· 

Undertone

Horror für die Ohren

Kanada 2025

Regie: Ian Tuason    

Laufzeit: 94 Minuten

 

Handlung: Evangeline „Evy“ Babic ist eine junge Frau, die in Kanada im Haus ihrer im Koma liegenden Mutter lebt und diese pflegt. Gemeinsam mit ihrem in London lebenden Freund Justin betreibt Evy „The Undertone“, einen Horror-Podcast über übernatürliche Phänomene; während Evy diese als Schwindel abtut, ist Justin fest von deren Echtheit überzeugt. Eines Tages erhält Justin eine anonyme E-Mail mit einer scheinbar willkürlichen Buchstabenfolge und zehn Audiodateien, die die beiden in ihrem Podcast abspielen. Was soll schon schiefgehen?

  

Besprechung: „Undertone“ wird als „the scarierst movie you will ever hear“ vermarktet. Natürlich ist das wie im Marketing üblich sehr hoch gepokert, aber es enthält einen hilfreichen Hinweis. Tatsächlich ist in „Undertone“ die Tonspur das Ereignis. Es wird einiges an garstigen Sounds aufgefahren, mit Stimmen und Rückwärtsabspielungen gearbeitet und auch ein weitgehend einfallsreicher Score auf die Ohren des Publikums losgelassen. Es lohnt sich also, den Film über Kopfhörer zu genießen, am Besten allein in der Nacht. Oder aber, ihn im Kino zu sehen, was schwer sein dürfte, da die kleine Produktion nur in wenigen Städten gezeigt wurde. 

 

Im Gegenzug zum großen Lauschangriff halten sich die Schauwerte sehr in Grenzen. Der Film spielt in den wenigen Räumen eines Hauses, ab und an gibt es einen Blick auf den Computerbildschirm, aber viel zu sehen bekommen wir nicht. Tatsächlich ist auch das Ensemble das Films ausgesprochen begrenzt: Nina Kiri spielt die junge Podcasterin, Michèle Duquet ihre bettlägerige und weitgehend unbewegliche Mutter. Von Justin (Adam Di Marco) hören wir nur die Stimme, wenn er um drei Uhr nachts (in London ist es dann etwa 8 Uhr morgens) in die Kopfhörer seiner Podcast-Kollegin spricht. Dabei gefällt mir bereits das erste ausführliche Gespräch der beiden, weil es mit wenigen, psychologisch feinfühligen Nuancen eine etwas brüchige Stimmung erzeugt und Themen andeutet, die den Film unterschwellig durchziehen. Die Gewalt der Erwachsenen gegen Kinder ist dabei ein roter Faden, der einzelne Aspekte des Geschehens miteinander verbindet. Evy kommt dabei eine vielschichtige Rolle zu, die von Nina Kiri („The Heretics“) so bodenständig wie beschädigt, so nahbar wie etwas befangen verkörpert wird.

 

„Undertone“ hat es tatsächlich geschafft, dass ich mich etwas gegruselt habe. Das ist mittlerweile eine für mich seltene und deshalb köstliche Empfindung. Die tolle Tonspur und die optisch zurückhaltende Inszenierung regt die Phantasie an, die obendrein durch eine nicht zu auserzählte Story Futter für die inneren Monster bekommt. Allerdings ist die Geschichte nicht ganz frei von Stereotypen und wirkt auf mich auch nicht ganz rund. Vielleicht wollte Regisseur und Drehbuchautor Ian Tuason bei seinem Debüt etwas zu viel hineinpacken, wobei sich manches gut ergänzt, anderes aber in meinen Augen eher im Wege steht. Was mich leider auch etwas rausgebracht hat, war, dass ich manchmal nicht gehört habe, was die „versteckten Stimmen“ in den Tonbandaufnahmen vorwärts oder rückwärts abgespielt sagen, bzw. dass sich das, was ich gehört habe, nicht mit dem gedeckt hat, was die Podcaster gehört haben wollen. Die „Come in Abyzou“-Passage habe ich bestimmt 40 Mal abgespielt, ohne dabei was anderes zu hören als „Let him Inischu“. Zum Verrücktwerden! 

 

So bleibt für mich vor allem ein liebevoll gemachtes Experiment, dass die Wirkung von Klängen auslotet, und eine intensive, tendenziell bedrückende Atmosphäre, die nach dem Sehen des Films allerdings nicht besonders lange nachhallt. Gelungen fand ich „Undertone“ aber auf jeden Fall, auch wegen Nina Kiri, die den langsamen, optisch etwas eintönigen Film gut trägt.  

 

Trivia: Der Film wurde zum Teil von Tuasons Erfahrungen inspiriert, als er Anfang der 2020er Jahre seine Eltern pflegte, die gegen Krebs im Endstadium kämpften. Er begann denn Stoff als Hörspiel, bevor er ihn zu einem Drehbuch weiterentwickelte, in das er eigene Erfahrungen einfließen ließ. Gedreht wurde „Undertone“ in Tuasons Elternhaus in Rexdale, einem Stadtteil von Toronto.

 

Die ungarisch-kanadische Szenenbildnerin Mercedes Coyle erhielt mehrere Wochen – statt der üblichen zwei Tage – Zeit, um das Set einzurichten, da Tuason während der Vorproduktionsphase noch in dem Haus wohnte, sodass das Team über einen längeren Zeitraum hinweg mit verschiedenen Möbeln, Tapeten und Dekorationselementen experimentieren konnte. Dabei verfolgte die Inszenierung bewusst eine Gestaltungsphilosophie, bei der die beiden Etagen des Hauses als gegensätzliche symbolische Räume behandelt wurden – das Erdgeschoss als warm und lebhaft als Symbol für Rationalität, das Obergeschoss als kalt und steril als Symbol für den Tod –, wobei sich die beiden Räume symbolisch umkehrten, je mehr sich der geistige Zustand der Protagonistin verschlechterte.

 

Die Audiodateien, die den Kern des Horrors des Films bilden, wurden bereits vor Produktionsbeginn vom Sounddesigner Dane Kelly aufgenommen und vollständig gestaltet, sodass die Schauspielerin Nina Kiri sie tatsächlich zum ersten Mal hörte, als sie ihre Reaktionen am Set filmte.

 

Die kleine Independent-Produktion hat gerade mal 500.000 Dollar gekostet und damit immerhin 22 Millionen Dollar eingespielt. Hilfreich dafür war sicher auch der Vertrieb durch A24, eine auf hochwertigen psychologischen Horror spezialisierte Produktions- und Filmverleihfirma.  

 

IMDB: 5.9 von 10

Letterboxd-Rating: 3 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 3 von 5

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0