Bahnbrechender Paranoia-Klassiker
• USA 1968
• Regie: Roman Polański
• Laufzeit: 138 Minuten
Handlung: Rosemarie zieht mit ihrem Mann, dem mäßig erfolgreichen Schauspieler Guy Woodhouse in eine Mietwohnung im siebten Stock des Bramford House, einem altehrwürdigen Gebäudekomplex am Central Park in Manhattan. Sie ist begeistert von der Wohnung, obwohl ein guter Freund des Paars darauf hinweist, dass das Haus bereits Schauplätz mysteriöser Todesfälle gewesen ist. Rosemarie und Guy lernen vor Ort ein älteres Paar kennen, dass kauzig, freundlich und etwas übergriffig ist. Vor allem, als Rosemarie schwanger wird, mischen sich die Castavets doch recht stark in das Privatleben der jungen Leute ein. Rosemarie beginnt zu vermuten, dass sie dafür einen Grund haben, der alles andere als wohlwollend ist.
Besprechung: Bevor ich auf den Film eingehe, will ich darauf hinweisen, dass ich mich am Ende dieses Blogeintrags unter „Hopsys Gedanken“
mit der Täterschaft von Roman Polański befasse. Und dabei auch mit der Frage, inwieweit man Film und Urheber trennen kann. Nun aber zu „Rosemaries Baby“.
Von Anfang an hat der Film die Zuschauer am Wickel: Die Kamera fliegt über Manhattan, schwebt über dem Central Park, streift beinahe die Dächer von Wohnkomplexen aus dem 19. Jahrhundert.
Angelehnt an die Architektur der französischen Renaissance erinnern die Gebäude an das alte Europa, das sich in die neue Welt gedrängt hat. Dazu erklingt das fantastische „Wiegenlied“, eine extra
für den Film erschaffene Komposition von Krzysztof Komeda. Darin mischen sich Sehnsucht, Trauer, Schmerz und das Abgründige der Erkenntnis: Die Welt ist nicht heil, die Unschuld vergangen,
Mutterschaft ist kein Segen an einem Ort, der nicht gut ist und nie sein kann.
Die große Stärke des Films liegt in meinen Augen darin, mit welcher Sicherheit und Leichtigkeit er die Gegensätze verbindet: Das junge Paar (Rosemarie und Guy) wirkt schick und modern, der
Zukunft zugewandt. Und doch leben sie sehr alte Rollenmuster. Manhattan und seine Bewohner*innen erscheinen gegenwärtig, nahbar und echt, die Kamera verfolgt das Treiben mit dokumentarischer Nähe
und Beweglichkeit. Genauso echt wirkt aber die Antithese zur Moderne: ein alter Hexenkult, der mit Kräutern und schwarzer Magie hantiert und den Sohn des Teufels zur Welt bringen will. Obendrein
verbinden sich in „Rosemaries Baby“ Banalität und Abgrund, echter Schrecken und feine Ironie, Faszination fürs Okkulte und Interesse an den ganz alltäglichen Fallstricken des Lebens. Das alles
von großartigen und gut ausgewählten Darsteller*innen getragen, von hervorragender Filmmusik und ebensolchem Sounddesign atmosphärisch unterstützt, festgehalten in wundervollen Farben und in
Bewegung versetzt durch die lebendige, suggestive Kameraarbeit von William Fraker. Ja, „Rosemaries Baby“ ist ein Meisterwerk.
Für den Horrorfilm ist diese Roman-Adaption so wichtig, weil sie unter Beweis stellt, dass die Phantasie des Zuschauers das wichtigste Instrument für die Erzeugung von Furcht ist. Es braucht
keine ausgefeilten Monsterdesigns, Blutfontänen und Schreckattacken im Minutentakt, um Furcht zu erzeugen. Entscheidend ist die Kraft der Suggestion, die sich aus gut ausgewählten und geschickt
platzierten Andeutungen speist. Die Betrachterin wird so zur Komplizin der eigenen Angsterzeugung, der Alltag entpuppt sich als brüchige Fassade, hinter der ein Horror lauert, der an lockende
Neugier und lähmende Furcht gleichermaßen appelliert. Und es ist trotz des mittelalterlichen Hexenthemas ein moderner (oder besser noch: ein zeitloser) Schrecken, den „Rosemaries Baby“ bietet.
