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Irreversibel

Anstrengende Krawall-Kunst

 Frankreich 2002

 Regie: Gaspar Noé    

 Laufzeit: 97 Minuten

 

Handlung: Ein Mann, dessen Freundin vergewaltigt wurde, sucht zusammen mit dem Ex-Freund des Opfers den Täter, um die Tat zu rächen.

 

Besprechung: Dieser zweite Langfilm von Gaspar Noé geht damit los, dass die Titel rückwärts durch Bild ziehen. Manche der Buchstaben sind sogar spiegelverkehrt. Irgendwann setzt eine so bedrohliche wie hypnotische Musik ein und ein Insert teilt uns mit „Die Zeit zerstört alles“. In der Eröffnungsszene sehen wir Philippe Nohan aus Noés erstem Film („Menschenfeind“, 1998), der nackt auf dem Bett in einer schäbigen Unterkunft sitzt, und einem Besucher aus seinem Leben erzählt. Draußen heulen Polizeisirenen, das Geschehen wechselt nun vor einen Nachtclub namens „Rectum“ (und wir sehen den „Menschenfeind“ im Film nicht wieder). Die Kamera dreht und schlingert, dass man sich bald fühlt wie in einer Waschmaschine, in der vor allem rote und schwarze Klamotten gewaschen werden. Dazu dröhnt der Score unerbittlich. Das hier ist ganz klar ein Angriff auf die Sinne, Überwältigungskino. Die markante Visage von Vincent Cassel, der eben noch verletzt auf einer Trage abtransportiert wurde, steht nun putzmunter in dem Nachtclub. Wir beginnen zu ahnen: Der Film wird rückwärts erzählt. In dieser Erzählweise geht die Auswirkung der Ursache voraus. 

„Rectum“ ist ein Schwulenclub der härteren Sorte: Beton, Dunkelheit, anonymer und brutalisierter Sex. Cassel irrt hier rum, sucht jemanden, verhält sich dabei angespannt und aggressiv und trifft auf nicht minder aggressive Clubbesucher, die er wiederum als „Schwuchteln“ beschimpft. Später werden wir einen eigentlich homosexuellen Mann erleben, der eine Frau in einer Unterführung vergewaltigt und danach fast totprügelt und -tritt. Noé wurde wegen „Irreversibel“ Homophobie vorgeworfen. Er sagte, er sei nicht homophob und wies daraufhin, dass er selbst ja in den Schwulenclubszenen mitspiele. Es mag sein, dass Noé nicht homophob ist, ich als Zuschauer frage mich aber, welchen Zweck es für den Film erfüllt, dass der frauenhassende, ultrabrutale Gewalttäter schwul ist. Und auch, warum die Schwulen im Club, zum einen so stark beschimpft werden müssen, und zum anderen wie die dunkle Phantasie eines evangelikalen Christen wirken.



 

Später hat sich mir eine weitere Frage aufgedrängt: Warum dauert die Vergewaltigungsszene zehn Minuten, die wie eine halbe Stunde wirken? Warum muss die bildschöne Monika Bellucci das Opfer sein und ist dabei auch noch extrem sexy angezogen und in Szene gesetzt? Dass die Zuschauer*innen bei der Premiere in Cannes und auch später bei Kinovorführungen nicht selten den Saal verlassen haben, lange bevor der Film vorbei war, kann ich ihnen nicht verdenken. Wer sich „Irreversibel“ anschauen will, ist jetzt gewarnt. 



 

Wegen der umgedrehten Chronologie ist der Film auch dramaturgisch sperrig: Nach der grässlichen Vergewaltigungsszene erleben wir fast 40 Minuten belanglose Szenen auf einer Party und dem Weg dahin, sowie eine lange, sehr nahbar und intim inszenierte Bettszene zwischen Bellucci und Cassel. Für Figurenpsychologie oder eine klassische Story interessiert sich Noé nicht, sondern für die körperliche Energie des Moments. Das hier ist eine cineastische Performance, die auf die Zuschauer einwirken und ihnen ein pessimistisches Menschenbild entgegenschleudern will. In meinen Augen ist die von Cassel gespielte Figur unsympathisch und anstrengend. Ein wahlweise zugedröhnter oder hyperaggressiver Typ, der im Umgang mit seiner Freundin zwar hin und wieder charmant lächelt und auch ganz liebenswürdig wirken kann, vor allem aber ein Macker alter Schule ist. Ich habe keine Ahnung, ob Noé ihn als normal, liebenswert oder fragwürdig darstellen will, ja auch nicht, ob ihn diese Frage überhaupt interessiert. Das von Noé geschriebene Drehbuch hatte eine Länge von drei Seiten, die Schauspieler*innen haben ihre Texte weitgehend improvisiert.

Wer die Kritik bis hierher gelesen hat, wird bemerkt haben: Ich bin ratlos. „Irreversibel“ hinterlässt einen starken Eindruck, wirkt so künstlerisch unkonventionell wie grell plakativ und erzeugt bei mir Widerwillen nicht nur gegen den Täter im Film, sondern auch gegen den Film selbst. Gleichzeitig merke ich, dass das kein reiner Skandalfilm um des Skandals Willen ist, sondern erkenne eine authentische künstlerische Vision. Meine Bewertung ist Ausdruck meiner Ratlosigkeit, denn der Film ist in meinen Augen so ärgerlich wie interessant, so bedenkenswert wie unsubtil manipulativ. Ich bekomme den Widerspruch in mir nicht aufgelöst. Ja, womöglich ist das Kunst.

