Mega-erfolgreicher Inneneinrichtungs-Horror
• USA 2026
• Regie: Kane Parsons
• Laufzeit: 111 Minuten
Handlung: USA 1990. Clark wäre gerne Architekt geworden. Stattdessen ist Inhaber eines so billigen wie schlecht laufenden Möbelladens namens „Cap'n Clarks Ottoman Empire“. Clark neigt zum Alkoholismus, seine Frau hat ihn rausgeschmissen, seine Therapeutin versucht, ihn mit seinen Gefühlen in Kontakt zu bringen – und da entdeckt er eines nachts im Möbelladen den Zugang zu gewaltigen, scheinbar unbewohnten Räumen. Erschrocken und fasziniert beginnt er das Labyrinth monotoner, weitgehend leerer Räume zu erkunden. Ein Ende kann er nicht entdecken, aber etwas scheint ihm auf den Fersen zu sein.
Besprechung: Wenn Backrooms am 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos anläuft, wird Regisseur Kane Parsons gerade einmal 21 Jahre alt. Er wurde zum jüngsten Regisseur der Kinogeschichte, dessen Film mit einem weltweiten Startergebnis von 177,9 Millionen Dollar die Spitze der Kinocharts erreichte. Dass ein so junger Mensch einen erfolgreichen Film machen kann, ist damit also klar. Aber kann er auch einen wirklich guten Film machen?
In meinen Augen haben die Filmproduktionsgesellschaft A24 und Produzenten wie unter anderem die bekannten Horror-Regisseure James Wan und Osgood Perkins mit Parsons und seinem Debütfilm nicht nur unter kommerziellen Gesichtspunkten auf das richtige Pferd gesetzt. Auch stilistisch und inhaltlich hat „Backrooms“ mehr zu bieten, als ein Großteil der jährlichen Horrorfilm-Konkurrenz. Die fensterlosen Räume sind toll ausgestattet und in Szene gesetzt. Man spürt die Einsamkeit, den Innendruck, die Entfremdung und die knisternde Stille, die diese sonderbaren Nicht-Orte erzeugen. Mal werden die Erkundungen mit wackliger Kamera im found footage Stil in Szene gesetzt, dann wieder gibt es lange, ruhige Einstellungen oder Zooms auf dunkle Vierecke, hinter denen Gänge oder Schächte lauern. Die Objekte, die sich ab und an in diesen Räumen und Korridoren ohne erkennbaren Verwendungszweck finden, wirken beliebig und regen gerade dadurch die Phantasie an. Die Musik von Edo Van Breemen und Kane Parsons selbst unterstützt mit ihren wabernden Texturen die aufregende und besonders wirkende Atmosphäre, die man so in einem Horrorfilm noch nicht erlebt hat.
Chiwetel Ejiofor (u.a. zu sehen in „The Martian“ und „The Life of Chuck“) als Clark und Renate Reinsve (u.a. „Handling the Undead“ und „Sentimental Value“) als Therapeutin Mary haben sowohl die nötige Leindwandpräsenz als auch das schauspielerische Talent, um ihren Figuren Glaubwürdigkeit und Tiefe zu verleihen. Die Dynamik zwischen den Figuren wirkt gleichzeitig organisch und unkonventionell, so wie der Film generell immer wieder etwas Unverbrauchtes ausstrahlt, was auch durch ein paar einfallsreiche und ungewöhnliche Schnitte unterstützt wird.
Ein künftiger Klassiker ist „Backrooms“ für mich allerdings trotz seiner Stärken nicht. Die Story, die Drehbuchautor Will Soodik zur Internet-Legende der Backrooms entwickelt
hat, wirkt wie eine solide, aber nicht zwingende Begründung dafür, eine gerade bei Jugendlichen beliebte „Creepypasta“ auf Spielfilmlänge ins Kino zu bringen. Zwar finde ich es gut, dass die
Geschichte Psychologisches und Soziologisches zusammen denkt, also den Horror sowohl aus dem Individuum als auch der Gesellschaft zieht, aber eine tief aus dem Unbewussten
heraufgewuchtete, verstörende Substanz konnte ich darin nicht ausmachen. So bleibt der Eindruck eines richtig coolen Gimmicks, das mit Hilfe eines ordentlichen, aber nicht visionären
Drehbuchs in 111 dann doch etwas lange Minuten Film transportiert wurde.