Denn Polański hat sich dafür entschieden, die eindeutige Romanvorlage in etwas Ambivalenteres zu verwandeln. Die Ereignisse sind durchaus als (antepartaler, also vor der Niederkunft
einsetzender) Ausnahmezustand Rosemaries zu interpretieren. Eine seltene, aber schwere Form der Psychose. Wir müssen nicht an schwarze Magie glauben, um von den Geschehnissen beunruhigt zu
sein. Schließlich ist das Gewöhnliche bei genauer Betrachtung schrecklich genug: Wie eine junge Frau ihre ohnehin eher behauptete Eigenständigkeit zunehmend verliert, ihr der eigene Körper nicht
mehr gehört, schließlich auch ihr Kind nicht ihres ist, sondern Besitz der (satanischen) Gesellschaft.
Es gibt eine Szene in dem Film, in der Rosemarie und Guy von der älteren Nachbarin eine Süßspeise gebracht bekommen. Eine „Maus au chocolat“ wie die Nachbarin sagt. Die sich fast immer
mädchenhaft gebende und sprechende Rosemarie probiert ein paar Löffel, stellt dann einen unangenehmen Nachgeschmack fest und will das Dessert nicht weiter essen. Guy tut ihre sinnliche
Wahrnehmung der Wirklichkeit als Unfug ab. Er befiehlt ihr förmlich, sich nicht anzustellen, sondern den Nachtisch zu essen. Rosemarie sagt nun in passiv-aggressivem Trotz: „Okay, ja, hmm,
schmeckt total gut, überhaupt kein Nachgeschmack.“ Dann bittet sie Guy, die Schallplatte umzudrehen, löffelt in seiner Abwesenheit den Schokopudding in ihre Serviette und sagt bei seiner Rückkehr
mit Verweis auf die fast leere Dessertschale: „Guck mal, ist Daddy jetzt zufrieden?“ Was sich in diesen 1-2 Minuten zeigt, ist das so irrwitzige wie alltägliche Porträt einer Ehe unter
patriarchalen Vorzeichen. Die Frau darf und muss eine Heranwachsende bleiben, der Mann sagt, wo es langgeht, und welche Empfindungen von ihr angemessen sind und welche nicht. Die Frau setzt sich
gegen das Übergangenwerden zur Wehr, aber nicht offen und direkt – die Machtverhältnisse im Äußeren und im Inneren lassen es nicht zu – sondern, indem sie ihrem Mann etwas vorspielt. Es ist alles
andere als weit hergeholt den sinnlichen Genuss eines Desserts mit Sex in Verbindung zu bringen. Es sind solche auf den Punkt hin geschriebene, inszenierte und gespielte Szenen, die „Rosemaries
Baby“ so großartig machen.
Wenn man einen Makel an dem Film finden will, dann ist es wahrscheinlich der, dass er etwas lang geraten ist. Andererseits wüsste ich nicht, welche Sequenzen und Szenen man streichen, kürzen oder beschleunigen könnte, ohne dass dabei etwas verloren geht. Heutzutage mag „Rosemaries Baby“ langsam und vergleichsweise harmlos wirken, sein Einfluss wirkt aber auf die eine oder andere Weise fort in unzähligen Horrorfilmen, die lauter, drastischer, weniger subtil und letztlich auch weniger abgründig sind.
Trivia: Roman Polański schrieb das Drehbuch zu Rosemaries Baby nach der gleichnamigen Romanvorlage von Ira Levin, die 1967 veröffentlicht
worden war. Polański benötigte drei Wochen für das Verfassen von gut 270 Seiten Skript. Dabei übernahm er einige Dialoge des Romans weitgehend wortwörtlich.
Frank Sinatra, der damals mit Mia Farrow verheiratet war, las das Drehbuch und sagte seiner Frau: „In dem Film sehe ich dich nicht.“ Vermutlich missfielen ihm vor allem die Nacktszenen. Farrow
wurde skeptisch, sagte dann aber zum Glück (für uns und ihre Karriere) doch zu. Die Nacktszenen wurden allerdings von einem body double gespielt.
