Corman goes full gothic
• Vereintes Königreich, USA 1964
• Regie: Roger Corman
• Laufzeit: 81 Minuten
Handlung: Verden Fell ist nach dem Tod seiner geliebten Frau Lygeia am Boden zerstört. Doch dann trifft er die faszinierende Lady Rowena und heiratet bald neu. Allerdings scheint der Geist seiner verstorbenen Frau noch über der verfallenen Abtei zu schweben, in deren bewohnbaren Teil sich Fell mit seiner neuen Braut eingerichtet hat. Lady Rowena spürt zunehmend, dass etwas nicht stimmt. Kann sie Lygeias Geheimnis lüften?
Besprechung: Angeblich ist dieser letzte Film aus dem Poe-Zyklus auch zugleich Cormans liebster. Auch Vincent Price fand „Das Grab der
Ligeia“ den besten Film der Reihe. Und einerseits kann ich es verstehen, denn die Settings sind einmal mehr atemberaubend und werden diesmal noch durch tolle
Außenaufnahmen der Abteiruine und der englischen Landschaft ergänzt. Auch kann sich Price als halb-verrückter Finsterling mit stylischer Sonnenbrille diesmal besonders „gothic“
präsentieren, also gleichzeitig so, als sei er einem Schauerroman des frühen 19. Jahrhunderts und dem Werbeplakat einer „Dark Wave“-Band entstiegen. Wer diese Ästhetik und Attitüde liebt,
bekommt ihr die Vollbedienung. Auch steht Price mit Elizabeth Shepherd eine interessante Darstellerin gegenüber, die ihre Rowena als selbstbewusste und eigensinnige Frau anlegt. Man
nimmt ihr ab, dass sie Interesse an dem wirklich sonderbaren Gentleman hat, der da in einer halbverfallenen Abtei ein wirklich kurioses Heim errichtet hat.
Leider ist die Story nicht so fokussiert, wie sie hätte sein sollen, was sich gerade in der zweiten Hälfte bemerkbar macht. Auch finde ich es schade, dass – anders als in der
Poegeschichte – Lygeia nicht als intellektuelle Führerin ihres Gatten dargestellt wird, die für ihn immer etwas Unergründliches hatte, an das er sich mit seinem Geist
heranzuarbeiten sucht. In der Verfilmung scheint das körperliche Band zur Toten wichtiger als das Geistige, was immerhin eine damals sicher schockierende Nekrophilie-Andeutung mit sich bringt.
Diese tut dem Film tatsächlich gut, denn davon abgesehen ist er gruseltechnisch „more of the same“: nächtliches Herumirren in dunklen Gemäuern, Gewitter, Schatten, Grüfte,
Leichen, – und am Ende brennt’s. Außerdem soll hier eine schwarze Katze für Schauder sorgen, wird aber etwas oft eingesetzt, und nutzt sich daher in meinen Augen ab.
Die Musik während des Vorspanns ist mit ihrem melancholischen Motiv richtig klasse, wird aber leider später im Film nicht wieder aufgegriffen. Tatsächlich ist der Score im Rahmen
der Poe-Reihe nur Mittelmaß, und auch die fast schon obligatorische, leicht psychedelische Traumsequenz gehört zu den schwächeren. Schließlich habe ich auch noch zu bemängeln, dass Price (vor
allem im Zusammenspiel mit Shepherd) es hier mit dem Pathos manchmal übertreibt und die Grenzen zur Lächerlichkeit mehrmals überschritten werden. Das mag auch am Drehbuch von
Robert Towne (u.a. „Chinatown“, „Mission: Impossible“) liegen, das ohnehin in meinen Augen nicht die Stärke des Films ist.
Dennoch ist auch „Das Grab der Lygeia“ (in Deutschland auch bekannt unter dem Titel „Das Grab des Grauens“) ein weiterer toll ausgestatteter Film mit einer ganz eigenen Atmosphäre, der
Fans des Poe-Zyklus‘ zufriedenstellen wird. Wie auch die anderen Filme der Reihe hat auch dieser Beitrag etwas Verwunschenes, das faszinierend und anheimelnd ist, aber auch echte
Unheimlichkeit transportiert. Und auch wenn man heute über das melodramatische Pathos und die manchmal hölzernen Dialoge lachen mag – auch in „Das Grab der Ligeia“ haucht einen manchmal
etwas authentisch Böses an. Es ist Cormans Verdienst, diese Qualität der Poe-Texte in seinem einzigartigen Zyklus eingefangen und im Kleid unterhaltsamer B-Movies auf die Leinwand
gebracht zu haben.
Trivia: Ursprünglich wollte Corman die Hauptrolle nicht mit Vincent Price besetzen, der ihm mit seinen 53 Jahren als love-interest
einer deutlich jüngeren Frau einfach als zu alt erschien. Stattdessen hatte er Richard Chamberlain ins Auge gefasst. Da die Produktionsfirma American International Pictures aber auf
Price bestand, und sonst nicht in „Das Grab der Ligeia“ investiert hätte, lenkte Corman ein. Drehbuchautor Towne soll daraufhin gescherzt haben: „Keine Sorge, ich kenne Marlene Dietrichs
Maskenbildner.“ Tatsächlich trägt Price im Film eine Perücke und ist stärker geschminkt als gewöhnlich.
Die großartige Kameraarbeit stammt von Arthur Grant, der vor allem für seine langjährige Zusammenarbeit mit Hammer Film Productions bekannt ist, wo er unter anderem die Filme
„Schatten einer Katze“ (1961), „Der Fluch von Siniestro“ (1961), „Die Braut des Teufels“ (1968) und seinen
letzten Film „Dämonen der Seele“ (1972) drehte.
Gedreht wurde dieser Teil der Poe-Reihe in England als Koproduktion zwischen AIP und Anglo-Amalgamated. Die Idee, einmal Außenaufnahmen zu verwenden, stammte von Price, der gerne mal in Ruinen
gefilmt werden wollte. Hauptdrehort war die Castle Acre Priory in der Grafschaft Norfolk. Eine Szene des Films wurde auch in Stonehenge gedreht.
Statt seiner üblichen 15 Tage drehte Corman diesmal 25 Tage und erklärte das später mit der „Besessenheit“ der britischen Crew von ihren „Teepausen“.
IMDB: 6.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.3 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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