Spaßig, herzlich, fies
• USA 2009
• Regie: Sam Raimi
• Laufzeit: 99 Minuten
Handlung: Christine ist eine junge Bankberaterin, die Aussichten auf die Beförderung zur stellvertretenden Filialleiterin hat. Es gibt jedoch auch einen anderen möglichen Kandidaten. Ihr Chef rät ihr daher, auch mal harte Entscheidungen zu treffen. Als eine alte Frau zum dritten Mal ihren Kredit verlängern will, um die Miete für ihr Haus bezahlen zu können, ringt sich Christine zu einer harten Entscheidung im Sinne der Bankvorgaben durch. Die Frau bittet und barmt, aber Christine, die auch die Eltern ihres Boyfriends von sich überzeugen will, bleibt hart. Die Konsequenzen sind härter, denn die alte Frau ist mit dunklen Mächten im Bunde und belegt Christine mit einem Fluch. In drei Tagen soll sie ein Dämon in die Hölle reißen.
Besprechung: Sam Raimi hat mit „Evil Dead“ („Tanz der Teufel“) und „Evil Dead 2“ („Tanz der Teufel 2 – Jetzt wird noch mehr getanzt“)
Horrorfilmgeschichte geschrieben hat, kehrte 2009 mit „Drag Me to Hell“ nach drei teuren und enorm erfolgreichen Spider-Man-Verfilmungen zum Horrorgenre zurück. Und er setzt dabei auf alle drei
„H“: Humor, Horror, Herz. Eine kniffelige Mischung, die hier aber gelingt.
Großen Anteil daran hat Alison Lohman in ihrer Rolle als Christine. Sie spielt die Figur herzergreifend ernst und nahbar und mit fast kindlichem Charme. Wenn sie mit großen dunklen Augen auf das
Unheil guckt, das sich zusammenbraut, möchte man sie beschützen. Wenn sie lacht, möchte man mitlachen, und wenn sie sich tapfer zur Wehr setzt, „Yes!“ brüllen. Auch Justin Long als ihr
Freund trägt zur Wärme des Films bei. Er spielt überzeugend einen jungen Mann, der sich zwar zu clever für Dämonenquatsch hält, der aber aus Liebe zu seiner Freundin so hilfsbereit wie
möglich ist.
Wer nach diesen Worten eine RomCom erwartet, liegt falsch. Raimi geizt nicht mit Schreckmomenten, Ekelszenen und schwarzhumorigem Slapstick, der an „Evil Dead 2“ erinnert (ohne so
exzessiv zu werden). Auch schafft er mit Hilfe seines Teams (darunter Kameramann Peter Deming) immer wieder eine bedrohliche Atmosphäre, so dass „Drag Me to Hell“ trotz seiner
humorvollen Nuancen auch ein richtiger Horrorfilm ist. Der Humor ist ohnehin ein spezieller. Im Wissen um die für Horrorfilme typische Theatralik, klotzt der Film anstatt zu kleckern und
präsentiert sich damit immer wieder an der Grenze zur parodistischen Überhöhung. Unterstützt wird dieser Ansatz durch eine farbensatte, tiefenscharfe Bildwelt und den klassischen
Orchesterscore von Christopher Young, der jede Menge B-Movie-Pathos bietet, ohne es zu übertreiben. Dass dabei mancher CGI-Effekt nicht ganz so toll aussieht (um es vorsichtig zu
formulieren), ist eine der kleinen Schwächen des Films. Auf jeden Fall ist „Drag Me to Hell“ ein bewusstes Spiel mit den tropes, ein schwarzhumoriger Horrorfilm von Horrorfans für Horrorfans.
Der Film ist aber gleichzeitig auch eine böse moralische Parabel, die unerbittlich den bekannten Adorno-Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ als Horrorcomic bebildert.
Christine ist kein schlechter Mensch. Aber sie lebt nun einmal in einer kapitalistischen Welt, in der Konkurrenzdenken an der Tagesordnung ist und Profitorientierung einen höheren Stellenwert hat
als Güte. Entscheidungen haben Auswirkungen, und oft trifft das Schlechte auch die, die eigentlich unschuldig sind. So ist „Drag Me to Hell“ nicht nur spaßig und sympathisch, sondern
tatsächlich auch ungemütlicher als man es bei einem Film dieser Art erwartet.
P.S.: Im Film wird eine kleine Katze umgebracht.
Trivia: Manche sahen im Szenario des Films eine Anspielung auf die Subprime-Krise, die vor allem die USA in den Jahren 2007
und 2008 erschütterte. Durch das Platzen einer großen Blase mit faulen Immobilienkrediten verloren Millionen von Menschen ihre Eigenheime. Raimi erklärte allerdings in einem Interview, dass der
Film nur zufällig diese Parallele mit der Wirtschaftskrise habe. Tatsächlich wollen Sam und Ivan Raimi das Drehbuch schon in den 1990ern geschrieben haben.
Eine andere Deutung ist psychologisch noch interessanter. Schon kurz nachdem der Film in die Kinos gekommen war, erregte eine Fan-Theorie im Internet Aufmerksamkeit. Dieser zufolge soll Christine
– die laut Film in ihrer Jugend übergewichtig gewesen sein soll – Halluzinationen aufgrund einer Essstörung und nicht aufgrund eines übernatürlichen Fluchs erleidet, wobei sich
ihre Wahnvorstellungen wiederholt um Essen oder Erbrechen drehen. Tatsächlich spielen Essen und Dinge, die gegen den eigenen Willen durch den Mund in den Körper gelangen, eine auffällige Rolle in
dem Film. Mehr zur Fantheorie findet sich hier und hier.
Mit einem Budget von 30 Millionen Dollar erzielte der Film an den Kinokassen 90 Millionen Dollar und war also kein Flop, wie Kristina Garvin im zweiten von mir verlinkten Artikel eingangs
behauptet.
Das gelbe Oldsmobile Delta 88, das im Film zu sehen ist, gehört Sam Raimi. Sein Vater soll es 1973 zum ersten Mal neu gekauft haben. Der Wagen hat „Cameo-Auftritte“ in
allen Raimi-Filmen außer „Schneller als der Tod“ (1995) und „Aus Liebe zum Spiel“ (1999).
Zur Vorbereitung auf ihre Rolle schaute sich Alison Lohman viele Horrorfilme an. Die Stunts im Film machte sie größtenteils selbst.
Der Schlamm in der Friedhofsszene besteht aus Methylcellulose und Oreo-Keksfarbe.
IMDB: 6.6 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.2 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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