Ruth Gordon („Harold und Maude“) erhielt für ihre Rolle als Minnie Castevet sowohl den Oscar als auch den Golden Globe in der Kategorie der besten Nebendarstellerin. Ruth Gordon schrieb auch
Drehbücher, von denen sieben verfilmt wurden.
Krzysztof Komeda wurde für seine Filmmusik für einen Golden Globe nominiert. Das von ihm komponierte Lullaby aus dem Vor- und Abspann wurde von Farrow selbst gesungen.
Mit dem Film bzw. seiner Crew sind erstaunlich viele Schicksalsfälle verbunden: Ein paar Monate, bevor „Rosemaries Baby“ in die Kinos kam, fiel Komeda durch eine Schlägerei in ein Koma und
starb im Jahr darauf. Der Produzent William Castle, der im Film einen Cameo-Auftritt vor der Telefonzelle hat, starb kurz nach der Premiere des Films an Nierensteinen. Ebenfalls kurz nach der
Premiere zerbrach die Ehe von Mia Farrow (Sinatra hatte ihr die Scheidungspapiere schon während des Drehs zugeschickt, weil sie nicht das "Rosemarie"-Projekt abbrechen wollte, um in einem Film
mit Sinatra mitzuspielen. Farrow war am Set fertig mit den Nerven. Die Ehe des Romanautors Ira Levin zerbrach kurz danach. Und dann wurde 1969 die schwangere Sharon Tate, Polański Ehefrau, von
den Mitgliedern der „Manson-Family“ erstochen.
Anton Szandor LaVey, Gründer der Church of Satan, soll laut verschiedenen Quellen (darunter Variety) den Teufel im Film gespielt haben. Es ist jedoch umstritten, ob er den Teufel in der Vergewaltigungsszene tatsächlich verkörperte oder dem Regisseur Roman
Polański lediglich beratend zur Seite stand.
IMDB: 8 von 10
Letterboxd0-Rating: 4.2 von 5
Hopsy-Rating: 5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Der Regisseur Roman Polański wurde 1977 in Los Angeles angeklagt, die damals 13-jährige Samantha Gailey (die sich später Samantha Geimer nannte) im Haus von Jack Nicholson am Mullholland Drive
unter dem Einfluss von Champagner und Quaalude (einem starken Sedativum) vaginal und anal vergewaltigt zu haben. Nicholson war in dieser Zeit in Colorado Skifahren. Laut Gailey hatte Polański
ihre Mutter gefragt, ob er Samantha für die französische Ausgabe der „Vogue“ fotografieren dürfe und das Mädchen sagte mit Erlaubnis der Mutter zu. Beim ersten Termin habe sie sich unwohl
gefühlt, zumal sie mit freiem Oberkörper posieren sollte. Trotzdem habe sie einem zweiten Shooting zugestimmt, dass dann im Haus von Nicholson stattgefunden habe. Dabei habe sie Champagner
getrunken und Polański habe eine Quaalude-Tablette mit ihr geteilt. Dann habe er Oralsex an ihr ausgeführt, obwohl sie „nein“ gesagt habe. Auch bei der folgenden vaginalen und analen Penetration
habe Polański ihr „nein“ und „bitte aufhören“ ignoriert. Nach anfänglichem Bestreiten gab Polański vor Gericht schließlich zu, Sex mit Samantha Gailey gehabt zu haben. Dem Mädchen wurde das
öffentliche Aussagen vor Gericht erspart. Von den sechs Anklagepunkten – darunter „Vergewaltigung eines Opfers unter Drogen“ und „Sodomie“ – wurden im Zuge einer gerichtlichen Einigung alle
fallengelassen bis auf „außerehelicher Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen“. Aufgrund des jungen Alters des Opfers war eine gerichtspsychiatrische Beurteilung des Täters gesetzlich
vorgeschrieben. Polański wurde für 90 Tage ins Staatsgefängnis eingewiesen und nach 42 Tagen vorzeitig entlassen. Er galt in den Augen der Ärzte weder als Pädophiler noch als anderweitig sexuell
pervers. [Später äußerten sich andere Stimmen, die das Gutachten als oberflächlich und ein unzulässiges „Reinwaschen“ beschrieben]. Man empfahl eine Bewährungsstrafe. Aus Angst davor, dass sich
der zuständige Richter doch zu einer weitaus härteren Strafe veranlasst sehen könnte, floh Polański nach London und lebte schließlich in Frankreich.
