Lustig, finster, aufwühlend – ein Knaller
• USA 2025
• Regie: Curry Baker
• Laufzeit: 108 Minuten
Handlung: Baron „Bear“ Bailey ist seit Jahren klammheimlich in Nikki Freeman verliebt, ein Mädchen aus seiner Freundesclique. Trotz einiger Tipps seines Freundes Ian konnte Bear bisher seine Gefühle nicht offen äußern. Als seine Katze stirbt und Nikki auch noch erklärt, dass sie demnächst ein Studium in einer anderen Stadt beginnen will, greift der verzweifelte Bear zu einem „Wunderzweig“ aus einem Kuriositäten-Shop. Der „One-Wish-Willow“-Zweig soll angeblich einen Wunsch erfüllen, wenn man ihn zerbricht. Ohne wirklich daran zu glauben, wünscht sich Bear, dass Nikki ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt. Das Schrecklichste passiert: Der Wunsch geht in Erfüllung.
Besprechung: Dieser Film des 26 Jahre jungen Curry Baker zeigt sehr deutlich, was ein guter Horrorfilm braucht. Dazu zählen weder ein großes Budget, noch teure Spezialeffekte oder besonders bekannte Schauspieler*innen. Was es braucht, ist vor allem ein wirklich gutes Drehbuch, das sowohl in Einzelszenen als auch in der gesamten Story zu überzeugen weiß. Außerdem sind ein Gespür für Timing und verschiedene Formen des Unbehagens sehr hilfreich. Und schließlich empfiehlt es sich, auf typische und dadurch abgenutzte Techniken zu verzichten und stattdessen inszenatorisch eigene Wege zu gehen.
„Obsession“ macht in diesen Hinsichten alles richtig und euphorisiert mich darüber hinaus, indem mir die Macher etwas zutrauen. Der Film gibt nicht vor, wie ich ihn verstehen und moralisch einordnen soll. Ich bekomme ein groteskes Geschehen mit komplexen Charakteren vor den Latz geknallt und muss selbst schauen, was ich daraus mache. Dabei stellt sich „Obsession“ weder über seine keineswegs rundum liebenswerten Figuren, noch solidarisiert sich der Film uneingeschränkt mit ihnen. Das Ergebnis ist so unterhaltsam wie psychologisch aufwühlend. Immer wieder gibt es Momente, die als schwarzer Humor und zugleich auch abgründiger Horror und sogar als pessimistische Tragödie funktionieren. Ob ich lache, erschrocken zusammenzucke oder mich unangenehm berührt im Sitz winde – der Film überlässt es mir!
Was Inde Navarette (bekannt z.B. aus der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“) in der Rolle der Nikki abliefert, ist oscar-würdig. Vom freundlichen Mädchen von nebenan, über die manisch Verliebte und krass Eifersüchtige bis hin zur verzweifelten jungen Frau, die erkennt, dass sie ihrer Autonomie beraubt wurde – sie bringt all diese Facetten intensiv und packend rüber. Auch Michael Johnston (u.a. „The Evil Ones“) spielt den schüchtern-einsamen „Bear“ großartig. Er ist die altbekannte Figur aus den RomComs und Serien wie „How I met your mother“, die gehemmt und wenig selbstbewusst ist, am Ende aber doch aus der „friendzone“ kommt und das Mädchen seiner Träume „kriegt“. „Obsession“ zeigt das Geschehen aus seiner Sicht und macht aus diesem Stereotyp eine bittere hetero-pessimistische Farce, die die Skepsis gerade jüngerer Menschen in Bezug auf amouröse Beziehungen eindrucksvoll bebildert.
Die Charaktere sind sowohl gut geschrieben als auch toll gespielt. So funktionieren die zahlreichen Sequenzen auf der kniffeligen Kippe von Horror und Humor einwandfrei. Darüber hinaus hat „Obsession“ ein tolles Sounddesign und verfügt über eine Tiefenschärfe, die heutzutage gar nicht mehr so häufig zu sehen ist. Die Kameraarbeit von Taylor Clemons nutzt Hintergründe und die Tiefe der Räume, anstatt alles platt im Vordergrund zu belassen, wie moderne UHD-Optik es manchmal vorzugeben scheint. Erstaunlich ist auch, dass sich der Film noch in anderer Hinsicht heutigen Seh- und Drehgewohnheiten verweigert und Schnitte auf das Notwendige beschränkt, anstatt durch viele hektische Schnitte, vermeintlich Energie zu erzeugen und Langeweile zu vermeiden. So bleiben Szenen oft länger „stehen“ als es der angeblich kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Jugend zugemutet werden darf. Dazu passt, dass „Obsession“ nicht mit einer Gruselszene aufmacht, sondern sich ganz selbstbewusst Zeit lässt, um seine Geschichte zu entfalten.
