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War es wirklich Mord? (The Nanny)

Gut gealterter Kindermädchen-Thriller

 Vereinigtes Königreich 1965

 Regie: Seth Holt    

 Laufzeit: 91 Minuten

 

Handlung: Die Nanny einer Londoner Familie, die der Einfachheit halber gleich Nanny genannt wird, holt den zehnjährigen Joey aus der Psychatrie ab. Der Vater hatte geschäftlich zu tun, die Mutter traute sich nicht zu, den psychisch labilen Sohn selbst abzuholen. Doch Nanny tut, was ihr die edlen Herrschaften auftragen. Nachdem seine kleine Schwester in der Badewanne ertrunken ist, hat Joey zwei Jahre in einer Anstalt für emotional herausgeforderte Kinder verbracht. Nicht zuletzt, weil er womöglich an dem tragischen Unglück nicht ganz unschuldig gewesen ist. Kaum zu Hause, macht der Bube Rabatz: Er weigert sich, von Nannys Essen zu essen oder in ihrer Gegenwart zu baden. Er besteht außerdem darauf, in einem abschließbaren Zimmer zu schlafen. Nanny gibt sich geduldig, aber wie lange noch?

  

Besprechung: Da muss erst ein eher unbekannter britischer Schwarz-Weiß-Film aus Großmutters Zeiten her, um mir seit langer Zeit mal wieder einen Schauer über den Rücken zu jagen. Klar, eigentlich könnte man den Film mühelos als FSK-12-Streifen im Sonntagnachmittagsprogramm laufen lassen. Es gibt hier kein Blut, fast keine Gewalt, keine jumpscares und keine monströsen Kreaturen aus den tiefen der Hölle. Nur einen Zehnjährigen und sein Kindermädchen. Aber: Die Geschichte ist nicht nur abgründig, sondern auch gut inszeniert und gespielt. Vor allem aber gibt es gegen Ende eine Szene, die mich wirklich mitgenommen hat. Und dabei habe ich weder Kinder, noch eine intakte Sensibilität in Bezug auf Horrorfilme.

 Ja, vielleicht ist das hier noch nicht einmal ein Horrorfilm, sondern eher ein leiser Thriller, ein kleines Kammerspiel, ein Psychodrama. Aber wie hier elterliche Ängste fokussiert werden, rückt diesen immerhin von den legendären Hammerstudios produzierten Film dann doch in die hopsy-taugliche Kategorie.

 

Auch hat die zweifach oscar-prämierte Bette Davis bereits 1962 im finsteren „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ gezeigt, dass sie sich in ihrem dritten Frühling als Grand Dame des schattigen Genres empfiehlt. Neben ihrer großartigen Darstellung der Nanny haben es die anderen Charaktere natürlich schwer, aber der kleine Joey ist so gut geschrieben, dass Kinderdarsteller William Dix ebenfalls eine gute Figur machen kann. Auch die Eltern und die mondäne Tante des Kleinen kommen als schnell greifbare Charaktere gut zur Geltung.



 

Der Film spielt größtenteils im Haus der wohlhabenden Familie. Nur am Anfang und am Ende sorgen andere Schauplätze für etwas Abwechslung. Eine pubertierende Nachbarstochter bringt etwas Witz und Wärme in den ansonsten eher düsteren Film. Und wirkt als rauchendes, neugieriges Gör zeitlos sympathisch. So wie der ganze Film gut gealtert ist. Das mag auch daran liegen, dass Drehbuchautor Jimmy Sangster hier ein fokussiertes Skript vorlegt, das obendrein Sinn für die gesellschaftlichen Klassen und ihre verborgenen Interessenskonflikte beweist. Ein Umstand, der auch andere Hammer-Filme auszeichnet und ihnen eine, wenn nicht rundum kapitalismuskritische, so doch kapitalismusbewusste Note verleiht.

Die Musik wird eher sparsam eingesetzt und unterstreicht nur gelegentlich den ungemütlichen Charakter des Films, der nach hinten raus noch mal Fahrt aufnimmt. In der Mitte hängt die Story ein wenig, und es ist auch nicht so, dass wir es hier mit einer psychologisch super fundierten Charakterstudie zu tun hätten. Trotzdem ist „The Nanny“ – der leider den mauen deutschen Titel „War es wirklich Mord?“ verpasst bekommen hat – ein fieser, gut gealterter Film, den man auch heute noch mit Gewinn und (in meinem Falle) sogar Grusel sehen kann.

 

Trivia: Bette Davis soll sich am Set durchaus divenhaft gegeben haben. Es gab etliche Reibereien zwischen ihr und Regisseur Holt. Als dieser wieder einmal meinte, sie solle etwas zurückgenommener spielen, legte sie einen echten Auftritt hin und erklärte voller Pathos: „Ich spiele überlebensgroß! Dafür hat mich mein Publikum all die Jahre bezahlt. Wenn sie die Realität sehen wollten, könnten sie mit ihrem Gemüsehändler reden!“

Einmal hatte Bette Davis eine Grippe und konnte nicht zu den Dreharbeiten kommen. Ihre Tochter Barbara Merrill vermutete, dass es damit eine bestimmte Bewandnis hatte. Kostümbildnerin Rosemary Burrows hatte leichte Baumwollkleider vorgeschlagen, wie sie von modernen Kindermädchen getragen wurden, während Davis eine traditionelle, altmodische dunkle Wolluniform mit weißem Kragen wünschte, die zu dieser Zeit nur schwer zu beschaffen war. Sobald eine solche Uniform gefunden war, kam Davis aus ihrem Hotelzimmer und drehte weiter – genau wie ihre Tochter es vorausgesagt hatte.

„The Nanny“ war der letzte in Schwarz-Weiß gedrehte Hammer-Film 

Der zehnjährige Co-Star William Dix konnte an der britischen Premiere nicht teilnehmen, weil der Film ein X-Rating bekommen hatte.

 

IMDB: 7.1 von 10

Letterboxd0-Rating: 3.4 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 3.5 von 5

 

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