Verteidiger Polańskis haben ins Feld geführt, dass damals die Sitten in Hollywood anders gewesen seien und das Unrechtsbewusstsein womöglich nicht so ausgeprägt war. Andere gingen noch weiter und
sagten, so kleine Girls hätten es doch gewollt. So äußerte sich Quentin Tarantino in einem Radiointerview von 2003 „she was down for it“ (zu deutsch: sie war einverstanden). Dafür hat er sich
2018 bei Samantha Geimer entschuldigt. Andere
führen an, dass Polański selbst durch schwerwiegende traumatische Erfahrungen geprägt war. Als jüdisches Kind überlebte er den Holocaust im besetzten Polen, während seine Mutter durch die Nazis
ermordet wurde. Später verlor Polański seine schwangere Frau (die Schauspielerin Sharon Tate): Mitglieder der „Manson Family“ stachen sie in ihrem Haus in Hollywood nieder. Manche weisen auch
darauf hin, dass Samantha Geimer dem Regisseur ja vergeben habe. Tatsächlich äußerte sich Geimer im Oktober 2010 gegenüber dem Nachrichtensender CNN zu Polańskis neuer Inhaftierung in der
Schweiz. Sie sei erleichtert darüber, dass Polański nicht ausgeliefert werde, er sei bereits ausreichend bestraft. Der Medienrummel und das Vorgehen des in ihren Augen korrupten Justizapparats
sei für sie schädlicher als Polańskis Missbrauch vor 32 Jahren. Sie wünschte ausdrücklich, die Klage fallen zu lassen. 2013 veröffentlichte Samantha Geimer ihre Autobiografie "The Girl: A Life in
the Shadow of Roman Polański" (The Girl: Mein Leben im Schatten von Roman Polański), in der sie ihre Sicht der Ereignisse schildert. Auch sagte sie später in der Öffentlichkeit, Polański
verziehen und Verständnis für ihn zu haben.
All das kann allerdings nicht die tiefgehende Irritation aufheben, die zumindest ich empfinde, wenn ich mir den Regisseur so herausragender Werke wie „Chinatown“ oder eben „Rosemaries Baby“ als
derart empathielos und selbstsüchtig vorstelle, dass ihm die Gefühle, die Zukunft und die Unschuld eines heranwachsenden Mädchens im Vergleich zu seiner eigenen kurzen Befriedigung völlig egal
sind. Schlimmer noch: Der damals 43-Jährige hat mit Vorsatz und perfidem Kalkül gehandelt. Außerdem gibt es weitere ernste Anschuldigungen gegen Polański. So beschuldigte die britische
Schauspielerin Charlotte Lewis den Regisseur, sie als Sechszehnjährige im Jahr 1982 in seiner Pariser Wohnung sexuell missbraucht zu haben. Eine andere Frau reichte 2024 eine Zivilklage ein, weil
sie 1973 als Minderjährige in Los Angeles von Polański vergewaltigt worden sei. 2017 gab eine Frau, die nur als „Robin“ auftrat, an, 1973 im Alter von 16 Jahren von Polański sexuell missbraucht
worden zu sein. Schließlich sagte 2017 auch Marianne Barnard gegen den Regisseur aus: Er habe sie 1975 sexuell angegriffen. Sie war damals zehn Jahre alt.