Die Geschichte selbst ist gleichzeitig uralt („Pass auf, was du dir wünschst, es könnte wahr werden“) und lässt sich auf Gruselerzählungen wie „The Monkey's Paw“ (William Wymark Jacobs, 1902) zurückführen. Andererseits wirkt sie zeitgemäß und frisch, weil aktuelle Diskurse über Konsens, toxische Beziehungen, Ko-Abhängigkeit, Autonomie und Projektionen in Beziehungen, Incels, Komplizenschaft oder date rape ohne sichtliche Anstrengung eingewoben sind. Zu einem weiteren Thema, das sich im Film entdecken lässt, finden sich ein paar Überlegungen unter „Hopsys Gedanken“.
Kurz: „Obsession“ wird nicht allen gefallen, aber kalt lassen wird der Film wahrscheinlich niemanden. Und für das Horrorkino ist der Erfolg dieses erfrischenden und effektiven Low-Budget-Films ganz sicher ein Segen.
Trivia: Curry Baker machte sich vor „Obsession“ auf youtube einen Namen mit dem Sketch-Comedy-Kanal „that's a bad idea“, den er zusammen Cooper Tomlinson entwickelte, der hier in der Rolle des Ian zu sehen ist. Außerdem drehte Baker bereits den durchaus beachtlichen, für 800 Dollar gedrehten Found-footage-Horrorfilm „Milk and Serial“ (2024). Wie schon für diesen Film schrieb Baker auch für „Obsession“ das Drehbuch und übernahm den Schnitt.
Inde Navarette, die kein großer Fan von Horrorfilmen ist, ließ sich für ihre Rolle der Nikki von Megan Fox in „Jennifer's Body“ (2009), Toni Collette in „Hereditary“ (2018) und Mia Goth in „Pearl“ (2022) inspirieren.
Für einige der Szenen mit Nikki und Bear, die vor dessen Wunsch spielen, ließ Regisseur Curry Barker die Schauspielerin Inde Navarrette zwei verschiedene Varianten derselben Szene drehen: eine, in der sie tatsächlich Interesse an Bear zeigte, und eine, in der dies nicht der Fall war. Beide Aufnahmen flossen in den endgültigen Schnitt ein, um Bears Ungewissheit darüber zu unterstreichen, ob Nikki ihn nun wirklich mag oder nicht.
Mit einem Budget von 750.000 Dollar spielte „Obsession“ rund 300 Millionen Dollar ein und gehört damit zu den besonders eindrücklichen Erfolgen der Horrorfilmgeschichte.
In der Festival-Version des Films gab es etwas mehr Gewalt zu sehen. Für die offizielle Kinofassung wurde der Film leicht geschnitten.
IMDB: 8.1 von 10
Letterboxd0-Rating: 4.1 von 5
Hopsy-Rating: 4.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Während des Schauens von „Obsession“ musste ich mehrmals an eigene Beziehungen denken und habe dabei die bemitleidenswerte Bedürftigkeit und zugleich zerstörerische Anmaßung meiner Jungmännerprojektionen („die Traumfrau, die mich erhört und damit erhebt“) unangenehm gespiegelt bekommen. Vor allem aber musste ich an eigene Borderline-Tendenzen und die bestimmter Partnerinnen denken, was den Film für mich durchaus ungemütlich macht. Es ist kein zu verquerer Gedanke, Nikkis Persönlichkeitsveränderung als Borderline-Erkrankung zu interpretieren, auch wenn das natürlich nur eine mögliche Lesart ist, die den Regisseur und Drehbuchautor womöglich gar nicht interessiert.
Die Borderline-Persönlichkeits-Störung (BPS) muss nicht im Vollbild vorliegen, um für die Betroffenen und ihr nahes Umfeld qualvoll zu sein. Wie eigentlich bei allen psychischen Erkrankungen sind Übergänge vom „noch normalen“ ins „klar Pathologische“ typisch. Tatsächlich geht der Begriff „Borderline“ auch auf einen Psychiater (Charles H. Hughes) zurück, der 1884 damit diagnostische Grenzfälle zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit beschreiben wollte, oder genauer: zwischen Neurose (keine Wahnvorstellungen) und Psychose (Wahnvorstellungen).
