Intensiver Alzheimer-Horror im found-footage-Stil
• USA 2014
• Regie: Adam Robitel
• Laufzeit: 90 Minuten
Handlung: Ein studentisches Filmteam will eine Dokumentation über die Alzheimer-Patientin Deborah Logan drehen, die unterstützt von ihrer Tochter und einem Nachbarn noch bei sich zu Hause im ländlichen Virginia wohnt. Während der Dreharbeiten entwickelt Deborah zunehmend unheimliche Verhaltensweisen, die sich bald nicht mehr mit klassischem Alzheimer erklären lassen. Ist das Filmteam einem dunklen Geheimnis auf der Spur?
Besprechung: Dieses Debüt von Regisseur Robitel (u.a. „Insidious: The Last Key“, „Escape Room“) kommt im Stil einer found footage
mockumentary daher. Es soll also der Eindruck erweckt werden, dass man das zurechtgeschnittene Filmmaterial einer realen Dokumentation sieht. Dieser Ansatz, wie ihn beispielsweise auch „Lake
Mungo“ oder „The Sacrament“ benutzen, ist konzeptionell interessant, optisch aber oft wenig ansprechend. Wackelnde Kamera, keine oder hässliche Ausleuchtung, bewusst roh gehaltenes Filmmaterial
ohne nennenswertes colour-grading sind typisch für found-footage-Filme. Dazu lässt man die Darsteller*innen auch gerne durcheinander schreien, um einen realistischen Eindruck zu erzeugen.
Außerdem leiden solche Filme daran, dass sie dann doch manchmal Musik einspielen, die im Filmmaterial nicht vorhanden sein kann, oder hin und wieder Kameraeinstellungen nutzen, die in der Logik
des Films keinen Sinn ergeben. All diese Schwächen hat auch „The Taking of Deborah Logan“.
Allerdings hat der Film Stärken, die zum Beispiel die wohl berühmtesten found-footage-Filme „Blair Witch Project“ und „Paranormal Activity“ nicht haben. Optisch wird durchaus Abwechslung geboten,
es gibt richtig Schauwerte und sichtbaren Horror. Außerdem wirken die Schauspieler nicht wie Laien, die man von der lokalen Arbeitsagentur eingesammelt hat. Gerade Jill Larson als Deborah und
Anne Ramsay als ihre Tochter Sarah können überzeugen und verleihen dem Film Tiefe. Darüber hinaus bietet die Geschichte genug Substanz, dass zumindest ich den found footage Ansatz vergesse
beziehungsweise nicht ständig hinterfrage. Anstatt jungen Menschen ewig dabei zuzusehen, wie sie im Wald im Kreis laufen, oder sich in ihrer Wohnung anzicken, passiert in „The Taking of Deborah
Logan“ richtig etwas.
Das Thema „Alzheimer“ ist hier eine zweischneidige Sache. Einerseits wird es am Anfang realistisch eingeführt, ist für einen Horrorfilm ziemlich frisch und kann an die
Alltagserfahrung nicht weniger Menschen andocken. Die Krankheit hat tatsächlich etwas Unheimliches und eignet sich gut für die Bearbeitung in einem Horrorfilm. Andererseits besteht natürlich die
Gefahr, dass man auf diese Weise die Krankheit dämonisiert und Menschen, die darunter leiden als Schreckgestalten darstellt. „The Taking of Deborah Logan“ geht einerseits mit einem gewissen
Feingefühl an das Thema heran und gewinnt ihm ein paar Facetten ab. Andererseits ist der Film in erster Linie auf Grusel und Schock ausgelegt und lässt sich in der Hinsicht nichts entgehen. Für
eine wirklich sensible Auseinandersetzung mit dem Thema, ist „The Taking of Deborah Logan“ nicht der geeignete Film.
Dafür stelle ich als Horrorfan zufrieden fest, dass es hier wirklich unheimlich, fies, verstörend und auch ein wenig grenzüberschreitend zugeht. Für unerfahrene Zuschauer kann das hier echtes
Alptraummaterial sein. Jill Larson wirft sich wirklich voll in die Rolle rein, nichts Menschliches ist ihr fremd. Und das Finale kann als handfester Terror bezeichnet werden, auch wenn die
Plausibilität der wilden Geschichte weniger wichtig ist.
Alles in allem ist „The Taking of Deborah Logan“ nicht nur ein gut gemachter, wirkungsvoller und inhaltlich recht origineller found-footage-Film, es ist auch (leider) der bisher beste Film von
Adam Robitel.
Trivia: Der gleich im Streaming angebotene Film lief nur in wenigen Kinos. „The Taking of Deborah Logan“ hat geschätzte 1,5 Millionen Dollar
gekostet und dabei weltweit nicht mal eine halbe Million eingespielt. Die Kritiken waren aber mit großer Mehrheit positiv.
Die (gelungenen) Special Effects im Film stammen von Vincent
Guastini. Der Emmy-nominierte Spezialeffektkünstler, Kreaturendesigner und Regisseur war von dem von Gavin Heffernan und Adam Robitel geschriebenen Drehbuch sehr angetan und wollte
unbedingt bei dem Projekt mitmachen.
Die nordamerikanischen Ureinwohner vom Stamm der Monacan kannten, anders als im Film behauptet, keine Menschenopfer (so weit wir wissen). Die weitaus südlicher lebenden Skidi-Pawnee sollen
allerdings gelegentlich im sogenannten „Morgenstern-Ritual“ Mädchen aus einem anderen Stamm geopfert haben, um die Fruchtbarkeit
ihrer Felder zu sichern.
Ein katholischer Priester im Film behauptet, dass die katholische Kirche keine Exorzismen mehr durchführen würde, was allerdings nicht der Wahrheit entspricht.
IMDB: 6 von 10
Letterboxd0-Rating: 3 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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