Stilvoller Pionier des italienischen Horrorthrillers
• Italien, Frankreich, Deutschland 1964
• Regie: Mario Bava
• Laufzeit: 88 Minuten
Handlung: Gräfin Cristina Como und Max Morlacchi leiten zusammen eine Modelagentur bei Rom. Eines nachts wird auf dem edlen Landsitz der Agentur das Model Isabella von einem maskierten Killer ermordet. Die Polizei unter Inspektor Silvestri ermittelt erfolglos. Dann entdeckt Nicole, ein weiteres Model der Agentur, Isabellas Tagebuch, das Aufzeichnungen über Drogen, Erpressung und Intrigen in der Agentur enthält. Der Besitz dieser Informationen bringt Nicole in Lebensgefahr.
Besprechung: Mitte der 1960er, als sich Cormans Poe-Zyklus seinem Ende näherte, drehte Maria Bava diesen stilprägenden Film. Dabei hatte er noch weniger Geld zur Verfügung als Corman, konnte aber mit mindestens ebenso eindrucksvollen Sets aufwarten und hatte davon obendrein rein zahlenmäßig mehr zu bieten. Auch fährt Bavas „Blutige Seide“ mehr Darsteller*innen auf als „Die Verfluchten“, „Das Pendel des Todes“ und „Lebendig begraben“ zusammen. Anders gesagt: Bava nutzte sein schmales Budget optimal und konnte mit Erfindungsgeist und einem kreativen Team einen Meilenstein des italienischen Mörder-Horror-Krimis schaffen, den viele als den ersten richtigen „Giallo“ ansehen.
Fast jeder Frame hier ist künstlerisch wertvoll. Viele möchte man sich als Poster ins Zimmer hängen. Die Einstellungen haben nicht selten eine eindrucksvolle Tiefe, wie man es etwa aus Kubricks Shining kennt, wo Vorder-, Hinter- und Mittelgrund ein Gefühl für Raum erzeugen, wie es im Kino selten ist. Die Farben sind teils knallig und wundervoll aufeinander abgestimmt. Das Spiel mit Licht und Schatten gelingt Bavas Kameramann Ubaldo Terzano ähnlich atemberaubend wie in „Die drei Gesichter der Furcht“ (1963). Die fesch frisierten Models in ihren Garderoben, die Herren in ihren maßgeschneiderten Anzügen, die Autos, die Musik – wer die 1960er liebt, bekommt hier eine stilvolle Zeitreise geboten, die glücklich machen kann.
Weniger glücklich wird, wer sich fesselnde Charaktere wünscht, mit denen man sich identifizieren und mitfiebern kann. Nicht nur, dass es keine Hauptfigur gibt – es gibt überhaupt
niemanden, der wirklich interessant ist. Die Mimik der Charaktere ist tendenziell flach, sie wirken kaum lebendiger als die lebensgroßen Puppen, die zum Dekor des Films gehören. Dass mal
jemand lächelt oder lacht, muss ich beim Gucken des Films übersehen haben. Die Figuren strahlen keine Wärme aus, und es drängt sich der Eindruck auf, dass sie mindestens dem Regisseur nur Mittel
zum Zweck gewesen sind. Das Gleiche kann man über die Story sagen, die allerdings für einen Film dieser Art auch nicht schlecht ist. Die Geschichte ist eben zweckdienlich und lässt
rätseln, wer der huttragende Killer hinter der weißen Strumpfmaske sein könnte, und was seine Motive sind.
Wo der Film dann wieder stark ist, sind die Mordszenen, die auch aus heutiger Sicht brutal sind, und damals fast schon tabubrechend gewirkt haben dürften. Statt dem
theatralisch-künstlichen Andeuten von Gewalt, wie es noch in den 1960ern im Kinofilm üblich war, wird hier teils ausgiebig und realistisch gewürgt, geschlagen und durch den Raum geschleudert.
Die Setpieces, in denen diese Sequenzen stattfinden, sind mit besonders viel Liebe zum Detail gestaltet. Ihnen gilt das eigentliche Augenmerk des Films. Manches, was in späteren
Slasher-Filmen Standard werden soll, wird hier zum ersten Mal gezeigt. Dazu gehört am Ende des Films sogar eine Kameraeinstellung aus Killersicht (ein sogenannter POV-Shot, von Point of View),
die erst viel später mit „Black Christmas“ (1974) und vor allem mit
„Halloween“ (1978) Einzug in den Horrorfilm halten sollte. Kreativ gestaltet sind auch die Ergebnisse der Mordsequenzen: Die Leichen sehen furchteinflößend real aus. Eine wird
sogar in der bereits eingesetzten Totenstarre durch den Raum transportiert.
Alles in allem ist „Blutige Seide“ kein perfekter Film, weil seine Geschichte nur solide und die Figuren egal sind, aber es ist ein visuell eindrucksvoller und
stilistisch wegbereitender Beitrag zum Thriller-, Krimi- und Horrorgenre, den sich Cineast*innen nicht entgehen lassen sollten.
Trivia: Obwohl der Film sehr günstig in nur sieben Wochen produziert worden war, spielte er sein Budget von gut 140 Millionen
italienischer Lire nicht wieder ein. 140 Millionen Lire wären damals 72.000 Euro gewesen und hätten eine Kaufkraft von heute ungefähr 700.000 Euro gehabt.
Eine Inspirationsquelle für „Blutige Seide“ fand Mario Bava in den westdeutschen Edgar-Wallace-Krimis, die 1959 mit „Der Frosch mit der Maske“ starteten. Eine andere in den
Erotik und Gewalt mixenden Groschenheften der bekannten Reihe „Giallo Mondadori“. Eine weitere Inspiration für Bava dürfte „Mannequin in Red“ von Arne Mattson aus dem
Jahr 1958 gewesen sein. Durch diese Einflüsse entstand etwas Eigenes, dass den italienischen Horrorthriller und später den Slasher-Film stark prägen sollte.
Der Look des Killers wurde inspiriert durch den mexikanischen Psychothriller „El Hombre sin Rostro“ (Der Mann ohne Gesicht), der 1950 von Juan Bustillo Oro gedreht wurde.
Mary Arden, die im Film Peggy Peyton spielt, schrieb auf Bavas Bitte hin den Großteil der englischen Dialoge für den Film. Für den Film wurden zwei separate englische
Synchronfassungen erstellt: Die Originalfassung enthielt die Stimmen der meisten englischsprachigen Schauspieler, darunter Mitchell, Bartok und Arden, die ihre Rollen aus dem Film wieder
aufnahmen. Diese Fassung gilt heute als verschollen, da sie für den amerikanischen Vertrieb abgelehnt wurde. Stattdessen gaben die Woolner Brothers eine zweite Synchronfassung in Auftrag, die unter der
Aufsicht von Lou Moss in Los Angeles produziert wurde. Mit Ausnahme von DiPaolo, der seine Dialoge für diese Version selbst einsprach, lieh Paul Frees den meisten männlichen Stimmen für
die zweite Synchronfassung seine Stimme, darunter auch denen der englischen Muttersprachler Mitchell und Reiner.
IMDB: 7.1 von 10
Letterboxd-Rating: 3.7 von 5
Hopsy-Rating: 4 von 5

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