Abgründiger Thriller mit wahrem Hintergrund
• Belgien, Frankreich 2024
• Regie: Fabrice Du Welz
• Laufzeit: 155 Minuten
Handlung: Belgien Mitte der 1990. Als zwei Mädchen verschwinden, wird der junge Polizeianwärter Paul Chartier der Spezialeinheit „Maldoror“ zugeteilt. Diese geheime Einheit wurde eingerichtet, um einen gefährlichen Sexualstraftäter zu überwachen. Der idealistische Chartier gerät immer tiefer in einen Fall, der seinen Blick auf die Welt für immer verändern wird.
Besprechung: Dem Genre nach ist „Die Akte Maldoror“ eine Mischung aus Ermittlungs-Thriller und Historiendrama. Gefühle des Horrors dürften sich bei den Zuschauer*innen trotzdem einstellen, nicht zuletzt, weil sich Regisseur Du Welz intensiv mit den Ermittlungen im Fall Marc Dutroux befasst hat. Dazu mehr unter „Hopsys Gedanken“. Dieser Fall erschütterte in den 1990ern Jahren Belgien nicht nur aufgrund der Grausamkeit der Taten, sondern auch, weil sich ein zutiefst beunruhigendes Versagen von Polizei, Justiz und Politik abzeichnete, das bis heute Fragen aufwirft.
Fabrice Du Welz, der mit „Cavalier“ und „Alleluia“ zwei Filme drehte, die leichter dem Horrorgenre zugeordnet werden können, will mit „Die Akte Maldoror“ nicht den gesamten „Fall Dutroux“ beleuchten, sondern konzentriert sich auf einen bestimmten Zeitabschnitt und auf eine fiktive Hauptfigur, den jungen und sensiblen Paul, der als Polizist von der Ermittlung regelrecht aufgesogen wird. Zwar ist der zunehmend von einem Fall besessene Ermittler ein bekanntes und nicht selten auch etwas abgenutzt wirkendes Krimimotiv, hier aber funktioniert es sehr gut. Das liegt einmal an dem komplexen Fall selbst, der auch den Zuschauer nicht kalt lässt, zum anderen an der grandios geschriebenen und gespielten Figur des Paul Chartier (Anthony Bajon).
Der Film fokussiert sich auf diesen jungen Mann, der aus sehr schwierigen Verhältnissen kommt und versucht, sich ein gutes Leben aufzubauen. Dazu gehört für ihn nicht nur die Beziehung zur italienischstämmigen Gina, sondern auch die Vorstellung, dass die Gerechtigkeit siegt und die Gesellschaft Menschen mit üblem Verhalten nicht davonkommen lässt. Paul verfügt über eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und Merkfähigkeit, er ist feinfühliger als sein Umfeld und gerade deshalb auch impulsiver: der Schmerz, den die Feinfühligkeit mit sich bringt, entlädt sich bei ihm in Aktionismus und Wut, wie wir schon ganz am Anfang des Films mitbekommen. Auch ist das Selbstwertgefühl des jungen Mannes aufgrund seiner familiären Vergangenheit beschädigt. Das macht es für ihn besonders schwer, die Anfechtungen einer kaltschnäuzigen Wirklichkeit durchzuwinken und sich in einer selbstschützenden Ignoranz einzurichten, wie seine Kollegen.
Der Film nimmt sich für die Charakterzeichnung viel Zeit, die Hochzeitsfeier von Paul und Gina wird so lange gezeigt, dass man sich fragt, ob man noch einen Krimi guckt. Durch das langsame Erzähltempo fordert der zweieinhalbstündige Film Geduld und Konzentration, bietet in der letzten Stunde aber eine Intensivierung, die ohne den langen Vorlauf womöglich nicht so stark wirken würde.
Das provinzielle Belgien der 1990er Jahre ist dabei beeindruckend in Szene gesetzt. Kulissen, Kostüme, Farbgebung, Bildstimmung erzeugen auf unaufdringliche Weise ein authentisches Gefühl für Zeit und Ort, nur die abwechslungsreiche Filmmusik verleiht der Inszenierung manchmal etwas Artifizielles. Stark ist auch, dass sämtliche Darsteller*innen gut ausgewählt sind und ihre Rollen großartig spielen. Erwähnenswert sind hier vor allem Alba Gaïa Bellugi als Gina und Sergi Lopez als Marcel Dedieu (deutlich angelehnt an Marc Dutroux).
Ebenfalls stark ist, wie Du Welz die typischen Fallen „true crime“ basierter Verfilmungen umgeht. „Die Akte Maldoror“ betreibt keine (unabsichtliche) Täter-Glorifizierung und geht sehr respektvoll mit den Opfern und deren Angehörigen um. Deren Leid wird nicht ausgestellt und verkommt nicht zum sensationsheischenden Effekt. Vielmehr übt sich der Film in einer nüchternen Zurückhaltung, die durch Auslassungen und Andeutungen die Zuschauer*innen auf ihre Vorstellungen zurückwirft.
