Marokkanischer Rachegeist in Pariser Banlieue
• Frankreich, Marokko 2020
• Regie: Alexandre Bustillo und Julien Maury
• Laufzeit: 85 Minuten
Handlung: Drei Freundinnen entdecken beim Sprayen von Streetart in einem verlassenen Hochhaus ein Symbol von Aïsha Kandisha, einem Rachegeist der marokkanischen Folklore. Als eine von ihnen übel angegriffen wird, beschwört sie aufgewühlt den Geist und löst damit eine Kette schrecklicher Ereignisse aus.
Besprechung: Alexandre Bustillo und Julien Maury haben 2007 mit ihrem Erstling „Inside“ einen eindrucksvollen und brettharten Schocker
inszeniert. Seitdem können sie trotz guter („Livid“) und weniger guter („Leatherface“) Filme nicht mehr an die Klasse ihres Debüts
anknüpfen. Daran ändert auch „Kandisha“ nichts, da der Film zu sehr an unzählige andere Horrorfilme erinnert, in denen ein böser Geist Jagd auf Menschen macht. Dass es diesmal
ein weiblicher marokkanischer Rachegeist ist, der sich ausschließlich auf Männer spezialisiert, macht die Sache kaum interessanter. Spezieller ist da schon das Setting des Films: Die
Pariser Vorstädte (Banlieues) mit ihren gesellschaftlich abgehängten Bewohner*innen kommen nicht allzu oft in Horrorfilmen vor. Und hier entwickelt „Kandisha“ auch seine Stärken.
Die Schauplätze sind gut eingefangen und vermeiden jeden effekthascherischen Betroffenheitskitsch. Das gilt erst recht für die drei weiblichen Charaktere, die glaubhaft und sympathisch sind und
eben nicht wie aus einem „Tatort“ über benachteiligte Jugendliche in einem städtischen Brennpunkt wirken. Es tut dem Film sehr gut, dass er hier auf eine Dramatisierung verzichtet und
trotzdem ein Gefühl für die untere Klasse vermittelt. Früh gibt es eine Szene, in der ein Polizist eine der Sprayerinnen beim Sprühen eines Graffito erwischt. In einem Hollywood-Film
wäre jetzt vermutlich demütigende Polizeigewalt inszeniert worden. Hier belässt es der Polizist bei einer nüchternen Ermahnung und betrachtet dann verblüfft den Schriftzug. Manche haben
bemängelt, dass sich der kurze Film etwas viel Zeit lässt, bis es zum ersten Horrorpart kommt – ich fand den unaufgeregten Einstieg, der mir die Figuren nahebringt, genau
richtig. Und auch die dezent eingesetzte Rap-Musik fand ich passend. Dass die multiethnischen Charaktere, sich manchmal gegenseitig aufgrund ihrer Herkunft oder Klasse aufziehen, mag
politisch nicht korrekt sein, wirkt auf mich aber stimmig.
Die Horrorszenen sind dann von unterschiedlicher Qualität. Mal wirken sie halbherzig wie aus einem typischen 0815-Gruselstreifen, mal verraten sie inszenatorisches Geschick. Es
gibt CGI, die steril wirkt, und praktische Effekte, die im letzten Drittel des Films erstaunlich brutal und grafisch ausfallen. Eine klare, durchgehende Handschrift ist nicht zu erkennen,
aber zumindest wird der Horror nach hinten raus intensiver und auch besser in Szene gesetzt. Abgesehen von der Schlusseinstellung, die optisch umreißt, was storytechnisch
aufgebaut wurde.
Die Wirkung der teils heftigen Tötungsszenen wäre allerdings größer, wenn die rein männlichen Opfer interessanter wären. Da sie zumindest mir im Vergleich zu den jungen Frauen eher egal gewesen
sind, stellt sich tatsächlich bei der Opferung eines Kaninchens der größte emotionale Effekt ein. Ob diese Szene nötig war, sei dahingestellt. Die Reaktion des kleinen Jungen,
dessen Kaninchen da „verschwindet“, kam mir auf jeden Fall unglaubwürdig vor. Davon abgesehen ist der Junge, der als kleiner Bruder einer der Freundinnen eine zunehmend wichtige Rolle spielt, ein
weiterer Sympathieträger und trägt dazu bei, dass der Film emotional nicht beliebig wird.
Was bleibt, ist ein eher generischer Horrorfilm, der aber mit guten Darstellerinnen und einem nicht alltäglichen Ambiente sowie guter Kameraarbeit und ein paar heftigen Szenen aufwarten kann. Wer
will, kann Kandisha als furchteinflößende feministische Ikone sehen, die als sexuell selbstbestimmtes Wesen gegen männliche Gewalt zu Felde zieht. In meinen Augen reißt der Film
diesen Aspekt nur an, beleuchtet ihn aber nicht näher.
Trivia: Es gab bereits 2008 einen marokkanischen Horrorfilm mit dem Titel „Kandisha“. Wer will, kann diesen Film mit
englischen Untertitel auf youtube sehen. Auch existiert eine akademische
Arbeit, die sich vor allem mit den feministischen und postkolonialen Aspekten beider Filme befasst.
Nicht wenige sehen in „Kandisha“ eine eigenständige Variation des Films „Candymans Fluch“, der auf einer Story von Clive Barker basiert. In
beiden Filmen wird in einem Ghetto ein rächender Geist beschworen, der zu einer von Kolonial- oder Sklavenhaltermächten unterdrückten Ethnie gehört. Wer sich für die Gemeinsamkeiten und
Unterschiede der beiden Filme interessiert, wird hier fündig.
Der Film war ein Flop. Mit einem schmalen Budget von gut 3 Millionen Dollar spielte er nicht einmal eine halbe Million ein.
IMDB: 5.4 von 10
Letterboxd0-Rating: 2.8 von 5
Hopsy-Rating: 3 von 5

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