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Lost Highway

Einzigartiger Trip ins Unbewusste

 USA, Frankreich 1997

 Regie: David Lynch     

 Laufzeit: 134 Minuten

 

Handlung: Ein eifersüchtiger Jazzmusiker findet sich in einer rätselhaften Geschichte wieder, in der es um Mord, Überwachung, Gangster, Doppelgänger und eine unmögliche Verwandlung innerhalb einer Gefängniszelle geht.

 

Besprechung: Schon die Eröffnungsszene einer nächtlichen Fahrt auf dem Highway zu David Bowies „I’m deranged“ erzeugt eine einzigartige Atmosphäre und lässt ahnen, dass man gerade in einen ganz besonderen Film hineinfährt. Ich weiß noch, wie ich 1997 aus dem Kino gekommen bin, aufgeregt, verstört und energetisiert. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Es war mehr möglich, als ich bisher gedacht hatte, auch in Hinblick auf das Erzählen von Geschichten. Tatsächlich hatte „Lost Highway“ (so wie Cronenbergs Filme, vor allem „Videodrome“) Einfluss auf mein Schreiben. Aber auch darauf, wie ich in Zukunft Filme sah: nämlich genauer. Etwas pathetisch kann ich sagen, dass ich durch „Lost Highway“ lernte, bewusster zu gucken und auf Details zu achten.

Heute, nach dem dritten Rewatch, wirkt der Film natürlich anders als damals. Interessant ist, welche Szenen sich unauslöschlich in meiner Erinnerung eingebrannt haben (Freds manisches Saxophonspiel, der Mystery Man, Mr. Eddys Lektion für einen Mann, der zu dicht auffährt, der erste Auftritt der blonden Alice), und was ich wieder vergessen habe (lang ausgewalzte und zum Teil unangenehme Sexszenen, Petes Freundin Sheila, kurze Momente skurrilen Humors). Was faszinierend bleibt, ist, wie die Inszenierung eine im Kern einfache Geschichte zu einem assoziativen Spiel macht, bei dem der Zuschauer mitspielen darf. Dadurch entsteht eine inspirierende und immer wieder neu zusammengesetzte Komplexität. Und die Möglichkeit, beim Zusammensetzen der Teile, einen Spiegel herzustellen, in dem man sich selbst erkennt. 

Die Kameraarbeit von Peter Deming ist großartig. Das Sounddesign, die Filmmusik sowie die Soundtracks, die von Lou Reed und This Mortal Coil bis Rammstein reichen, eindrucksvoll. In einer sonderbaren Verzahnung von märchenhafter Überhöhung und ästhetisierter Alltagstristesse entsteht eine Atmosphäre, die so speziell ist, dass man sie als „lynchesk“ bezeichnen darf. Verblüffend finde ich dabei, wie plakative Oberfläche und feinsinniger Blick in die Tiefe ebenso mühelos zusammengehen, wie abgrundtiefer Schrecken und Leichtigkeit. Dass „Lost Highway“ kein Horrorfilm ist, aber genug Horror enthält, um hier besprochen zu werden, bedarf vermutlich keiner Erläuterung. Nur so viel: Wenn Jazz-Musiker Fred (Bill Pullmann) in seinem festungsartigen Haus einen stockdunklen Gang vorfindet und langsam dort hineingeht, um schließlich von dort seiner Frau Renée (Patricia Arquette) entgegen zu gehen, ist das in meinen Augen einer der großen und unterschätzten Horrormomente des Kinos.

Der Film wird nicht allen gefallen. "Lost Highway" ist langsam und scheint sich manchmal selbst auszubremsen. Wirklich sympathische Figuren gibt es in meinen Augen nicht. Auf eine neue Handlungsebene, die der Film unvermittelt aufmacht, muss man sich erst einmal einstellen. Sowie überhaupt die Erzählweise des Films gewöhnungsbedürftig ist. Vor allem könnte ich mir auch vorstellen, dass Frauen und nicht heterosexuelle Männer dem Geschehen distanzierter gegenüberstehen, da es im Kern stark um die (sexuellen) Phantasien, Ängste und Zerrissenheiten von Hetero-Männern kreist.