Gut finde ich, dass sich „Backrooms“ anfangs Zeit für die Charakterisierung seiner Figuren lässt. Auch dass man auf eine ermüdende Aneinanderreihung plumper Schreckeffekte
verzichtet, hilft dem Film. Allerdings hätten es vielleicht ein, zwei optische Grobheiten mehr schon sein dürfen. Auch sind die Erklärungsansätze, die der Film bietet – wie so
oft – weniger aufregend, als das mysteriöse Gefühl, dem man als Zuschauer ausgesetzt ist, bevor den eigenen vagen Spekulationen etwas halbwegs Greifbares vorgelegt wird. Zum Glück übertreibt es
„Backrooms“ nicht mit der Aufschlüsselung und lässt genug Raum für Fragen. Und natürlich für eine Fortsetzung.
Trivia: Am 12. Mai 2019 postete ein anonymer Nutzer auf dem Imageboard 4chan einen Thread, der ein einzelnes Standbild leerer, gelber Räume zeigte. Dabei stand folgender Text: „Wenn du nicht aufpasst und an den falschen Stellen per ‚Noclip‘ aus der Realität fällst, landest du in den Backrooms – einem Ort, an dem dich nichts erwartet außer dem Gestank alten, feuchten Teppichbodens, dem Wahnsinn des allgegenwärtigen Gelbs, dem endlosen Summen und Brummen von Leuchtstoffröhren und rund sechshundert Millionen Quadratmeilen willkürlich unterteilter, leerer Räume, in denen du gefangen bist. Gott stehe dir bei, wenn du etwas in der Nähe umherstreifen hörst, denn es hat dich mit ziemlicher Sicherheit längst bemerkt.“
Die digital gerenderte Darstellung in Kombination mit dem Text war der Startschuss für eine sogenannte „Creepypasta“, also eine im Netz verbreitete Horrorstory. Immer mehr Nutzer*innen schrieben Storys zu den Backrooms. Die Sage wurde immer ausgefeilter, es entstanden Computerspiele und Youtube-Videos, in denen man durch die endlosen „Hinterzimmer“ einer parallelen Realität läuft. So schuf ab Januar 2022 Kane Parsons auf seinem YouTube-Kanal „Kane Pixels“ die Found-Footage-Horror-Webserie "Backrooms", die bisher 18 Episoden sowie 6 versteckte Episoden umfasst. Parsons nutzte dafür vor allem 3D-Blender-Animationen und griff auf Effekte wie Bildstabilisierung und VHS-Filter zurück. Manche Passagen wurden aber auch als Realfilm aufgenommen. Die Filme gingen viral, A24 wurde darauf aufmerksam und die Produzent*innen verliebten sich in die Idee. Das führte schließlich dazu, dass sie Kane Parsons anboten, bei einem entsprechenden Film als Regisseur und Drehbuchautor zu fungieren.
Kane Parsons nennt die Videospiele „Portal“ (2007) und „Portal 2“ (2011) als die wichtigsten Einflüsse auf die Gestaltung seiner „Backrooms“.
Das Filmteam errichtete für die Produktion rund 30.000 Quadratmeter „Backrooms“-Kulissen. Das Set war so riesig, dass sich einige Crewmitglieder darin verirrten.
Sowohl Chiwetel Ejiofor als auch Renate Reinsve waren bereits für einen Oscar nominiert.
Der Schwarz-Weiß-Film, den Clark nachts auf seinem Fernsehgerät sieht, existiert tatsächlich und heißt „Santa Claus Conquers the Martians“ (1964).
IMDB: 7.1 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.4 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Sowohl das Internet-Phänomen als auch der Film „Backrooms“ feiern die Unheimlichkeit bestimmter Orte. Diese können als „liminal“ bezeichnet werden. Ausgehend vom lateinischen Wort „limen“ für Schwelle sind sie also „schwellenartig“ oder anders gesagt: Übergangsorte. Liminalität ist ein Begriff, den der britische Kulturanthorpologe und Ethnologe Victor Turner 1963 geprägt hat, um damit einen bestimmten Schwellenzustand von Individuen oder Gruppen zu beschreiben, die sich durch Rituale (meist vorübergehend) von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben. So sind beispielsweise in vielen (historischen) Kulturen Übergangsriten zu beobachten, während der Pubertierende von Kindern zu Erwachsenen werden. Die Zeit dazwischen ist ein Schwellenzustand, in dem andere Regeln gelten als davor und danach. Das bahnbrechende Werk zu diesem Thema ist „Les rites des passages“, das der französische Ethonologe Arnold von Gennep 1909 veröffentlicht hat.
