Cooler Kraken, blasse Charaktere
• Norwegen 2026
• Regie: Pål Øie
• Laufzeit: 94 Minuten
Handlung: Die Meeresbiologin Johanne wird nach einem ungewöhnlichen Ereignis als Gutachterin zu einer Lachsfarm im Sognefjord beordert: Lachse sind hier aus dem Wasser an Land geflüchtet. Zuvor war es dem Betrieb gelungen, mit einer Schallkanone den Läusebefall der Lachse zu verhindern. Das lockt ausländische Investoren an, aber auch Umweltschützer. Diese befürchten nämlich, dass die Schallkanonen-Technologie das Ökosystems des Fjords verändert, besonders das Leben in der Tiefe, die hier 1300 Meter weit in die lichtlose Finsternis reicht.
Besprechung: Die Sommermonate sind in meinen Augen die richtige Zeit für maritime Monsterfilme auf großer Kinoleinwand. Danach macht der Köpper ins sichere Freibad-Becken gleich noch mehr Spaß. Im Kino machen bissige Fische und gigantische Meeresfrüchte spätestens seit den 1950ern Jagd auf Menschen. Mal repräsentierten sie die Zerstörungskraft der Atombombe („Das Grauen aus der Tiefe“, USA 1955), mal die Angst vor dem Unbekannten und Unbewußten („Der weiße Hai“, USA 1975) und oft auch die Natur, die zurückschlägt, weil der Mensch es im Umgang mit ihr mal wieder zu weit getrieben hat („Orca, der Killerwal“, USA 1977, „The Host“, Südkorea 2006). Oft stehen die Biester allerdings auch für gar nix und sollen einfach nur Krawall machen („Octalus – Der Tod aus der Tiefe“, USA 1998, „Meg“, USA 2018).
Dass „Kraken“ zu den Filmen mit Ökobotschaft gehört, wird schon anhand der angerissenen Handlung oben deutlich. Und weil es sich mal nicht um einen US-amerikanischen Blockbuster, sondern um einen kleinen norwegischen Film handelt, erwartet man etwas, nun ja, Tiefgang. In Bezug auf die Story orientiert sich „Kraken“ allerdings stark am heutigen Hollywood und bietet eine weitgehend vorhersehbare Handlung, die sich an wohlbekannten Stereotypen entlanghangelt. Viel über Meeresbiologie im Allgemeinen und Kraken im Besonderen erfährt man nicht. Und auch über die Charaktere erfährt man erstaunlich wenig.
Die Schauspieler*innen sind okay, aber haben nicht genug Leinwandpräsenz, um den blass geschriebenen Figuren genug Charisma zu verleihen. Die zentralen Charaktere tun nichts besonders Dummes oder Nerviges (das bleibt den anstrengend dargestellten Umweltaktivist*innen überlassen), sie haben aber leider auch nichts Interessantes an sich. Sie sind einfach da. Erfrischender wirkt da das Fjord-Setting mit der Lachsfarm und die Idee, den Lausbefall der Lachse mit massiven Schallwellen zu verhindern, die wiederum ein Wesen aus der Tiefe aufstören. Richtig cool sind die Parasiten des Riesenkraken, der selbst auch weitgehend gut in Szene gesetzt wird. Nicht nur in Bezug auf die Effektarbeit macht der Film viel aus seinem bescheidenen Budget: Er bietet obendrein, geschmackvolle Farben, eine solide Kamera und ein richtig starkes Sounddesign. Auch der Score ist in meinen Ohren größtenteils gelungen, auch wenn zum Ende hin die Geigen etwas arg melodramatisch fiedeln.
Was bleibt ist ein solide gefilmter Monsterfilm in ansprechendem norwegischen Setting, dem man mehr Mut beim Drehbuch und der Figurenzeichnung gewünscht hätte. Gerade weil es etwa eine Stunde dauert, bis der Kraken richtig loslegt, hätten interessantere Charaktere dem Film sehr gut getan.
Trivia: Realisiert wurde „Kraken“ mit einem Budget von gut 5 Millionen US-Dollar durch die norwegische Filmproduktionsgesellschaft „Handmade films in Norwegian woods“ (unterstützt durch „Nordisk Film Production“). Die Firma hat sich komplett auf Genrefilme spezialisiert, die auf norwegischen Sagen basieren.
Der Film greift den Mythos vom Riesenkraken auf, der angeblich an der Küste Norwegens lebt. Das Seemannsgarn lässt sich bis in 17. Jahrhundert zurückverfolgen und wurde später vor allem durch den Abenteuerroman „20.000 Meilen unter dem Meer“ (Jules Verne, 1870) populär. Mittlerweile geht man davon aus, dass der Mythos auf an Land gespülte Riesenkalmare zurückgehen könnte, die in der Tiefsee leben, tatsächlich sehr groß werden können (über 15 Meter Länge) und sogar Pottwale angreifen.
Gedreht wurde der Film sowohl an norwegischen Fjorden als auch in Lohja, Finnland. Für die Darstellung der Kreatur wurde vor allem auf praktische Effekte zurückgegriffen. Computergrafiken kamen aber auch zum Einsatz.
Regisseur Pål Øie drehte vor „Kraken“ bereits die Horrorfilme „Dark Woods“ (2003) „Hidden“ (2009), „Dark Woods II“ (2015) und den Katastrophenfilm „The Tunnel“ (2019).
IMDB: 5.1 von 10
Letterboxd-Rating: 2.1 von 5
Hopsy-Rating: 2.5 von 5

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