogmery spielt den zwölfjährigen Sohn mit erschütternder Natürlichkeit.

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