Schwarzhumoriger Film mit gruseligen Großeltern
• USA 2015
• Regie: M. Night Shyamalan
• Laufzeit: 94 Minuten
Handlung: Die fünfzehnjährige Becca und ihr dreizehnjähriger Bruder Tyler bereiten sich auf einen fünftägigen Besuch bei ihren Großeltern vor, während ihre geschiedene Mutter mit ihrem neuen Freund eine Kreuzfahrt unternimmt. Die Mutter hat seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern, nachdem diese ihre Heirat mit ihrem ehemaligen Highschool-Lehrer abgelehnt hatten und es zu einem massiven Streit gekommen ist. Da die Teenager ihre Großeltern noch nie getroffen haben, planen sie, mit einem Camcorder eine Dokumentation über ihren Besuch zu drehen. Schnell müssen sie feststellen, dass mit den alten Leuten etwas nicht stimmt.
Besprechung: Filme von M. Night Shyamalan sind eine Sache für sich: Sie sind wahnsinnig unterhaltsam, interessieren sich aber nicht
übermäßig für Plausibilität, stimmige Figurenzeichnung oder tonale Eindeutigkeit. Für einen effektiven Plottwist würde Shyamalan jederzeit die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte
opfern. So entstehen Filme, deren Storys gleichzeitig ambitioniert und albern sind. Langweilig sind sie aber nie. Das gilt auch für „The Visit“, den bisher einzigen
Found-Footage-Beitrag im Œuvre Shyamalans.
Eine Stärke im Film sind die Teenager. Die kluge Becca (Olivia DeJonge) und der smarte Tyler (Ed Oxenbould) wirken sympathisch, lustig und frisch, können überraschen und zu Herzen gehen.
Natürlich sind sie manchmal etwas zu schlau für ihr Alter, aber zum einen soll es solche Teenager auch in der Realität geben, und zum anderen schadet es dem Film nicht. Besser,
eine Fünfzehnjährige benutzt beim Drehen ihrer Großeltern-Dokumentation Begriffe wie „mise en scene“, als dass sie mit anspruchsloser Durchschnittlichkeit langweilt. Die Chemie
der Geschwister zueinander ist stimmig, ihr Verhalten weitgehend nachvollziehbar und das Schlaubergern von Becca oder die Freestyle-Raps von Tyler einfach unterhaltsam. Hier bietet der
Film auch einiges an Komik, was ihn insgesamt zu einem eher leichtfüßigen Horrorfilm macht. Die Großeltern (gespielt von Deanna Dunagan und Peter McRobbie) wirken in ihren
Ausschlägen von freundlich zu irritierend zu bedrohlich auch gut dargestellt, obwohl mir der „Opa“ etwas farblos und uninteressant erscheint.
Der Film beutet die Angst vor den körperlichen und mentalen Verfallserscheinungen des Alterns und die „Absonderlichkeit“ älterer Menschen gut aus und kann ein paar skurrile
Sequenzen auffahren, die man wahlweise als verstörend oder als lustig wahrnehmen kann. Für Neulinge im Genre bietet der Film sicher ein paar eindrückliche Momente, zumal 2015 bestimmte
Gruselsequenzen mit alten Menschen so bisher nur selten zu sehen gewesen waren. Leider orchestriert der Film diese Momente nicht so geschickt: In der ersten halben Stunde gibt es
verstörendere Szenen als in der zweiten halben Stunde, die eher more of the same in abgeschwächter Form bietet, was „The Visit“ etwas ausbremst. Das Finale ist dann wieder ordentlich und
ist für einen Shyamalan-Film schon als geradlinig zu bezeichnen.
Dass das Ganze als Found-Footage präsentiert wird, ist stimmig. Schließlich hilft es dem Film sehr, dass die Geschwister bei den Großeltern etwas zu tun haben, und ihr
Filmprojekt die Großeltern mit ihnen selbst und der abwesenden Mutter in Beziehung setzt. Allerdings bin ich kein Freund dieses Formats. Zum einen wirken auf mich Found-Footage-Filme immer
billiger und tendenziell optisch nerviger als „normale“ Filme. Zum anderen reißt mich diese Präsentationsform immer wieder aus dem Geschehen, weil ich überlege, ob es an dieser
oder jener Stelle wirklich stimmig ist, dass eine Kamera eingeschaltet und genau so ausgerichtet ist. Ich denke, das ist hier durchaus kreativ und weitgehend überzeugend gemacht, trotzdem lenkt
es mich eher ab.
Wie für Shyamalan-Filme typisch, kann „The Visit“ mit Überraschungen und einer nicht ganz handelsüblichen Story aufwarten. Allerdings darf man auch diesmal wieder über Details
der Handlung nicht länger nachdenken, wenn man sich nicht ausgiebig am Kopf kratzen will. Insgesamt ist „The Visit“ ein unterhaltsamer, sympathischer* und sogar interessanter Film, der manche
durchaus auch gruseln wird, der aber zumindest bei mir nicht lange im Gedächtnis bleibt.
*P.S.: Die Darstellung von psychischer Krankheit ist hier, wie auch später in Shyamalans „Split“ allerdings effekthascherisch, was den Film Sympathiepunkte kostet.
Trivia: Von den bisherigen Filmen Shyamalans ist „The Visit“ der günstigste. Er finanzierte den Film zunächst selbst. Bei einem Budget von 5 Millionen Dollar spielte „The Visit“ fast 100 Millionen ein.
Laut einem Interview mit „Bloody Disgusting“
erstellte Regisseur M. Night Shyamalan drei verschiedene Schnittfassungen des Films: Die erste sei tendenziell wie ein arthouse-Film gewesen, die zweite eine Komödie.
Erst die dritte Schnittfassung, die er als Thriller konzipiert habe, wurde – nach ein paar Überarbeitungen – von Universal Pictures akzeptiert.
In dem Film gibt es, im Unterschied zu vielen anderen, kein Cameo von M. Night Shyamalan. Auch gibt es, abgesehen vom Ende, keine Filmmusik, die bei einem Found-Footage-Film ja
auch unrealistisch gewirkt hätte.
Ein Jahr später standen DeJonge und Oxenbould wieder gemeinsam für einen Horrorfilm vor der Kamera: „Better Watch Out“ ist ein australischer und US-amerikanischer Film von Chris
Peckover, den man sich durchaus (nicht nur zur Weihnachtszeit) ansehen kann.
IMDB: 6.3 von 10
Letterboxd-Rating: 3.1 von 5
Hopsy-Rating: 3 von 5

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