Surreal-verspielte Kapitalismus-Groteske
• Vereinigtes Königreich 2018
• Regie: Peter Strickland
• Laufzeit: 118 Minuten
Handlung: Sheila ist Anfang 50, wurde vom Mann sitzengelassen und schlägt sich jetzt mit einem pseudo-coolen Sohn, seiner unverschämten Freundin und einem Angestellten-Job in einer Bank herum. Als sie im Winterschlussverkauf ein blutrotes Kleid entdeckt, redet ihr die befremdlich wirkende Verkäuferin solange zu, bis sie es kauft. Üblerweise ist das Kleid verflucht.
Besprechung: Peter Strickland lässt die (Schaufenster-)Puppen tanzen. Das hier ist in erster Linie ein kauziger Arthouse-Film, der neben
satirischen Elementen genug Unheimlichkeit enthält, um bei „Horror und Psychologie“ besprochen zu werden. Reinrassigen Horror darf man sich nicht erwarten, wohl aber einige wenige ziemlich
unangenehme Momente. Der Tonfall des Films ist schwer zu greifen, da er in seiner Überzeichnung von Verkäufer*innen, Vorgesetzten und Kunden humorvolle, unheimliche und phantastische Elemente
mischt. In meinen Augen ist „Das blutrote Kleid“ eine Groteske, die den alltäglichen Wahnsinn im Kapitalismus (und darin vor allem den Warenfetischismus) durch eine Verschiebung ins Surreale greifbar macht.
Ein Stilmittel des Films ist die Verwischung der zeitlichen Grenzen. Angeblich spielt der Film 1993, aber vieles lässt an die 1970er denken. Statt Smartphones gibt es Telefone mit Wählscheibe.
Auch die Mode repräsentiert eine frühere Epoche. Gleichzeitig wirkt beispielsweise Sheilas Sohn wie ein ganz normaler Lümmel der Gegenwart. Ästhetisch lässt der Film mit satten Primärfarben und
einem Synthiescore der Band „Cavern
of Anti-Matter“ an die stylischen italienischen Gialli der 1970er denken, vor allem natürlich an das Werk von Dario Argento. Da obendrein die Verkäufer*innen des Konsumtempels „Dently
& Soper's“ wie Vampire des 19. Jahrhunderts wirken, kommen Horrorfans hier durchaus auf ihre Kosten, auch ohne dass es blutige Szenen, schreckliche Monster oder abrupte Schreckmomente
gibt.
Dass emotionale Herzstück des Films ist für mich Oscarpreisträgerin Marianne Jean-Baptiste, die die Sheila so glaubhaft und nahbar spielt, dass man von der ersten Minute an mit ihr mitfühlt. Sie
ist eine kluge und tapfere Frau, die in irrwitzigen Umständen versucht, ein guter Mensch zu sein, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Genau da allerdings, wo sie sich aus menschlicher Sehnsucht
nach Nähe, ein schickes Kleid aufschwatzen lässt, macht sie sich verwundbar für die Mächte der Finsternis. Das ist eine böse Pointe, die lakonisch und nah an der Figur erzählt wird.
Auch alle
anderen Darsteller*innen in „Das blutrote Kleid“ sind gut, aber Jean-Baptiste ist wirklich eine Macht. Das merkt man auch daran, dass der Film in den Momenten ohne sie, nicht ganz den gleichen
Sog entfalten kann. Und leider trifft Peter Strickland, der auch das Drehbuch verfasste, eine dramaturgisch sehr sperrige Entscheidung. Womöglich soll damit das „Strukturelle“ und
„Überindividuelle“ des Kleides deutlich gemacht werden, aber ich bin mir sicher, dass es dafür Möglichkeiten gegeben hätte, die den Film weniger unrund hätten werden lassen.
So bleibt ein faszinierender Trip voller intensiver und origineller Szenen, der die Zuschauer*innen in eine ganz eigene Welt entführt, die zugleich die unsere zur so erschreckenden wie
lächerlichen Kenntlichkeit entstellt. Leider ist dieser Trip dramaturgisch zunehmend weniger an den Bedürfnissen eines Publikums interessiert und büßt dadurch in meinen Augen an Faszination und
Wirkkraft ein.
P.S.: Ich hoffe, in den nächsten Tagen hier noch Hopsys Gedanken zur Psychologie des Warenfetischismus ergänzen zu können. Da ich derzeit eine fiebrige Erkältung habe, muss ich das leider
verschieben.
Trivia: Strickland erklärte, er habe sich beim Schreiben des Drehbuchs sowohl von der besonderen Atmosphäre von Secondhand-Läden als auch
von seinen Kindheitserinnerungen an Besuche in Kaufhäusern inspirieren lassen, insbesondere von der mittlerweile geschlossenen Jacksons-Filiale in Reading, Berkshire.
Das titelgebende Kleid selbst musste verschiedenen Figurtypen passen. Deshalb entwarf Kostümbildnerin Jo Thompson ein schlichtes rotes Seidenwickelkleid. Im Film wird das Kleid in einem
Mode-Katalog mit der Farbe „Arterien-Rot“ aufgeführt.
Unter den Schlagzeilen, die auf der Titelseite von „The Report“ zu sehen sind, finden sich: „Finalisten für den unhöflichsten Kellner des Jahres bekanntgegeben“, „Poolboy Larry gewinnt eine
Traumreise nach New York“, „Mehr Knoblauchsrauke für Aurorafalter benötigt“, „Katalogmodel an Zebrastreifen getötet“, „Vermieterin beim nächtlichen Gärtnern auf dem Grundstück des Mieters
erwischt“, „Vandalen zerstören Schneemann Edgar“, „Vogelkot am Fenster fälschlicherweise für ein Seeungeheuer gehalten“ und „Fotograf entschuldigt sich für die Behauptung, im letzten Sommer sei
eine Schlingnatter in Thames Valley-on-Thames gefunden worden“.
„Das blutrote Kleid“ wurde vom British Film Institute mit Mitteln der National Lottery, BBC Films und Head Gear Films
kofinanziert. Der Film soll etwa 1.3 Millionen Dollar gekostet und rund die Hälfte davon eingespielt haben. Kunst halt.
IMDB: 6.1 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.2 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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