Knalliges Vergnügen für den robusten Geschmack
• USA 1996
• Regie: Robert Rodriguez
• Laufzeit: 108 Minuten
Handlung: Die Gecko-Brüder sind üble Schwerverbrecher. Nachdem sie aus dem Gefängnis ausgebrochen sind und mehrere Menschen erschossen haben, nehmen sie einen Pastor und dessen Tochter und Sohn als Geiseln, um in deren Wohnmobil aus den USA über die Grenze nach Mexiko zu kommen. Da sie der mexikanische Unterweltboss Carlos zu einem Treffen dorthin bestellt hat, machen sich die Gangster mit ihren Geiseln auf zum „Titty Twister“, einer abgelegenen Bar, in der mehr auf sie wartet als eine lasziv tanzende Salma Hayek.
Besprechung: Ich habe diesen Film als 23-Jähriger im Kino gesehen und war begeistert. Staubige Straßen, schießwütige Gangster, eine
unfassbar heiße Tänzerin, ein vom Glauben abgefallener Priester und jede Menge blutrünstige Vampire, die es richtig krachen lassen – „From Dusk Till Dawn“ war eine wunderbare Verfilmung meiner
Jungmänner-Heavy-Metal-Phantasien. Aber wie gut ist der Film gealtert?
Nehmen wir an, ich hätte Kinder. Und nehmen wir an, diese wären so etwa 18 Jahre alt und ich würde ihnen freudig diese Perle präsentieren – was wären die Reaktionen? Denkbar ist, dass mein
fiktiver Sohn schon nach den ersten drei Minuten fragt, ob noch mehr ableistische Sprüche kommen, oder ob es das jetzt war. Im Verlauf des Films würde er die Arme vor der Brust verschränken und
erklären, dass eine vergewaltigte und ermordete weibliche Geisel nicht witzig ist und Begriffe wie „Japse“ oder „Pussy“ durch häufige Wiederholung nicht an Charme gewinnen. Womöglich würde er
auch das dargestellte Männerbild wahlweise als „toxisch“, „männerfeindlich“ oder einfach „edgelordmäßig“ beschreiben.
Denkbar ist aber auch, dass meine fiktive Tochter meinen fiktiven Sohn auffordert, sich zu beruhigen, und mal anzuerkennen, wie geil „From Dusk Till Dawn“ gefilmt ist: die satten Farben, die
zwingende Kameraführung, die vielen ikonischen Szenen, der coole Soundtrack, und dann auch noch die Riege an Darsteller*innen, die von George Clooney über Harvey Keitel bis Juliette Lewis und
Salma Hayek reicht. Und ja, Maskenbildner- und Special-Effects-Legende Tom Savini hat hier nicht nur üppig herumgetrickst, sondern steht auch vor der Kamera, und zwar als „Sex Machine“, eine
Rolle, die man wie den ganzen Film als Parodie oder aber auch Huldigung einer überzogenen Männlichkeit lesen kann. Womöglich ist es beides, denn es ist eine lustvolle Phantasie, die um ihre
Albernheit weiß.
Der Film steckt voller Referenzen auf sogenannte „midnight movies“, also ab den 1970ern günstig produzierte Krawallfilme für die Spätvorstellung in (Auto-)Kinos, in die sich junge Menschen
begeben und ein wenig Rebellion erleben. Die explizite Darstellung von Sex und Gewalt gilt dabei als Gegenentwurf zur zugeknöpften bürgerlichen Gesellschaft, die man für bigott und faschistoid
hält. So betrachtet ist ein Film wie „From Dusk Till Dawn“ anti-bürgerlicher Protest. Aus der Sicht der heutigen Jugend handelt es sich dabei jedoch eher um eine Reproduktion altbekannter
cis-männlicher Vorstellungswelten, die intellektuell nicht komplexer sind als die Airbrush-Tankbemalung eines Bikers. „Titty Twister“ – darüber hat Papa also mal gelacht!
