Atmosphärischer Geheimtipp
• Italien 2007
• Regie: Silvana Zancolò
• Laufzeit: 91 Minuten
Handlung: Ein kleines Bergdorf in Frankreich im Jahr 1940. Die Männer sind im Krieg, die Frauen halten das normale Leben aufrecht. Darunter Marie, die einen Sohn verloren hat, während sein Zwillingsbruder Maurice noch lebt. Diesen erzieht sie streng und halbwegs abgeschottet. Der neunjährige Maurice spricht mit seinem verstorbenen Zwilling. Das weckt das Interesse anderer Frauen im Dorf, die ebenfalls Kinder verloren haben.
Besprechung: Diesen Film habe ich als DVD in einem Geschäft in Hamburg-Barmbek gekauft, ohne je vorher von ihm gehört zu haben. Das hat mich
an die Zeiten erinnert, als ich noch in Videotheken gegangen bin und Filme nach Cover und Inhaltsbeschreibung ausgewählt habe. So bin ich an viele mittelmäßige Streifen und auch an ein paar
richtige Gurken geraten. Manchmal waren aber auch überraschend gute Filme dabei. Und dieses Glück hatte ich auch mit „The Shadow Within“, der in meiner DVD-Variante „Ghost“ heißt, ein Titel,
unter dem sich locker 20 andere Filme finden lassen.
„The Shadow Within“ ist ein stiller, atmosphärischer Film, der mit seinem Setting und seinen Darsteller*innen gleich einen Sog erzeugt. Das historische Ambiente funktioniert,
Farbgebung und Lichtsetzung sind toll und der Score klingt klassisch, gediegen und sehr effektiv. Wie in einem Dokumentarfilm ist die Kamera oft nah an den Charakteren und folgt ihnen bei ihren
Verrichtungen. Wir sind mittendrin in diesem eigentlich entrückten Leben. Laurence Belcher, der den neunjährigen Maurice spielt, ist eine starke und zugleich unaufdringliche
Identifikationsfigur. Der Junge lässt einen in die eigene Kindheit zurückreisen, zu der sonderbaren Selbstsicherheit, die man hatte, unkorrumpiert vom doppelbödigen Schauspiel
der Erwachsenen. Gleichzeitig war man natürlich besonders verletzlich und die Welt konnte noch ein wirklich unheimlicher Ort sein. Deshalb ist die Kinderperspektive für Gruselfilme auch so
hilfreich: Wer von uns hat sich als Kind nicht ab und an auf eine tiefgehende Weise gefürchtet?
Hayley J. Williams als seine Mutter ist ebenfalls eine starke Figur. Sorgend und unnahbar, verletzt und verletzend, schön und hässlich. Wir können sie zunehmend nachfühlen, so
wie wir den Jungen nachfühlen können. Und dann gibt es noch ein sympathisches Paar aus Lehrer und Ärztin, gespielt von Rod Hallett und Beth Winslet. Sie geben dem kargen, düsteren Film
einen freundlichen Beiklang und verstärken in meinen Augen die emotionale Bindung des Zuschauers an den Film.
Wer ein Jumpscare-Gewitter à la „Conjuring“ oder Brutalitäten wie in „Saw“ erwartet, wird hier natürlich enttäuscht. Der Film lebt mehr durch Zwischentöne und Andeutungen als durch
Horrorsequenzen. Diese sind weder zahlreich, noch besonders massiv, haben aber eine stimmungsvolle Qualität, auch wenn sie leider hin und wieder, durch eher stereotype Horrorzutaten
abgeschwächt werden.
Die Geschichte ist nicht sonderlich originell, aber eigenständig und mit Liebe zum Detail erzählt. Wer Filme wie „The
Devil’s Backbone“ oder „Martyrs Lane“ mag, der sollte sich „The Shadow Within“ unbedingt
ansehen.
Trivia: Warum der Film eine FSK 18 erhalten hat, kann ich nicht nachvollziehen. Aber das war
zugegebenermaßen eine zusätzliche Motivation für mich, diesen stillen Geisterfilm zu kaufen.
Abgesehen von diesem Spielfilmdebüt hat Regisseurin Silvana Zancolò laut IMDB nur noch die beiden Kurzfilme „Proboscide“ (1996) und Manga (1997) gedreht.
IMDB: 4.9 von 10
Letterboxd-Rating: keine Bewertung
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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