Interessanter Folk-Horror mit Mängeln
• Niederlande 2022
• Regie: Nico van den Brink
• Laufzeit: 99 Minuten
Handlung: Betriek lebt als alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter im Haus ihrer etwas wunderlichen Eltern am Rand eines ländlichen Torfmoors. Während dort Ausgrabungen uralte Moorleichen zu Tage fördern, taucht eines Nachts ein Fremder im Haus der Familie auf und attackiert Betrieks Mutter. Das Ereignis ruft Erinnerungen an ein schreckliches Erlebnis aus Betrieks Kindheit wach. Auf der Suche nach Erklärungen gerät die junge Frau mit etwas Uraltem in Kontakt.
Besprechung: Manchmal folgt meine Auswahl der Filme für „Horror und Psychologie“ einem nachvollziehbaren Muster, zum
Beispiel, wenn ich alle Teile der „Freitag-der-13.“-Reihe bespreche, oder mich dem Poe-Zyklus von Corman oder einfach ein paar Spinnen-Horrorfilmen in Folge widme. Öfter aber folge ich einfach
meinen Eingebungen, die zum Beispiel so aussehen können: „Die Mumiengeschichte in Kurosawas „Loft“ hat mir gefallen, gab es da nicht diesen niederländischen
Horrorfilm, in dem so Moormumien gefunden werden?“ Und so kam ich zu „Moloch“, dem Debüt von Nico van den Brink, der zusammen mit Daan Baaker auch das Drehbuch geschrieben hat.
Die Eröffnungsszene ist stark und hatte mich gleich am Wickel. Hauptdarstellerin Sallie Harmsen ist ebenfalls eine Wucht und kann mit ihrem Charisma den Film einigermaßen
zusammenhalten. Die Figur der Betriek, die freundlich lächelnd als Geigerin ein Leben auf dem ländlichen Abstellgleis lebt und sich dabei sowohl um ihre realistisch dargestellte Tochter als auch
ihre etwas verwahrlost wirkenden Eltern kümmert, geht zu Herzen und erzeugt Interesse für den Fluch, der auf der Familie zu liegen scheint. Leider lässt sich das nicht von Jonas
sagen, dem deutlich älteren dänischen Ausgrabungsleiter, der zum love interest von Betriek wird. Jonas, gespielt von Alexandre Willaume, ist in meinen Augen eine sagenhaft
langweilige Figur und wirkt mit seinem meist fragend verkniffenen Gesicht auch etwas dümmlich. Schlimmer noch, er hat für die Handlung keinerlei Relevanz. Weder hilft er
dabei, den Fluch aufzuklären, noch taugt er als Grabungsleiter. Als er einmal die Ausgrabungsstätte aufsucht, erzählen ihm seine Mitarbeiter*innen stolz, dass die vor Tagen geborgene Moorleiche
einen Kehlenschnitt aufweist (was man ja wohl nach ein paar Stunden wissen dürfte) und dass man außerdem weitere Moorleichen entdeckt habe. Da fragt man sich: Was macht der Typ eigentlich den
ganzen Tag?
Leider ist auch das Pacing des inszenatorisch soliden Films nicht gut. Die Handlung dümpelt trotz einzelner Höhepunkte immer wieder etwas unentschlossen vor sich hin, und das
Rätsel um die Moorleichen und den Familienfluch wirkt zunehmend eher verwirrend als fesselnd. Immerhin gibt es tolle Sequenzen wie das merkwürdige mythologische
Theaterstück, das Grundschulkinder (darunter Betrieks Tochter) aufführen. Die Elemente des Films, der Folk-Horror und multigenerationales Familientrauma zu verbinden versucht, sind
völlig in Ordnung, aber die Story ist nicht sorgfältig genug ausgearbeitet, um zwingend zu sein.
Nett an „Moloch“ ist das niederländische Setting mit niederländischen Darsteller*innen, das angenehm von US-Konventionen abweicht, und eine nicht aufgesetzt wirkende
Schrulligkeit und Nahbarkeit bietet. So bleibt unter dem Strich ein handwerklich ordentlicher Film mit interessanten inhaltlichen Ansätzen, die kein mitreißendes Ganzes ergeben. Hätte man doch
auf den Grabungsleiter verzichtet.
Trivia: Moloch ist im Alten Testament sowohl die Bezeichnung für phönizisch-kanaanäische Opferriten, bei denen angeblich Kinder ins Feuer
geworfen wurden, als auch die des Götzen, denen die Kinder geopfert wurden. Diese biblischen Darstellungen sind skeptisch zu betrachten, da es sich um eine Fremdzuschreibung
handelt, die das Volk der Juden gegenüber Feinden vorgenommen hat. Seit dem Mittelalter wird Moloch dann oft als stierköpfiges Idol mit ausgestreckten Händen über einem Feuer
dargestellt; diese Darstellung greift die kurzen Erwähnungen von Moloch in der Bibel auf und kombiniert sie mit verschiedenen Quellen, darunter antike Berichte über karthagische
Kinderopfer und die Legende des Minotaurus.
Über den im Film erwähnten Feike-Mythos konnte ich nicht herausfinden, ob er ein reales (niederländsiches) Vorbild hat. Wer sich die etwas komplizierte Geschichte noch einmal
genau und in Ruhe durchlesen will, findet hier einen hilfreichen Text, allerdings auf Englisch.
Meinen Unkenrufen hier zum Trotz hat „Moloch“ auf Rotten Tomatoes einen Score von 88 Prozent positiven Reviews (basierend auf 16 Besprechungen des Films).
Beim „Niederlands Film Festival“ erhielt der Film einen Preis für die beste Musik. Der Score von Ella van der Woude ist in meinen Ohren größtenteils konventionell, enthält aber
auch eigenständige und inspiriert klingende Sequenzen.
IMDB: 6.0 von 10
Letterboxd-Rating: 3.1 von 5
Hopsy-Rating: 2.5 von 5

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