Ich finde, dass „From Dusk Till Dawn“ inszenatorisch sehr gut gealtert ist. Der Film wirkt bis heute wuchtig, knallig, unterhaltsam und immer wieder auch spannend (z.B. bei der Sequenz an der mexikanischen Grenze). Wer mit der comichaften Figurenzeichnung, der geringen Plausibilität (auch innerhalb der phantastischen Filmwelt) und der mangelnden political correctness klar kommt, erlebt hier einen tatsächlich bis heute packenden Film. Nicht so wild wie die deftige Splatterkomödie „Braindead“ (1992), aber saftiger als die ebenfalls nicht zahme Horrorkomödie „Fright Night“ (1985) offenbart „From Dusk Till Dawn“ vor allem eine große Lust am Filmmachen, am Schwelgen in unzensierten Phantasien, am Rausch der Bilder und der Musik. Die heutige Entsprechung wäre womöglich der politisch korrekte „Blood and Sinners“, der ebenfalls wirklich mitreißende Szenen auf die große Leinwand bringt, aber leider in den Vampirszenen vergleichsweise schaumgebremst daherkommt. Und natürlich kann und will ein „Blood and Sinners“ den Hedonismus der 1990er nicht wieder erwecken. Um diesen Spirit so richtig robust heraufzubeschwören, muss man schon „From Dusk Till Dawn“ schauen.
Trivia: Eigentlich sollte Quentin Tarantino den Film drehen, entschied sich aber dagegen und fokussierte sich ausschließlich aufs Verfassen
des Drehbuchs und seine Rolle als Richard Gecko. Für das Schreiben des Skripts erhielt Tarantino 1500 Dollar. Für seine Rolle als psychopathischer Gangster nominierte man ihn für eine „Goldene
Himbeere“ als schlechtester Nebendarsteller.
Salma Hayek hatte keine Choreografie für ihren Tanz. Ihr zufolge könne man eben keine lebende Schlange choreografieren, die sie beim Dreh um den Nacken trug. Hayek litt an einer Schlangenphobie,
wollte die Rolle aber unbedingt haben. Als ihr Regisseur Rodriguez die Lüge auftischte, Madonna habe an der Rolle Interesse, begab sich Hayek in Therapie, überwand ihre Schlangenfurcht und drehte
einen der ikonischsten Tänze der Filmgeschichte.
Die Originalfassung des Films erhielt in Deutschland von der FSK eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Sie wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien am 31. Mai 1997 indiziert. Ende
Juni 2017 gab die BPjM die vorzeitige Listenstreichung bekannt. Es sind verschiedene Schnittfassungen vorhanden, die ungekürzte ist 108 Minuten lang. Ursprünglich waren die Massaker- und
Kampfszenen im „Titty Twister“ länger und deutlich blutiger. Um die Freigabe des Films nicht zu gefährden und das Erzähltempo nicht auszubremsen, wurde einiges davon rausgeschnitten. Es
existieren Rohfassungen, die alle gedrehten Szenen zeigen.
Es gibt zwei Fortsetzungen „From Dusk Till Dawn 2 – Texas Blood Money“ (1999) und „From Dusk Till Dawn 3 – The Hangman’s Daughter“ (ebenfalls 1999!), die dem ersten Film in Sachen Inszenierung,
Charme, Humor und Schauspiel nicht ansatzweise das Wasser reichen können, aber für einen anspruchslosen Abend mit Metzelfilmbespaßung ganz passabel sind. Der dritte Teil, der ein Prequel ist,
gefällt mir dabei etwas besser als der zweite.
Laut Robert Rodriguez wurde die „Ezechiel-Rede“ aus Pulp Fiction eigentlich für Harvey Keitels Figur Jacob geschrieben.
IMDB: 7.2 von 10
Letterboxd0-Rating: 3.5 von 5
Hopsy-Rating: 4 von 5

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