Was mir nicht so gut gefallen hat, sind zwei Entscheidungen, die Paul am Ende des Films trifft. Zwar regen sie zum Nachdenken an, aber rundum stimmig und in seinem Charakter angelegt fand ich sie nicht. Sie weichen auch vom Originalfall ab, der als Vorlage sonst jederzeit erkennbar ist, wenn man sich mit dem Fall Marc Dutroux befasst hat.
Leser*innen dieser Besprechung können es sich denken: Das ist ein richtig guter Film, der aber nicht zur leichtfüßigen Feierabendentspannung taugt. Um „true crime“ mache ich normalerweise einen Bogen, weil ich das Ausschlachten menschlichen Elends für falsch halte. Hier aber steht nicht Sensationsgier im Zentrum, sondern die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem monströsen Fall und der Frage, was die Beschäftigung damit aus einem Menschen machen kann.
Trivia: Fabrice Du Welz plante nach eigener Aussage seit 15 Jahren, einen Film ausgehend vom Fall Dutroux zu machen, den er selbst als junger Belgier in den Medien verstört mitverfolgte. Ursprünglich wollte er einen komplett nicht-fiktionalen Film drehen, bemerkte aber, dass das rechtlich schwierig sein würde. Fasziniert von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in Hollywood“ entschied er sich schließlich für einen leicht fiktionalisierenden Ansatz.
Der Titel des Films bzw. der Spezialeinheit geht zurück auf „Die Gesänge des Maldoror“, das der französische Dichter Lautréamont (Pseudonym für Isidore Lucien Ducasse) 1874 veröffentlichte. Die sechs Gesängen mit 60 Strophen in unterschiedlicher Länge brechen formal mit den Konventionen der Zeit und wirkten wegweisend für die literarische Moderne. Inhaltlich sind sie der schwarzen Romantik zuzurechnen und stellen einen Anti-Helden ins Zentrum, der sich gegen die Schöpfung auflehnt. Dieser Maldoror (Aurore du Mal, also Sonne des Bösen) versucht Gott und die verhasste Menschheit an Schlechtigkeit zu übertreffen.
Die Filmmusik komponierte Vincent Cahay, der dafür mit einem René du Cinema Award ausgezeichnet wurde.
Beim Fantasy Filmfest 2024 war „Die Akte Maldoror“ für den „Fear Good“ Award nominiert.
IMDB: 6.6 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.4 von 5
Hopsy-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Mitte der 1990er war es auch in Deutschland nicht leicht, der Berichterstattung über den Fall Dutroux komplett auszuweichen. Die Verhaftung eines bereits schon mal verhafteten, dann wieder freigelassenen Mörders und Vergewaltigers schlug Wellen, nicht zuletzt, weil es sich bei den Opfern um Kinder handelte und Dutroux bei seinen Verbrechen unter anderem von seiner Ehefrau Michelle Martin unterstützt wurde. Auch hatte Dutroux mit kinderpornografischen Bildern und Filmen gehandelt, so dass man von einem Markt für Material ausgehen konnte, das extreme Gewalt gegen Kinder zum Lustgewinn bereithält.
Ich beschäftigte mich etwas zeitversetzt mit Marc Dutroux, also erst Ende der 19990er im Zuge meiner Magisterarbeit über zeitgenössischen Satanismus. Bei der Recherche war ich auf die wiederholte Unterstellung gestoßen, dass Satanisten Kinder missbrauchten, Pädophilennetzwerke betrieben und sogenannte „breeders“ hielten, also Frauen, die nur den Zweck hatten, Kinder zu gebären, die dann in Ritualen geopfert werden sollten. So kam ich auch noch einmal auf Dutroux, und da es nun Internet gab, war es leichter, Material über die Verbrechen und die Ermittlung zusammenzustellen. Dabei wurde mir etwas klar, was ich vorher nur verschwommen geahnt hatte: Meine größte Alptraumvorstellung ist es, in einem Unrechtssystem zu leben, also festzustellen, dass die gesellschaftlichen Organe, die Verbrechen verhindern oder aufklären sollen, diese unterstützen und verschleiern. Wie wir heute aufgrund der öffentlichen Beschäftigung mit dem Netzwerk eines Jeffrey Epstein wissen, braucht es dazu weder Satanisten noch die haltlosen Phantastereien von Verschwörungsgläubigen. Und beim Fall Dutroux scheint es sich ähnlich zu verhalten.