Heutzutage versucht man, anhand von Verhaltens- und Erlebnisweisen der Betroffenen das Störungsbild einzukreisen. So bietet das US-amerikanische „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) eine Reihe von Kriterien, von denen mindestens fünf erfüllt sein müssen, um von einer Borderline-Erkrankung sprechen zu können:
* Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
* Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
* Störung der Identität: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
* Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen, z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“.
* Wiederholtes suizidales Verhalten, Suizidandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
* Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern.
* Chronische Gefühle von Leere.
* Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.
* Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
Es gibt im DSM auch ein Alternativmodell und im Pendant zu diesem Handbuch psychischer Störungen – dem International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, kurz ICD – auch eine andere Herangehensweise an das Störungsbild. Dort spricht man von „borderline patterns“, also bestimmten Verhaltens- und Erlebnismustern, die zur Diagnose einer „Persönlichkeitsstörung“ hinzugezogen werden können.
Erschwert werden kann eine Diagnose dadurch, dass oft noch andere Erkrankungen vorliegen, die nicht selten Folge der Borderline-Persönlichkeitsstörung sind: Depressionen, Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch, Essstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen. Bei den Ursachen wird wie so oft auf das biopsychosoziale Modell verwiesen. Heißt: genetische Veranlagung trifft auf neurobiologische Besonderheiten, die dann durch belastende und/oder traumatische Erlebnisse in der Kindheit ausgelöst werden. Früher ging man davon aus, dass Frauen häufiger von dem Krankheitsbild betroffen sind (75 Prozent), diese Sichtweise wird jedoch zunehmend angezweifelt. Tatsächlich vermutet man, dass beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen sind, sich aber andere Symptome oder Symptomschwerpunkte zeigen.
Es ist nicht so, dass „Obsession“ ein realitätsnahes und detailliertes Bild dieser fürchterlichen, zum Glück aber recht gut behandelbaren „Krankheit“ (oder schädlichen Lebensprägung), zeigt. Vielmehr sind es bestimmte Stimmungen, die der Film transportiert, und die Borderliner*innen oder Angehörige womöglich kennen: Das Manische der Verbindungsgefühle, die so brennend und flehend und so leicht zu irritieren sein können. Die existenzielle, weil noch kindliche Angst vorm Verlassenwerden, die Verhaltensweisen des Partners bzw. der Partnerin ständig überprüft, um etwaige Warnsignale rechtzeitig zu erkennen. Das krankhafte Idealisieren (Nikki baut Bear einen Altar). Das Drohen mit Selbstmord. Das Hin- und Hergerissensein zwischen heftigen Emotionen. Der unbedingte Wunsch nach Verbundheiten bei gleichzeitiger Panik, die eigene Autonomie zu verlieren (je stärker der Wunsch, desto stärker die Angst). Die krassen Wutausbrüche, bei denen innere Spannungen abgebaut werden, die unaushaltbar sind. Spannungen, die aus dem für den Betroffenen unlösbaren Konflikt aus Bindungswunsch und Autonomiestreben, entstehen. So existiert Nikki in zwei extrem gegensätzlichen Versionen: einer irrwitzig in Bear verliebten Version, die nicht ohne ihn leben kann. Und einer keineswegs verliebten Version, die sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder Herrin im eigenen Haus zu sein. Anders als im Film, wo letzteres die reale Version von Nikki ist, kann die Borderlinerin den Eindruck haben, zwischen zwei extremen, aber jeweils nicht hundertprozentig authentischen Bedürfnissen zerrissen zu sein. Dabei erschafft sie den verinnerlichten Horror ihrer Prägung mittlerweile selbst: Die verzweifelte Sehnsucht nach der bedingungslosen Verschmelzung erzeugt die abgründige Furcht vor Auflösung und Verschlungenwerden. Ist der Partner dann erst fortgestoßen und verlassen, stellt sich nach einem kurzen Gefühl der Erleichterung wieder die unstillbare Sehnsucht ein. Ich wünsche jedem Menschen, der diesen brutalen Teufelskreislauf kennt, Hilfe, Trost und Linderung.

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