Dennoch ist „Lost Highway“ in meinen Augen ein mit viel Liebe zum Detail und großem künstlerischen Gespür gemachter Film, der einer völlig eigenständigen Vision folgt und dabei Kunst und Unterhaltung so spielerisch verbindet wie Künstlichkeit und authentische Erforschung menschlicher (männlicher) Abgründe. Das ist einer der Filme, die man in seinem Leben gesehen haben sollte. Auch wenn man sich danach vielleicht auch nur lange und durchaus inspirierend darüber aufregt. 

 

Trivia: Das Sound-Design zu „Lost Highway“ stammt wie in einigen anderen seiner Filme von David Lynch selbst. Lynch, der auch als bildender Künstler arbeitete, gestaltete auch das Haus, in dem Fred und Renée wohnen.

Laut David Lynch ist die Eingangsszene des Films aus seinem Leben gegriffen: Tatsächlich habe einmal ein Mann an seiner Tür geklingelt und den Satz „Dick Laurent is dead“ durch die Sprechanlage gesprochen. Als Lynch aus dem Fenster blickte, sei niemand mehr zu sehen gewesen. 2002 sagte er in einem Interview, dass ihm später aufgegangen sei, dass ihm beim Schreiben des Drehbuchs (zusammen mit Barry Gifford) unbewusst der Gerichtsprozess um O.J. Simpson stark beschäftigt habe. 

Metal-Fans könnten bemerken, dass Henry Rollins hier einen Gefängniswärter spielt. Scott Ian („Anthrax“) spielte einen Häftling, aber die Szene wurde aus dem Film wieder herausgeschnitten. Auch haben Brian Warner („Marilyn Manson“), dessen Bassist Twiggy Ramirez und Pornodarstellerin Dru Berrymore Statistenrollen als Pornodarsteller.


Der Film war finanziell ein Flop: Das Budget des Films lag bei 15 Millionen Dollar. An den Kinokassen spielte er weltweit 8 Millionen Dollar ein. Auch die Kritiken waren durchwachsen. So verriss der berühmte Filmkritiker Roger Egbert „Lost Highway“ mit den Worten: „David Lynchs „Lost Highway“ ist wie ein Kuss in den Spiegel: Man mag, was man sieht, aber es macht keinen Spaß und wirkt irgendwie kühl. Es ist eine wirre Geistergeschichte, eine Stilübung, ein Film, der mit einer gewissen lässigen Verachtung für das Publikum gedreht wurde. Ich habe ihn zweimal gesehen, in der Hoffnung, ihn zu verstehen. Er ist völlig unverständlich.“

 

IMDB: 7.6 von 10

Letterboxd-Rating: 4.1 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 4.5 von 5

 

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Viel ist zu möglichen Interpretationen von „Lost Highway“ geschrieben worden. Ja, es gibt gelehrte Aufsätze dazu, wie Slavoj Žižek’s „The Art of the Ridiculous Sublime: On David Lynch’s Lost Highway. A Lacanian reading of a labyrinthine film“. Ich will hier keine Interpretation vorlegen, sondern nur ein paar Gedanken formulieren, die beim Nachdenken über den Film als Inspiration dienen können. Ich erinnere mich daran, dass ich den Film vor vielen Jahren mit meiner damaligen Freundin sah, die sich danach eher negativ äußerte: Das sei im Kern eine ausgewalzte sexistische Männerphantasie, in der Frauen nur als Projektionsfläche vorkämen. Genau genommen gäbe es ja eh nur eine einzige Frau in dem ganzen Film, und die würde wahlweise als dümmlich-kindliches Mädchen oder als Femme-Fatale-Hure in Szene gesetzt.


Natürlich dachte ich intensiv über diese Kritik meiner so gebildeten wie feministisch geschulten Freundin nach, auch wenn tatsächlich in dem Film mehr Frauen vorkommen als nur die eine. Dabei fiel mir auf, dass auch die Männer in „Lost Highway“ stereotyp gezeichnet sind, und nicht als reale Figuren verstanden werden wollen. Je länger ich nachdachte, desto mehr kam es mir so vor, als ob Lynch ein doppeltes Spiel trieb: Er huldigt den Hollywood-Archetypen und setzt seine Charaktere so reduziert wie überlebensgroß in Szene. Zugleich aber schwingt in dieser Überhöhung eine Dekonstruktion mit, ja etwas Parodistisches. Wenn Patricia Arquette als blonde Alice in die Werkstatt gefahren kommt und Lou Reed genau dann „This Magic Moment“ singt, als sie den jungen Macker Pete anguckt, ist das derart dick aufgetragen, dass hier der Mythos durchscheinend wird. Um ein realistisches Frauenbild geht es an keiner Stelle, auch nicht um ein realistisches Männerbild. Wohl aber tauchen wir mit „Lost Highway“ trotzdem in etwas wahrhaftiges ein, nämlich die Produktionen des (hetero-männlichen) Unbewussten, die ebenso von Hollywood geprägt sind, wie Hollywood von ihnen geprägt ist. 