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass es immer wieder zu Debatten kommt, wenn Werke Polańskis öffentlich gezeigt werden sollen oder dem Regisseur eine Ehrung zuteil wird. Claire
Dederer bringt in ihrem lesenswerten Buch „Genie oder Monster. Von der Schwierigkeit, Künstler und Werk zu trennen“ die beiden äußeren Pole der Debatte auf den Punkt:
„Eine Freundin, die in der Highschool Opfer einer Massenvergewaltigung wurde, ist der Überzeugung, alle Kunstwerke von Künstlern, die Frauen ausgebeutet oder missbraucht haben, sollten zerstört
werden. Ein schwuler Freund, dem Kunst in seiner Jugend eine große Stütze war, ist hingegen der Ansicht, dass Kunstwerk und Künstler vollständig voneinander getrennt werden müssen. Und es ist
absolut möglich, dass sie beide recht haben.“
Manche, die Polańskis Taten unverzeihlich abscheulich finden, neigen dazu, seine Filme (deswegen) schlecht zu finden. Andere, die sein Werk zumindest in Teilen lieben, neigen dazu, seine
Täterschaft herunterzuspielen. Die Spannung zwischen einem großartigen Werk und einem zumindest unter anderem fürchterlichen Menschen ist nur schwer auszuhalten.
Ich selbst will keine allgemeingültige Umgangsweise mit Werken wie denen von Polański empfehlen. Denn Menschen sind auf unterschiedliche Weise von Gewalt betroffen und finden persönliche Wege, um
damit umzugehen. Diese Unterschiedlichkeit zu respektieren, im Gespräch zu bleiben, die Sichtweise des Gegenübers ernst zu nehmen – das erscheint mir hilfreich und verbindend.
Ich selbst
denke, dass sich Werk und Künstler nicht vollständig trennen lassen, ohne dass beide auch nur ansatzweise miteinander identisch wären. So wie sich ein Mensch auch nicht von besonders miesen oder
besonders guten Taten trennen lässt, ohne mit ihnen identisch zu sein. Das eine ist eine Tat, also ein Ereignis, eine Begebenheit, eine Auswirkung, auch ein Werk. Das andere ein Urheber, also
jemand, der maßgeblich ein Ereignis oder ein Werk in Gang setzt. Wenn ich einen Film wie „Rosemaries Baby“ gut finde, finde ich deswegen nicht Roman Polański gut. Und wenn ich Roman Polański als
Filmemacher gut finde, heiße ich damit nicht seine Taten als Vergewaltiger gut. Ein Mensch kann in meinen Augen vieles sein: ein hervorragender Regisseur, ein riesiges Arschloch, ein sensibles
Wesen, ein kleines Kind, ein Monster, ein vernünftiger Erwachsener, ein gestörtes Triebwesen… Würde ich mit Polański zusammenarbeiten, wenn er mich – aus unerfindlichen Gründen – in sein Filmteam
beruft? Die Frage würde mir schlaflose Nächte bereiten. Intuitiv würde ich eher „nein“ sagen, aber das fällt leichter, wo das Angebot nicht ernsthaft im Raum steht.
Ein Film wird von hunderten von Menschen gemacht, und ich denke, „Rosemaries Baby“ ist nun mal auch das Verdienst von Mia Farrow, Ruth Gordon oder dem Komponisten Krzysztof Komeda. Ein Film
bringt Inspiration in die Welt. In meinen Augen ist er nicht kontaminiert von dem, was der eine oder die andere Beteiligte im Laufe ihres Lebens getan haben. Er entsteht ja auch im Auge der
Betrachterin und des Betrachters. Wer die Werke von Menschen, die Verbrechen begangen haben oder sich anderweitig arschlochhaft verhalten haben, nicht lesen, hören oder betrachten will, weil er
meint, sich dabei womöglich mitschuldig zu machen oder sich etwas Giftigem auszusetzen, weil ein Verbrechen nur aus einem giftigen Charakter kommen kann und ein giftiger Charakter nur Gift
produzieren kann, hat in meinen Augen einen hohen Reinheitsanspruch. Sollte ich die Beatles nicht hören, weil John Lennon seine Frau geschlagen hat? Verleidet mir der krasse Antisemitismus einer
Patricia Highsmith die Lektüre ihrer abgründigen Romane und Kurzgeschichten? Kann man heute noch guten Gewissens Platten von Lou Reed auf einer Party auflegen? Urteilen wir leichter
über andere, uns unbekannte Menschen, als über uns selbst?
