Ambitioniert, seltsam, wirr
• Vereinigtes Königreich 2023
• Regie: Gary Shore
• Laufzeit: 125 Minuten
Handlung: 1938: Die Queen Mary ist auf einer ihrer vielen Fahrten nach New York unterwegs. Eine dreiköpfige Gaukler-Familie schleicht sich in den Ballsaal, in der Hoffnung, dass ihre kleine Tochter bei Fred Astaire vorsprechen kann. In der Gegenwart liegt das Schiff seit vielen Jahren in Los Angeles vor Anker und dient als Touristenattraktion unter dem Namen „The Queen Mary: No Escape“. Anne und Patrick wollen ein neues Marketingsmittel für die Attraktion vorstellen. Zusammen mit Annes kleinem Sohn Lukas gehen sie an Bord, um für ein Kinderbuch zu recherchieren. Bei einer Schiffsführung verliert Lukas die Gruppe aus den Augen, sieht ein junge Mädchen und folgt ihm.
Besprechung: Mein Projekt der 666 Horrorfilme geht oft krude Wege. Zuletzt habe ich „Undertone“ (Kanada 2025) besprochen, ein Kammerspiel, in dem das Wiegenlied „London Bridge is Falling Down“ vorkommt, das angeblich Kinderopfer thematisiert, mit denen man beim Bau versuchte hätte, die Brücke vor dem Einsturz zu schützen. Solche Bauopfer sind für die Prähistorie und die Antike. Im Mittelalter wurden dann wohl nur noch Tiere als Bauopfer getötet bzw. lebendig in das jeweilige Bauwerk eingemauert. Wie auch immer: Nach „Undertone“ war ich auf der Suche nach einem Horrorfilm, der ein solches Bauopfer in seine Geschichte integriert, und bin so auf „The Queen Mary“ gestoßen. Im englischsprachigen Raum heißt der Film übrigens „Haunting of the Queen Mary“.
Ich weiß, dass viele, denen ich auf letterboxd folge, den Film für eine Voll-Katastrophe halten. Der Untergang der Titanic in Filmform, ein Desaster von historischen Ausmaßen. Aber ich kann mich da nicht so ganz anschließen.
Sicher, Regisseur Gary Shore hat bisher nur mit dem Schnarchfest „Dracula Untold“ nicht auf sich aufmerksam gemacht, und er ist ganz sicher kein Stanley Kubrick, auch wenn er womöglich gerne einer wäre. Zumindest wirkt „Haunting of Queen Mary“ manchmal so, hier eine Art "Shining" zur See vorlegen will. Die Schiffsflure erinnern an die Korridore des Overlook-Hotel, Familienmitglieder werden mit der Axt bedroht, aus einem Fahrstuhl glimmt es blutrot, und dann heißt der Eigentümer des Riesenkahns auch noch Torrence.
Und ja, ich gebe den Kritiker*innen auch recht, dass die Geschichte eher für Verwirrung als für Grusel sorgt und hin und wieder gar ins Lächerliche kippt (weiblicher Geist am Klavier). Die Story ist eh schon kompliziert und wird dann auch noch unnötig kompliziert erzählt. Der Film scheint nicht zu wissen, ob er ein anspruchsvoller Horrorfilm mit psychologischem Tiefgang oder ein unterhaltsames Horrorspektakel für die Samstagnacht-Vorstellung im Cineplex sein will. Gegen den Tiefgang sprechen die eher flachen Figuren und grobe Effekthascherei, zum Beispiel wenn ein modriger Arm aus einem Smartphone hervorschnellt (warum?). Gegen das Cineplex-Spektakel sprechen 125 Minuten Laufzeit, in denen sich die Handlung auf zwei Zeitebenen und da auch jeweils nicht chronologisch entfaltet. Für einen gemütlichen Abend mit zwei bis sieben Dosenbier erfordert die verdammte Königin Mary viel zu viel Konzentration. Oder man winkt das Ganze gleich als überkonstruierten Hokuspokus durch.
Aber: Der Film hat eine ganz eigene Atmosphäre und trotz des oft sterilen Colourgrading (KI? Netflix-Pratikant?) schafft er auch immer wieder eindringliche Bilder. Außerdem mag ich das 1930er-Ambiente, die Tanzszene mit Fred Astaire!, die kleine Gaukler-Familie, den gehbehinderten Jungen (Lenny Rush) in der Jetztzeit und ganz allgemein, dass mal wieder ein Film auf einem üppigen Geisterschiff spielt. Und das ist vom Speisesaal über die Kabinen und den Poolbereich bis in den Maschinenraum gut in Szene gesetzt, woran auch eine dynamische Kamera und ein kreatives Editing Anteil haben. Zwar kommt kein richtiges „Zur-See“-Gefühl auf, aber in einer Zeitebene liegt der Kahn ja auch als Exponat mit Gruseltour vor Anker.
Lasst euch also von den miesen Kritiken nicht völlig abschrecken. Irgendwo in "Haunting of Queen Mary" steckt ein guter Film. Vielleicht könnt ihr einen Blick darauf erhaschen.
Trivia: Es gibt die Queen Mary tatsächlich und einige Aufnahmen des Films wurden auch dort gedreht (vieles sind aber auch virtuelle Nachbauten und Computereffekte). Mit vollem Namen heißt der Ozeanriese „RMS Queen Mary“ und diente also Royal Mail Ship, später aber auch vor allem als luxuriöses Passagierschiff. Mit mehr als 310 Metern war das 1934 vom Stapel gelassene Monstrum gut 40 Meter länger als die RMS Titanic.
Im März 2021 verkündeten wackere Filmproduzenten, dass „Haunting of Queen Mary“ der erste Teil einer Trilogie von Horrorfilmen über das Schiff sein soll, das heutzutage friedlich in Long Beach, Kalifornien, im Hafenbecken dümpelt. Und dabei gilt sie tatsächlich als verwunschen. Wer mehr darüber lesen will, klickt hier.
Die Stimme des Audio-Guides für die Tour an Bord klingt (sicher absichtlich) wie Rod Serling aus „The Twilight Zone“.
Das Budget des Films lag ursprünglich bei 11 Millionen US-Dollar, schoss aber in die Höhe, da etliche digitale Effekte und spezielle virtuelle Sets für den Dreh nötig waren, die deutlich mehr kosteten als geplant.
Der Film spielte an den Kinokassen 1,4 Millionen US-Dollar ein und kann damit als Vollflop bezeichnet werden. Dabei waren die Stimmen professioneller Filmkritiker*innen sogar mehrheitlich eher positiv. Aber die zahlen ja auch keinen Eintritt.
IMDB: 4.1 von 10
Letterboxd-Rating: 1.9 von 5
Hopsy-Rating: 2.5 von 5

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