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Influencer – Trau niemandem, dem du folgst

Viel verschenktes Potenzial

 USA 2022

 Regie: Kurtis David Harder     

 Laufzeit: 92 Minuten

 

Handlung: Die Influencerin Madison inszeniert ihre Reise durch Thailand als bewusstseinserweiternden Trip abseits der Komfortzone. Dabei hängt sie nur allein in einem Luxus-Resort herum und vermisst ihren Partner, der nicht mitwollte. Zum Glück lernt sie die gleichaltrige CW kennen, die sich mit großer Sicherheit durchs Leben zu bewegen scheint. Und da CW Thailand gut kennt, führt sie Madison an einen wirklich entlegenen Ort.

 

Besprechung: Auch wenn der Film sowohl in der englischsprachigen Wikipedia als auch auf letterboxd.com als Horrorthriller kategorisiert wird – „Influencer“ gehört viel mehr ins Thriller- als ins Horrorgenre. Denn während Spannung für den Film durchaus zentral ist, spielt die Erzeugung von Furcht, Entsetzen, Ekel oder Terror kaum eine Rolle. Auch sprengen die wenigen Gewaltszenen nicht den Rahmen eines (härteren) Thrillers. Trotzdem will ich „Influencer“ auf „Horror und Psychologie“ besprechen, weil ich genau zu dem Zeitpunkt auf den Film gestoßen bin, als auf Spiegel Online öffentlich wurde, dass Collien Fernandes ihren Ex-Mann Christian Ulmen beschuldigt, jahrelang Fake-Accounts in sozialen Medien unter ihrem Namen betrieben zu haben. Über diese Accounts habe er Kontakte mit Männern aufgenommen und pornografisches Material verschickt, das den Eindruck erweckte, es zeige Fernandes. Collien Fernandes beschreibt die Taten als „virtuelle Vergewaltigung“. Sie zeigte ihn im März 2026 beim Bezirksgericht Palma unter anderem wegen Identitätsdiebstahls, öffentlicher Beleidigung und Körperverletzung an. Durch diesen Fall werden derzeit die Themen „deep fake“ und „Identitätsdiebstahl“ gesellschaftlich breit diskutiert, auch hat Bundesjustizministerin Hubig angekündigt, entsprechende Strafbarkeitslücken bei „digitaler Gewalt“ durch ein neues Gesetz zu schließen.



„Influencer“ hat dieses Thema schon 2022 zum Stoff eines ungemütlichen Thrillers gemacht, der einige Stärken hat: So ist die Influencerin Madison (Emily Tennant) zwar auf ihrem Instagram-Profil eine Plattheiten absondernde Tussi, aber abseits davon wird sie uns früh als wesentlich facettenreicherer Mensch greifbar, den man tatsächlich mögen kann. Auch die anderen Darsteller*innen in dem Film sind gut ausgewählt und bringen ihre Rollen gut rüber, das gilt vor allem für Cassandra Naud als CW. Außerdem bietet der Film mit Thailand einen ansprechenden Schauplatz, der einige schicke Settings abwirft: einsame Strände, nächtliche Straßen in Bangkok, zugleich luxuriöse und seelenlose Luxus-Appartements. Und schließlich sind die im Film unaufdringlich, aber pointiert verhandelten Themen, von aktuellem Interesse.

Leider verstolpert sich „Influencer“ beim Drehbuch (geschrieben von Tesh Guttikonda und dem Regisseur). Dass die Figur von Ryan (Madisons Freund) unplausibel geschrieben ist, könnte ich noch durchwinken, aber dass der Film nach einer starken ersten halben Stunde sein emotionales Zentrum verliert, wiegt schwer.

Zwar bietet „Influencer“ danach noch einige Schauwerte und wird nach hinten raus auch wieder spannender, aber mitgefiebert wie zu Beginn habe ich nicht mehr. Was bleibt, ist ein Film, der interessant und halbwegs originell ist, und der auch – nicht zuletzt wegen eines oft treibenden Electro-Scores – eine gewisse eigentümliche Atmosphäre erzeugt. Dramaturgisch ist "Influencer" aber zu unbefriedigend gestaltet, um sein Potenzial zu nutzen.

 

Trivia: 2025 drehte Harder eine Fortsetzung und schrieb diesmal das Drehbuch ganz allein. „Influencers“ (deutscher Titel: „Influencer 2“) ist aufwändiger inszeniert, 20 Minuten länger und bietet noch mehr schöne Landschaften, Luxusunterkünfte, Menschen und Morde. Die Story ist aber Murks. Diese Fortsetzung wäre womöglich gerne "Der talentierte Mr. Ripley" für die mit Instagram aufgewachsene Generation, aber dramaturgisch und psychologisch ist das eher ein TikTok-Video für Menschen, die sich nicht... dings... was wollte ich schreiben?

Gruselig genug: Die Voice-over-Kommentare von Madison nach dem Vorspann wurden mit einem KI-Stimmgenerator erstellt; es wurden keine Originalaufnahmen von Emily Tennant verwendet. Das gilt aber nur für die englischsprachige Originalfassung.

