Harter Terrorfilm mit 1970er-Vibe
• USA 2025
• Regie: Rod Blackhurst
• Laufzeit: 83 Minuten
Handlung: Macy und Chase machen einen Wandertrip durch die Wälder von Tennesse und entdecken dabei einige Puppen an den Bäumen. „Ein Kunstprojekt“ vermutet Chase. Kurz darauf steht ihm der Mund sperrangelweit offen.
Besprechung: In meinen Augen rechtfertigt "Dolly" weder einen Hype, noch ist der Film die Vollkatastrophe, die manche in ihm sehen. Es ist
sicher nicht hilfreich, den Film als „Slasher“ zu betrachten, denn das ist er kaum. Vielmehr ist das ein bösartiger Exploitation-Film, der im Look den Vorbildern der 1970er
nacheifert. Vor allem die Referenzen an „The Texas Chainsaw Massacre“ sind sehr deutlich. Regisseur Rod Blackhurst nannte aber auch frühere Filme wie „Was geschah wirklich mit Baby Jane“
als Einflüsse, die ihn schon als Kind geprägt haben.
Man kann dem Film vorwerfen, dass er eine mental zurückgebliebene, psychisch kranke und körperlich auffällige Frau als gefährliches Monster in Szene setzt. Menschen, die besonders
sensibel auf jede Form von echtem oder vermutetem Ableismus reagieren, könnten „Dolly“ also schon deswegen scheiße finden. Andere sehen vielleicht in dem Film die Manifestation ziemlich
kranker Phantasien über Frauen, die einem zu wenig reflektierenden Männerhirn entsprungen sind. Auch die werden „Dolly“ nur schwer mögen können. Ich will diese Sichtweisen nicht als falsch
bezeichnen, aber in meinen Augen sind andere möglich, auf die unter „Hopsys Gedanken“ ein wenig eingehe.
Der körnige Look des Films, das Colourgrading und das Drehen auf 16-mm-Film lassen „Dolly“ in meinen Augen angenehm haptisch und im Stil der fiesen Terrorfilme der 1970er
erscheinen. Der Score ist eigenständig und in meinen Ohren ziemlich cool, auch wenn er nicht immer gut genutzt wird. Die Schauspielleistungen sind okay. Ich fand es lustig, Seann William
Scott zu sehen und schließlich darauf zu kommen, dass er vor Jahrzehnten den "Stifler" in den dämlichen American-Pie-Filmen gespielt hat. Fabienne Therese als Macy ist ein gutes final
girl, weil ihre Rolle tough genug geschrieben ist und ich ihr die Gegenwehr auch abnehme. Leider nehme ich ihr auch einige dumme Entscheidungen ab. Der Film ist ohnehin
kein Feuerwerk an Logik und Plausibilität. Um es milde auszudrücken.
Das passt zu einer Story, von der einige sagen, sie sei ausgesprochen dünn. Ich möchte erwidern: Auch nicht dünner als die von „The Texas Chainsaw Massacre“. Wir bekommen
immerhin ein bisschen Hintergrund zu Macy und auch zu Dolly, der hünenhaften „Monsterfrau“. Mich hat es nicht gestört, dass der Film kein tiefsinniges Charakterdrama und kein komplexer
Mystery-Streifen ist. „Dolly“ weiß, was er sein will, und ist das dann auch. Also gibt es hier ein paar ausgesucht ekelhafte Szenen und satte, praktische Gore-Effekte.
Die Haupt-Schwäche des Films ist für mich die Dramaturgie. Denn die ist nicht clever und ideenreich genug, um die guten Zutaten (das Maskendesign von Dolly ist zum Beispiel
super) so zu verrühren, dass ein wirklich feuriger Eintopf daraus wird. Die Situation eskaliert ziemlich früh, spitzt sich dann aber kaum weiter zu. Das heißt: Der Film bleibt spannungs- und
härtetechnisch auf einem Level, was sich auch bei schlanken 77 Minuten reiner Laufzeit als Fehler erweist. Und dabei wurden die 77 Minuten noch mit prätentiösen und unnötigen Kapiteleinblendungen
gestreckt. Auch in einer anderen Hinsicht kann „Dolly“ dem damals bahnbrechenden „Texas Chainsam Massacre“ nicht annähernd das Wasser reichen: Die Behausung von Dolly ist ganz
interessant, aber erzeugt nie den beklemmenden, dreckigen und fast schon riechbaren Eindruck des Sawyer-Anwesens. Ja, tatsächlich scheint Dolly recht reinlich und hauswirtschaftlich gut
zuwege zu sein.
Dennoch sollten Freund*innen harter 70er-Terrrorfilme in diesen ambitionierten, aber nicht rundum gelungenen Versuch einer Huldigung mal einen Blick gönnen, denn „Dolly“ bietet trotz
seiner Schwächen immer noch genug, um Horrorfans am Bildschirm zu halten.