Auf Orte angewandt, erhellt der Begriff der „Liminalität“ einen etwas anderen Dreh. Hier nun geht es um Räume, die klar von Menschen geschaffen wurden, aber nicht mehr (oder phasenweise nicht) von diesen bevölkert werden. Orte, die in einer Grauzone zwischen Nutzung und Nicht-Nutzung liegen. Man könnte auch sagen, dass sie sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart befinden und einen Zustand verkörpern, in dem sich eine Identität aufgelöst hat und eine andere noch nicht gefunden ist. Solche liminalen Orte können sein: Akut nicht genutzte Flughäfen, Straßen, Hotels oder auch Bushaltestellen. Orte also, die jeweils nur vorübergehend genutzt werden und das auch nur, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Andere Beispiele sind Einkaufshäuser oder Büroräume nach ihrer dauerhaften oder vorübergehenden Schließung, ungenutzte Parkhäuser, geschlossene Hallenbäder in der Nacht oder eben die endlosen fensterlosen Flure und Räume aus „Backrooms“, in denen das ständige Summen der Leuchtstoffrohren und das Gelb der Wände die Beunruhigung noch verstärken.
Aber warum wirken solche Räume beunruhigend? Es ist ein klassisches Prinzip des Horrors, das Vertraute unvertraut erscheinen zu lassen. Tagsüber kann uns ein belebtes Parkhaus vielleicht etwas dunkel und kellerhaft vorkommen, in der Nacht aber, vor allem, wenn dort niemand mehr ist, scheint es seiner Funktionen enthoben. Unsere Phantasie kann sich nun andere Verwendungsmöglichkeiten ausmalen. Diese müssen natürlich nicht bedrohlich sein, aber die Leere und Funktionslosigkeit der Umgebung erzeugt üblicherweise Gefühle von Orientierungslosigkeit, Isolation und Kontrollverlust. Es fehlen die Geschäftigkeit, der Lärm und die alltäglichen Verrichtungen, die unser Hirn an diesen Orten erwartet. Es fehlt auch der soziale Spiegel durch menschliche Gegenüber. Dazu kommt, dass funktionale Räume oft steril und gleichförmig sind und wenig anheimelnd wirken. Auch Hotelzimmer, die ja phasenweise bewohnt werden sollen, sind als lediglich vorübergehende Lebensräume tendenziell entseelt und künstlich. Nicht umsonst ist das Overlook Hotel in Kubricks Verfilmung von „Shining“ ein ikonischer Ort des Horrorkinos.
Etwas stimmt mit diesen Orten nicht. Eigentlich sind sie ganz nah am Vertrauten, Alltäglichen und Normalen. Aber entkleidet von ihrer Funktion produzieren sie für viele von uns ein Gefühl der Fremdheit. Im Film „Backrooms“ wird diese Fremdheit dadurch verstärkt, dass die eigentliche Funktion der Räume nicht nur unklar bleibt, sondern auch verwirrende Details wie eine durch die Flure fliegende Möwe, ein in allen möglichen Sprachen sprechender Automat oder alte, sinnlos wirkende Beschilderungen den Eindruck erzeugen, das hier etwas nicht stimmt. Unser Gehirn bekommt nicht zu fassen, wo wir uns befinden. Dabei baut der Film stark auf den Effekt den Horrorfans als „uncanny valley“ ("unheimliches Tal") bezeichnen. Der Begriff stammt aus der Robotik und wurde 1970 vom japanischen Professor Masahiro Mori geprägt, um die emotionale Reaktion auf besonders menschenähnliche Roboter zu benennen. Heute wird er der Begriff bei Gamern und Filmfans oft in einem weiteren Sinne verwendet und beschreibt auch befremdliche Wirkungen, die nicht von Robotern oder Avataren ausgehen.
Übergangs- oder Nicht-Orte sind bestens geeignet, um zur Projektionsfläche unserer verdrängten Ängste und Konflikte zu werden. In dieser Hinsicht passen sie zu Freuds Theorie des Unheimlichen, das seiner Ansicht nach nicht das komplett Fremde ist, sondern das ursprünglich Vertraute, das ins Unterbewusstsein verdrängt wurde und uns nun im Außen in entfremdeter und oft auch erschreckender Form wieder begegnet.
Wer noch ein bisschen mehr zu dem Thema „die Unheimlichkeit liminaler Räume“ lesen will, findet beispielsweise hier und hier und hier lesenswerte Artikel bzw. einen längeren Hörbeitrag.

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