Hier ist nicht der Raum, um die ganze komplexe Geschichte zu skizzieren. Ich möchte nur auf wenige ausgesuchte Aspekte eingehen. Zunächst kurz zur Kindheit von Marc Dutroux: Er wurde als ältestes von fünf Kindern 1956 in Belgisch-Kongo geboren. Beide Eltern arbeiteten als Lehrer. Nachdem die belgische Kolonie ihre Unabhängigkeit erhalten hatte, zogen die Dutroux 1960 nach Belgien. Dutroux’ Vater Victor schlug seine Frau und seine Kinder oft. Marc Dutroux fiel als Neunjähriger in der Schule als Schläger auf, in späteren Schuljahren verkaufte er gestohlene Mofas und pornographische Bilder. 1971 wurde Dutroux' Vater mehrere Monate gegen seinen Willen in einer Klinik untergebracht. Die Diagnose lautete „Depressionen“. Danach ließ sich Victor Dutroux von seiner Frau scheiden, die er für den Klinikaufenthalt verantwortlich machte. Nach dem der Vater ausgezogen war, entwickelte sich Marc zum Familienoberhaupt, der Mutter und Geschwister schlug und sich durch Herrschsucht und Gefühlskälte auszeichnete. Mit 16 Jahren verließ er dann seine Familie, schlug sich zunächst als Stricher durch und baute sich schließlich eine Existenz als Schrotthändler auf. Nebenbei verdiente er sich Geld durch Diebstahl, Drogengeschäfte und Überfälle. Diese Skizzen sollen ausreichen, um sich einen groben Eindruck von Dutroux' familiärem Hintergrund zu machen.
Nun möchte ich auf eine Besonderheit des Falles aufmerksam machen. 27 Menschen, die als Zeug*innen oder anderweitig mit dem Fall zu tun hatten, kamen unter nicht selten sonderbaren Umständen ums Leben. Hier ein paar Beispiele, bei denen zu Bedenken ist, dass Marc Dutroux und seine Frau am 13. August 1996 verhaftet wurden:
Guy Goebels (Polizist, der an dem Fall arbeitete) starb am 25. August 1995, mutmaßlich in dem er sich in den Kopf schoss.
Jean-Paul Tamineau (hatte neben Dutroux Garage ein Grundstück gemietet und erzählte einem Freund, dass er wichtige Informationen über Dutroux habe): Starb wohl am 2. April 1995. Im Fluss wurde ein Fuß von ihm gefunden, der Rest der Leiche konnte nicht entdeckt werden.
Francois Reyskens (Kleinkrimineller aus der Drogenszene, der bei der Polizei zur Entführung eines Mädchens aussagen sollte) fiel am 26. Juli 1995 vor einen Zug und starb.
Bernard Weinstein (Komplize von Dutroux) und Bruno Tagliaferro (Bekannter von Dutroux und womöglich Mitwisser) wurden im November 1995 von Dutroux vergiftet.
Simon Poncelet (Polizist, der einen Autoschmuggler-Ring um Dutroux überwachte) wurde am 21. Februar 1996 bei einer Nachtschicht in seinem Büro erschossen.
Christoph Vanhexe (investigativer Journalist, der zum Fall Dutroux recherchierte) starb am 2. Februar 1997 durch einen Autounfall.
José Steppe (in der Region stark vernetzte Person, der behauptete, Informationen zu Marc Dutroux zu haben) starb zwei Tage, bevor er bei der Polizei aussagen sollte am 25. April 1997. In seinem Asthma-Gerät wurde Rohypnol gefunden.
Anna Konjevoda (kontaktierte die Polizei, um von einem Pornoring um Dutroux zu berichten, der Verbindungen nach Osteuropa gehabt hätte) wurde am 7. April 1998 tot aufgefunden. Die Leiche zeigte Anzeichen von Körperverletzung wie z.B. Würgemale.
Gina Pardaens (Sozialarbeiterin, die sich um die Opfer eines Kinderporno-Ringes kümmerte. Sie erzählte Freunden, dass sie in einem Pornofilm sah, wie ein Mädchen ermordet wurde. Sie kontaktierte die Polizei, weil sie mit dem Tode bedroht wurde. Es wurde ihr gesagt, dass sie einen Autounfall haben würde) starb am 15. November 1998 durch einen Autounfall (mit 80 km/h gegen ein Brückengeländer).
Fabienne Jaupart (Frau von Bruna Tagliaferro) verbrannte am 18. Dezember 1998 in ihrem Bett, nachdem sie gesagt hatte, dass sie wichtige Dokumente ihres Mannes gefunden habe, und die Polizei um Schutz gebeten hatte.
Hubert Massa (Generalstaatsanwalt im Fall Dutroux, der nur einen Monat daran arbeitete) starb am 13. Juli 1999 mutmaßlich durch Suizid. Kein Abschiedsbrief, kein nachvollziehbares Motiv, keine Obduktion.
Grégory Antipine (Polizist, der im Fall Dutroux ermittelte) suizidierte sich offenbar selbst am 15. August 1999 durch Erhängen.
Ein kurzes Video zum Thema der gestorbenen Zeug*innen im Fall Dutroux findet sich hier.
Marc Dutroux ist heute 69 Jahre alt und sitzt in Nivelles, südlich von Brüssel, im Gefängnis. 2024 fanden dort Justizbeamte bei der Suche nach eingeschmuggelten Handys fanden Justizbeamte in Dutroux' Zelle etwa zweihundert pornografische Bilder, die Hälfte davon sollen nackte Minderjährige zeigen. Laut einem früheren psychologischen Gutachten gilt Dutroux nicht als pädophil. Ein aktuelles Gutachten bescheinigt, dass er weiterhin ein gefährlicher Psychopath ist.

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