Beim kanadischen Film Festival „Blood in the Snow“ gewann „Influencer“ in den Kategorien „beste Hauptdarstellerin“, „bestes Drehbuch“ und „beste Kameraarbeit“.

Bei der Kritik kam der Film sehr gut an. Auf Rotten Tomatoes sind 92 Prozent von 49 Kritiken zu dem Film positiv. Dabei liegt die Durchschnittwertung bei 7 von 10.  

Das Buch, das in CWs Haus herumliegt, ist ein Exemplar von Mark Twains „Die Reise der Arglosen“. Ein wiederkehrendes Thema in Twains Buch ist seine Langeweile und manchmal auch sein Ärger über Orte, an denen Geschichte und Kultur gewinnbringend ausgebeutet werden.

 

IMDB: 6.2 von 10

Letterboxd0-Rating: 2.9 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 3 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Was treibt Menschen dazu, sich die Identität eines anderen zu „stehlen“ oder eine erfundene zu nutzen, um online damit aufzutreten? Klar, man kann unter Umständen auf diese Weise Dinge mit der Kreditkarte eines anderen einkaufen, oder illegale Aktivitäten im Dark Web unter einer falschen oder geklauten Identität durchführen. Jede und jeder kennt die Warnung vor Phishing-Mails, deren Absender an deine Daten wollen. Angeblich schreibt deine Bank dich an und braucht deine Kreditkartennummer und dein Passwort fürs Online-Banking. Oder die „Deutsche Post“ meldet sich per Mail und braucht dringend etliche Daten von dir. Auch nutzen love scammer Fake-Accounts, um mit ihren Opfern eine romantische Beziehung anzubahnen, und sie dann finanziell auszunehmen. Sie betreiben „Catfishing“, also ein Täuschungsmanöver, bei dem mit einer fiktiven Online-Persönlichkeit oder einer falschen Identität (typischerweise auf Social-Networking-Plattformen) ein Opfer unter falschen Voraussetzungen zu bestimmten Handlungen manipuliert werden soll. In der Regel geht es früher oder später um das Überweisen von Geld.

Psychologisch noch interessanter ist allerdings Identitätsdiebstahl, der keine finanziellen Interessen verfolgt, oder der nicht dazu genutzt wird, zum Beispiel den Kauf einer Waffe zu verschleiern. Was ist das Motiv eines Mannes, sich im Internet als seine Ex-Freundin auszugeben und sich dabei als willig und verfügbar darzustellen? Vermutet werden: Rache, Kompensation von Kontrollverlust, Sadismus, Neid, Wunsch, den Ruf des Opfers zu zerstören. Solche Taten werden wesentlich häufiger von Männern begangen. Oft stammen sie aus dem nahen Umfeld des Opfers. Gefährdet sind vor allem Ex-Partner(innen). Ohnehin sind Frauen häufiger Opfer digitaler Gewalt, auch wenn Männer öfter einer spezifischen Form der Online-Erpressung zum Opfer fallen, die als „Sextortion“ bezeichnet wird.

Manche Täter nutzen „Deepfakes“, also mit der Hilfe künstlicher neuronaler Netzwerke („deep learning“) hergestellte Bilder oder Videos, in denen die eigene Partnerin oder Ex-Partnerin oder eine begehrte Frau, die „nicht zu haben ist“ – vermeintlich sexuelle Akte vornimmt. Das kann sich um einen Pornoclip handeln, in den das Gesicht der Ex-Freundin „hineingerechnet“ wurde. Solches Material wird manchmal als Bestrafung für eine vermeintliche Kränkung hergestellt und veröffentlicht, wobei der Täter nicht nur Seitensprünge und Schlussmachen, sondern auch generell ein Abgewiesenwerden als Kränkung erleben kann, für die er glaubt, sich rächen zu müssen. Manchmal wird das Material (das auch in der Beziehung einvernehmlich oder heimlich gefilmt worden sein kann) als Drohmittel verwendet, damit eine Frau eine Beziehung zum Täter aufrechterhält oder wieder herstellt. Diese manchmal als „Rachepornografie“ (Revenge porn) bezeichneten Gewaltakte sind weit verbreitet und können sozial, finanziell und vor allem psychisch schwerwiegende Folgen für die Opfer haben. Rechtlich gibt es bei dieser Art des Verbrechens sogenannte Schutzlücken, allerdings gibt es seit einiger Zeit auch Bewegung im (deutschen) Strafrecht. Diese dürfte sich jetzt noch verstärken, nachdem Collien Fernandes im Dezember 2025 gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen unter anderem wegen digitaler sexualisierter Gewalt Anzeige beim Bezirksgericht in Palma de Mallorca erstattet hat.       

Einen interessanten Podcast zum Thema gibt es hier zu hören.



 

P.S.: Über die Psychologie der Influencer-Tätigkeit gibt es sicher ein anderes Mal einen kleinen Beitrag auf „Horror und Psychologie“. 

 

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