Trivia: Rod Blackhurst hat zunächst als proof-of-concept einen Kurzfilm zu seiner Dolly-Thematik gedreht. Ein Interview mit dem
Regisseur (unter anderem zum Entstehungsprozess von „Dolly“) findet sich hier.
Die Vertriebsrechte für den günstig produzierten Independent-Film sicherte sich Apple Original Films nach einem kompetitiven Bieterverfahren, an dem mehrere große Studios beteiligt
waren.
Die Hauptdreharbeiten fanden in Chattanooga, Tennessee, statt. Ein Schauplatz war dabei das Read House Hotel mit seinem historischen Interieur.
Kameramann Justin Derry setzte Arriflex-416-Kameras ein, die mit Zeiss-Ultra-16-Objektiven ausgestattet waren. Als Filmmaterial nutzte er Kodak Vision3 500T 7219 und 250D 7207.
Dolly wird nicht von einer Schauspielerin verkörpert, sondern vom non-binären Profi-Wrestler Max Lindsey, Ringname „Max the Impaler“.
IMDB: 5.1 von 10
Letterboxd0-Rating: 2.4 von 5
Hopsy-Rating: 3 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Zu den Vorwürfen von Ableismus und verquerem Frauenbild denke ich, dass es einerseits wirklich billig ist, eine hünenhafte Frau mit massiven mentalen und psychischen Problemen
zur Schreckgestalt zu machen. Andererseits könnte mandie Prämisse auch als feministischen Befreiungsschlag verstehen (was leichter fiele, wenn der Film von einer Frau gemacht worden und
entsprechend vermarktet worden wäre). Denn: Warum soll nicht auch mal eine Frau so eine Bedrohung wie die drei großen Gestörten Leatherface, Jason oder Michael Myers sein dürfen? Und
warum sollten nicht auch Menschen mit geistiger Behinderung das Recht haben, als extrem gewalttätig dargestellt zu werden? Ist es nicht paternalistisch, Menschen mit bestimmten
Einschränkungen pflichtschuldig nur als gute, bemitleidenswerte Geschöpfe darzustellen? Vielleicht könnte man in Dolly eine aufgewühlte, zurückschlagende Frau sehen, die um so vieles betrogen
wurde, was sie gebraucht hätte, um zu einem liebenswerten Menschen heranzuwachsen.
Dollys Vater wirkt eindeutig böser als Dolly selbst (niemand würde sich über „Männerfeindlichkeit“ in solchen Filmen beschweren. Männer als gewaltbereite Arschlöcher und Psychopathen
darzustellen, ist so verbreitet, dass es einfach mit einem „isso“ durchgewunken wird.) Tatsächlich hatte ich mit Dolly immer wieder einmal Mitleid, mit ihrem Vater nie. Wie
Leatherface ist Dolly ein Produkt ihrer Familie und der Gesellschaft. Sie sehnt sich nach einer guten Mama und will selbst eine gute Mama sein, hat in der Hinsicht aber nicht viel Konstruktives
gelernt. Dass Macy, die selbst keine Mutter sein will, weil sie selbst wohl eine monströse Mutter hatte, an Dolly gerät, verleiht dem Film tatsächlich etwas Tiefsinn. Man kann die ganze
Begegnung als Macys innere Auseinandersetzung mit ihrer eigenen (womöglich psychisch kranken oder persönlichkeitsgestörten) Mutter sehen. In der Hinsicht finde ich vor allem spannend,
dass Dolly für ein verbreitetes Phänomen steht: Eine Frau hat unter ihrer Mutter gelitten und wünscht sich ein Kind, um endlich die Liebe zu erleben, die ihr selbst fehlte. Leider kann das Kind
so als Kompensation missbraucht werden, und zwar von einer Frau, die selbst vor allem noch Kind ist.
Dass manchen Frauen diese Sichtweise nicht gefällt – geschenkt. Das macht sie aber nicht weniger stichhaltig. Die Umkehrung von Mutter-Kind-Rollen – das Kind ist für die unbefriedigten
Bedürfnisse der Mutter zuständig, die ihre Bedürftigkeit hinter scheinbarer Fürsorge maskiert – ist gerade in patriarchalen Gesellschaften weit verbreitet. Dazu passt, dass Dolly an
stereotypen Mädchenkleidern, Puppenspielzeugen und einem traditionellen Familienbild festhält, während sie gleichzeitig genau in so einer traditionellen Kleinfamilie furchtbar zugerichtet worden
ist.
Die monströse Dolly kann auch als die Verkörperung von Trauma schlechthin betrachtet werden. Ständig schwankt sie zwischen Sehnsucht nach Liebe, Verzweiflung und mörderischer
Wut, wenn etwas ihren Bedürfnissen in den Weg zu kommen droht, oder sich „ihr niedliches Mädchen“, mit dem sie Mama spielen will, als bockig erweist. Kinder sind aber keine Püppchen, und
Mütter (und Väter) sollten auch genug gesellschaftliche Unterstützung erfahren, um sich nicht in einer verlogenen Puppenwelt einrichten zu müssen.

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