Ästhetisch ansprechender Psychogrusler
• Vereinigtes Königreich 2014
• Regie: Benjamin Barfoot
• Laufzeit: 97 Minuten
Handlung: Nach dem plötzlichen Tod ihres Partners steht die junge Laura vor einer schweren Entscheidung: Übernimmt sie das Sorgerecht für den etwa zehn Jahre alten Isaac, den ihr verstorbener Freund mit in die Beziehung gebracht hat? Oder entzieht sie sich der Verantwortung und sorgt somit dafür, dass der Junge in eine Pflegefamilie oder ein Waisenhaus kommt? Erschwert wir die Entscheidung dadurch, dass Laura selbst alles andere als gut drauf ist, nie Mutter sein wollte und Isaac sie als Ersatzmutter nie akzeptiert hat. Mitten innerhalb dieser eh schon ungemütlichen Situation erscheint eine sonderbare Gestalt in dem großzügigen Bungalow des toten Architekten. Kehrt der Verstorbene wirklich zurück, oder drehen Isaac und Laura lediglich frei?
Besprechung: Diese kleine britische Independent-Produktion war für mich eine Überraschung. Zum einen sieht er deutlich schicker aus, als es
bei low-budget-Filmen üblich ist. Zum anderen greift die Inszenierung nur hin und wieder auf typische Mittel des Horrorfilms zurück, sondern versucht sich an einer eigenen Bild- und Tonsprache
des Grauens. Das vom verstorbenen Architekten selbst entworfene Gebäude, in dem Stiefmutter und Sohn nun allein leben, sieht klasse aus, ist stark in Szene gesetzt und unterstützt die emotionale
Distanz zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren.
Wie man anhand meiner letzten Sätze und der Inhaltsangabe schon erahnen kann, handelt es sich bei „Daddy's Head“ um einen psychologischen Horrorfilm, der auch als Drama funktioniert und
weitgehend leise daherkommt. Trotzdem habe ich fast durchgängig ein Gefühl der Anspannung wahrgenommen, das vermutlich dadurch verstärkt wird, dass die Figuren hier recht ambivalent sind. Die
Ersatzmutter wieder Willen ist keine Sympathieträgerin, und doch konnte ich auch mit ihr mitfühlen. Isaac selbst ist auch nicht einfach nur ein liebenswertes Kind in schwieriger Lage, sondern hat
auch etwas Anstrengendes an sich. Der Freund des Toten, der Laura und Isaac beistehen will, ist ebenfalls keine rundum vertrauenswürdige Figur, und so bewegt man sich als Zuschauer schnell auf
emotional schwankendem Grund, was durch starke Bilder und einen zumindest effektiven Score unterstützt wird. Auch Sounddesign und Farbgebung sind überdurchschnittlich und zeugen von einer eigenen
ästhetischen Vision. Die Schauspielleistungen bleiben dahinter zurück, sind aber gut genug, um zumindest mich im Geschehen zu halten.
Regisseur Barfoot hat vorher die launige Horrorkomödie „Double Date“ (2017) gedreht. Mit einem so ernsten und düsteren Zweitling war nicht unbedingt zu rechnen. Anders als vergleichbare aktuelle
Psycho-Horror-Beiträge wie „It feeds“ oder „The Woman in the Yard“, hält sich dieser Film hier mit Knalleffekten und traditionellen Horrormomenten ziemlich zurück. Zwischendurch glaubt man, in
einem reinen Drama gelandet zu sein. Das schadet der Unheimlichkeit von „Daddy's Head“ (anders als der blöde Titel) aber keineswegs.
Ein zweiter „Der Babadook“ ist das hier aber leider nicht geworden. Dazu fehlt es an Substanz und Dichte. Die coolen Einzelelemente des Films ergeben für mich kein zwingendes Ganzes. Am Ende ist
„Daddy's Head“ in meinen Augen eher eine beeindruckende Stilübung als ein dringlicher Film, der etwas Essentielles vermitteln will. Vielleicht sehen das andere aber auch anders und erkennen mehr
in diesem interessanten, für mich aber erzählerisch etwas unbefriedigenden Drama-Horror.
Trivia: Regisseur Barfoot nannte folgende Einflüsse auf seinen Film: Neben den Filmen „Alien“, „Under the Skin“ und „Der Exorzist“ hätten
ihn Arbeiten des Videokünstler Chris Cunningham inspiriert. Außerdem sieht er in dem Film die Bearbeitung eines Traumas, das auf die Scheidung seiner Eltern in seiner Kindheit zurückgeht.
Rupert Turnbull, der den jungen Isaac spielte, wurde für sein intelligentes, ruhiges Auftreten während der Dreharbeiten gelobt. Er soll für seine Szenen auf intensive emotionale Energie
zurückgegriffen haben.
Dem Regisseur ist bewusst, dass der Titel „Daddy's Head“ ein „bisschen punkig“ und „irgendwie schräg“ klingt. Auch machte ihn Hauptdarstellerin Julia Brown darauf aufmerksam, dass man ihn als
sexuelle Anspielung interpretieren kann. Barfoot blieb jedoch bei dem Titel, den er gewählt hatte, nachdem die Produzenten den ursprünglichen Titel „Daddy's Home“ verworfen hatten. Der
ursprüngliche Titel lautete „Daddy’s Home“. Sie wollten keine Verwechslung mit der gleichnamigen Familienkomödie mit Will Ferrell riskieren. Zufälligerweise beschäftigen sich beide Filme mit
ungewöhnlichen Familienkonstellationen.
Wer sich – natürlich erst nach dem Angucken – für eine Interpretation des Films interessiert, wird hier fündig.
IMDB: 5.6 von 10
Letterboxd0-Rating: 2.8 von 5
Hopsy-Rating: 3 von 5

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