 

Trivia: Es gibt einen „straight cut“ des Films, der die Sequenzen in chronologischer Reihenfolge präsentiert. Das ist dramaturgisch befriedigender, aber natürlich weniger interessant und entgegen der zentralen künstlerischen Intention des Films: durch das Dekonstruieren einer chronologischen Erzählung den Fokus auf das Erleben des Moments zu lenken. Und so auf die Möglichkeiten des Mediums Film an sich, die nun nicht bloße Erfüllungsgehilfen einer „Story“ sind.

Die ersten dreißig Minuten des Films sind von einem Hintergrundgeräusch mit einer tiefen Frequenz von 27 Hz begleitet, das fast im Infraschallbereich liegt (es klingt wie ein Grollen oder Vibrieren). Ähnliche Geräusche werden mitunter von der Polizei zur Auflösung von Unruhen eingesetzt. Laut Gaspar selbst war dieses Geräusch nur in Kinos (die üblicherweise über große Soundsysteme mit Subwoofern verfügen) und nicht über Kopfhörer oder Heimkinoanlagen hörbar. Beim Menschen verursacht dieses Geräusch Übelkeit, Unwohlsein und Schwindel. Es war einer der Gründe, warum Zuschauer während des ersten Teils des Films die Vorführungen verließen. Tatsächlich wurde es von Thomas Bangalter (von der Elektromusikgruppe Daft Punk) hinzugefügt, um genau diese Reaktion hervorzurufen.

Ursprünglich war das Projekt für Regisseur Gaspar Noé als Studie über eine feste Beziehung gedacht. Er wollte den Film mit einem realen Paar drehen, und das Ehepaar Vincent Cassel und Monica Bellucci schien dafür ideal. Doch als das Trio begann, Ideen für den Film zu entwickeln, nahm dieser eine deutlich düsterere Wendung.

Gaspar Noé sagt, er habe keine Ahnung gehabt, wie lange die Vergewaltigungsszene dauern würde. Das lag ganz in der Hand von Monica Bellucci und dem Schauspieler, der ihren Angreifer spielte. Er sagte: „Die ganze Szene lag in ihren Händen, und selbst der Schauspieler, der den Vergewaltiger spielte, war ganz auf sie eingestellt. Wenn sie die Szene nicht so drehen wollte, hätte sie es gesagt. Ich bewundere sie sehr dafür, dass sie diese Szene so weit getrieben hat.“

 

IMDB: 7.3 von 10

Letterboxd0-Rating: 3.7 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 3 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Die Vergewaltigungsszene enthält einige Momente und widerwärtige Äußerungen, die sich ins Gedächtnis einbrennen und dort wie etwas Giftiges lagern. Dazu zählt der Moment, in dem sich der Täter erschöpft von seinem Opfer herunterwälzt und auf dem Boden sitzt, während die Vergewaltige als geschundene Kreatur auf dem Boden kauert und versucht, wegzukriechen. Diese Einstellung macht die fürchterliche Gleichzeitigkeit der Gewalttat deutlich: die matte Befriedigung des einen ist das Resultat der grauenhaften Zurichtung der anderen. Und während der Typ bald einfach seines Weges geht, wird das Leben des Opfers sehr wahrscheinlich nie wieder so sein wie zuvor. Anders gesagt: Beim kaputten Typen ändert sich nichts, aber er hat jemand anderen kaputt gemacht.

Und ums Kaputtmachen geht es: In der breit ausgewalzten Vergewaltigungsszene wird inhaltlich betrachtet der sexuelle Aspekt zugunsten des gewalttätigen Aspekts fast vollständig in den Hintergrund gedrängt: Der Täter ist nicht in erster Linie geil, sondern wütend, wobei das eine das andere befeuern kann. Er will den schönen Körper der „high society bitch“, wie er sie nennt, zerstören. Er will sie für ihre Existenz bestrafen. Er sagt: „Du denkst, du kannst dir alles erlauben!“. Die Wut des womöglich aus einer „niedrigeren“ Klasse stammenden Mannes auf die schöne, selbstbewusste, erfolgreiche Frau ist so erschreckend wie als Thema leider von welthaltiger Bedeutung. Und könnte auch erklären, warum es ein Homosexueller sein muss: Es geht ihm nicht primär um sexuelle Befriedigung. Die Frau ist für ihn kein klassisches Lustobjekt. Das Ausleben von Macht, Dominanz und einer mörderischen Wut, die sich aus Angst und Selbsthass speisen dürfte, werden als zentrale Motive deutlich und der Analverkehr impliziert, dass es nicht um ein (potenziell Leben zeugendes) Mann-Frau-Verhältnis gehen soll.

Inszenatorisch ist die Szene aber durchaus erotisch aufgeladen. Was sie (für viele Zuschauer*innen) noch unangenehmer machen dürfte. Leslie Felperin schreibt in ihrer Filmkritik für „Sight and Sound“ (3/2003), dass der Film vor allem in dieser Szene ein sadomasochistisches Verhältnis zum Publikum aufbaut: „Living up to ist tagline „Time destroys everything“, the film unfolds in a coldly cruel universe, ruled by Time the Sadist. In ordert o enjoy the spectacle, you probably need tob e either a bit of a masochist or sadist yourself – or indeed both at the same time.“

So betrachtet, ist gerade die Vergewaltigungsszene womöglich nicht nur zutiefst abstoßend, sondern tendenziell auch sexuell stimulierend, was für einige Zuschauer*innen das Verstörendste an „Irreversibel“ sein dürfte und – wenn ich es richtig sehe – von Noé so beabsichtigt ist. Wer auf solche Arten der Selbsterkenntnis keine Lust hat, sollte einen Bogen um den Film machen.

 

 

 

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