Und dabei kommt mehr zum Vorschein als die Sehnsucht nach der super-sexy Frau, nämlich die zwangsläufige Störanfälligkeit der männlichen Konstruktion von Weiblichkeit: In seiner Phantasie ist die Frau eine Sexbombe, ein laszives Luder. Und er will sie besitzen. Genau das geht aber nicht, denn in dem Moment, in dem der Mann die Frau zur willfährigen Hure zurechtphantasiert, entzieht sie sich zugleich seiner Kontrolle und wird zur potentiellen Partnerin aller Männer. Sie ist nämlich nicht nur so begehrenswert, dass im Kern alle Männer sie wollen, sondern sie ist auch so voller Verlangen, dass es unmöglich von einem einzigen Mann befriedigt werden kann, vor allem dann nicht, wenn dieser Mann beginnt, an sich selbst zu zweifeln: Bin ich wirklich gut genug? Was ist mit all den anderen Männern? Es ist paradox: Der Mann wünscht sich die Traumfrau erst als Hure (für sich allein) zurecht, dann bekommt er Angst vor seiner eigenen Phantasie, da sich die sexuell aufgeschlossene Frau nicht wirklich kontrollieren lässt. Erst wünscht er sich, durch „Besitz“ der Traumfrau zum größten Hecht im Karpfenteich zu werden, dann bekommt er Angst vor all den anderen Hechten. Die ganze patriarchale Konstruktion entpuppt sich so als Riesenmurks, der Männer in den Irrsinn (und leider auch in die Gewalttätigkeit) treibt.


Natürlich schaffen es die meisten Männer, diesen Konflikt irgendwie zu deckeln, abzumildern, runterzukochen. Sie lernen, sich selbst und das weibliche Gegenüber als facettenreicher wahrzunehmen und Herrschaftsansprüche aufzugeben, mit denen patriarchale Mythen versuchen, Unsicherheit und Abhängigkeit in eine Erzählung der Stärke umzudeuten. Wer sich selbst wirklich annehmen kann und zu sich steht, braucht kein beherrschtes Gegenüber. Und wer sich seines Selbstwertes sicher ist, braucht keine „Traumfrau“, um sich und anderen Männern den eigenen Wert zu beweisen, der dann doch immer nur brüchig und bedroht ist. Zum Beispiel dadurch, dass die Traumfrau fremdgeht. So betrachtet, könnte der von meiner feministischen Ex-Freundin geschmähte „Lost Highway“ doch ein guter und tatsächlich feministischer Debattenbeitrag sein. Patricia Arquette sagte übrigens in einem Interview: „Für mich ist es eine Art Film, der Frauen aus der Perspektive eines Frauenhassers betrachtet... er ist also total von ihr besessen, kann sie nicht genug lieben, kann sie nicht genug für sich haben, kann sie nicht oft genug töten.“


David Lynch wiederum erwähnte öfter, dass man Filme nicht immer nur interpretieren, sondern vor allem fühlen sollte. Man solle sich treiben lassen, und wenn man assoziiere, spielerisch den Assoziationen folgen, ohne immer alles gleich einordnen und verstehen zu wollen. Dabei sind Lynchs Assoziations-Angebote keineswegs beliebig. Der Film ist kein reines Werk des Unbewussten, sondern mit kühlem Kopf ausgeführt. Wer sich für Identitätskonzepte, fernöstliche Reinkarnationsüberlegungen oder auch die Psychopathologie einer „psychogenen Flucht“ (einer massiven Dissoziation und Identitätsstörung) interessiert, wird im Film sicher in diesen Hinsichten interessante Aspekte entdecken. Dabei ist die Phantasie oft die glamouröse und erträgliche Variante der Realität.

 

 

 

 

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