In einer besonders verstörenden Szene in „Rosemaries Baby“ entdeckt Rosemarie am Morgen nach einer von Alpträumen geprägten Nacht, dass sie Kratzspuren am Rücken hat. Ihr Mann Guy bekommt das mit
und sagt entschuldigend, er habe sich die Fingernägel schon geschnitten. Rosemarie, die von einer Vergewaltigung durch ein Monster geträumt hat, begreift, dass Guy mit ihr geschlafen hat, nachdem
sie – nach dem Genuss des sonderbaren Desserts – bewusstlos geworden ist. Die nun gezeigten Reaktionen der Eheleute sind irritierend, um es vorsichtig zu formulieren: Guy sagt, er habe ihre
fruchtbare Phase zum Babymachen nutzen wollen. Rosemarie sagt mit nur leichtem Ärger, damit habe er doch bis zum Morgen warten können. Darauf erwidert Guy sinngemäß, er sei halt auch betrunken
gewesen und so ein nekrophiler Akt ja auch mal ganz cool. Ende des Gesprächs.
Beim Sehen dieser Szene habe ich mir ein paar Fragen gestellt: Wie bewusst ist Polański, dass es sich hier um nicht-konsensualen Vaginalverkehr, also um eine Vergewaltigung handelt? Und für wie abscheulich hält er das Vorgehen des Ehemanns? Wie abscheulich fanden es die Zeitgenossen, als sie den Film im Kino gesehen haben? Wir erinnern uns: Eine Vergewaltigung in der Ehe gibt es in Deutschland als Straftatbestand erst seit 1997. Und als ich den Film als Sechszehnjähriger im Fernsehen gesehen habe, ist mir alles Mögliche hängengeblieben, aber dieses „Gespräch danach“ habe ich einfach als „nichts Besonderes“ durchgewunken. Es ist verwirrend: Polański bebildert in „Rosemaries Baby“ eindrücklich die Entrechtung der Frau in einer männerdominierten Gesellschaft. Als künftige Mutter gehört ihr nicht mal mehr der eigene Körper, falls er ihr je gehört hat. Die Erwähnung ehelichen Verkehrs ohne Einwilligung der Frau ist in dem Film einerseits klar ein weiteres Warnzeichen, und wird andererseits von den Eheleuten als Bagatelle abgetan. Was hat sich Polański in Bezug auf die Szene gedacht? Vor allem: Was hat er sich gedacht, als er Jahre später ein Dreizehnjähriges Mädchen unter einem Vorwand in das Haus eines Schauspielers lockte, unter Drogen setzte und sich an ihr abreagierte, obwohl sie „nein“ sagte? Kann jemand, dem die Ungerechtigkeit im Patriarchat doch offenbar so klar vor Augen steht, dennoch selbst auf so drastische Weise Teil ihrer anmaßenden Unverschämtheit sein?

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Kai Becker (Sonntag, 22 Februar 2026 04:31)
Horrorfilme sehe ich mir nur selten an (von den letzten 20 hier besprochenen kenne ich gerade mal 3) - aber nach dieser Rezension kommt „Rosemaries Baby“ definitiv auf die To-View-List.
Danke auch für die Reflexion über Polanski als Täter. Das Argument, dass der Film das Werk nicht eines, sondern vieler Künstler ist, hat mir die Entscheidung erleichtert.
Nur eine kleine Korrektur: Wenn es um den Zustand der Mutter geht, ist „antepartal“ das richtige Wort. „Pränatal“ bezieht sich auf das Baby.
Anselm (Sonntag, 22 Februar 2026 09:59)
Vielen Dank für deine Nachricht und den Hinweis. In der Fachliteratur wird tatsächlich meist ante- oder postpartal in Bezug auf die Mutter verwendet, aber im allgemeinen Sprachegbrauch lassen sich pränatal und antenatal dazu als Synonyme verwenden (machen auch Ärzte). Ich habe es der Verständlichkeit halber so geschrieben, will aber natürlich nicht, dass es so klingt, als sein Rosemary selbst noch nicht geboren :o)! In dem Satz oben klang "pränatal" tatsächlich etwas schief. Ich habe es jetzt geändert.