Ein Meisterwerk des psychologischen Horrorfilms
• Australien 2014
• Regie: Jennifer Kent
• Laufzeit: 95 Minuten
Handlung: Amelia ist eine erschöpfte, alleinerziehende Mutter. Ihr sechsjähriger Sohn Sam zeigt Verhaltensauffälligkeiten und bekommt Probleme an der Schule. Als er im Haus ein merkwürdiges Kinderbuch namens „Mister Babadook“ entdeckt und Amelia ihm daraus vorliest, breitet sich eine unheimliche Präsenz im Leben von Mutter und Sohn aus.
Besprechung: Mit diesem enorm selbstbewusst und stilsicher inszenierten Debüt hat Jennifer Kent frischen Wind ins
Horrorgenre gebracht. Der Film tut das, was die besten Horrorfilme tun: Er greift sich ein angstbesetztes und gesellschaftlich weitgehend ignoriertes Thema und macht eine
sinnlich-emotionale Erfahrung daraus.
Essie Davies als alleinerziehende Mutter ist die Wucht. Wie sie alle Facetten von mütterlicher Wärme, über distanzierte Kälte und unvermittelt ausbrechender Wut spielt, ist erschrecken, zu Herzen
gehend, beeindrucken. Mit dieser Performance errichtet Davies Müttern ein filmisches Denkmal, das man gesehen haben sollte. Noah Wiseman, der ihren sechsjährigen Sohn spielt,
bleibt ebenso in Erinnerung. Seine markante Erscheinung und sein authentisches Spiel, das zwischen niedlich und nervtötend, zwischen befremdlich und bemitleidenswert ebenfalls einige Facetten
zeigt, unterstützen den Film enorm. Besser noch: Die Chemie zwischen Wiseman und Davies wirkt so glaubwürdig und natürlich, dass man mühelos in diese spezielle Mutter-Sohn-Dynamik
hineingezogen wird. Und dabei wahrscheinlich widerstreitende Gefühle gegenüber beiden Charakteren erlebt.
Das Sounddesign von Frank Lipson ist vielschichtig und großartig. Von den sich
langsam steigernden dröhnenden Geräuschen, als Sam und Amelia zum ersten Mal in „Mister Babadook“ lesen, über das unnatürliche Krächzen des Babadook, bis zu einem bedrohlichen Summen wie von
einem Fliegenschwarm – der Sound zieht viele Register. Aber auch das Set-Design ist mit Liebe zum Detail gestaltet. Nicht nur das geniale Pop-up-Buch „Mister Babadook“, sondern
auch das in etlichen blau-grau Tönen angestrichene Haus, in dem ein großer Teil des Films spielt. Die Behausung wirkt enorm plastisch und haptisch und lässt an ein Modell denken, wie etwas, das
ins Künstliche verfremdet wurde. Dazu passt, dass manche Charaktere sonderbar steril wirken, glatt und perfekt wie Menschen in der Werbung. Diese Figuren stehen oft zusammen in einem Rahmen,
während Amelia allein dasteht und weit weniger perfekt wirkt. So wird die Wahrnehmung der alleinerziehenden Mutter am Rande des psychischen Zusammenbruchs großartig eingefangen und
nachfühlbar.
Der Film profitiert sehr davon, dass er sein Thema ernst nimmt und tiefer ausleuchtet, zugleich aber sowohl Sinn für Humor als auch für waschechten Horror hat. So haben wir es
hier nicht mit einem psychologischen Drama mit einem halbherzigen Horroranstrich zu tun, sondern mit einem auf Grusel, Schrecken und Verstörung abzielenden Genre-Beitrag, der sich für die
psychologische Dimension seiner beiden Hauptfiguren stark interessiert – und dabei auch gesellschaftliche Strukturen in den Blick nimmt.
Ein echter Knaller, der leider oft als
„Metaphern-Horror“ interpretiert wird (siehe dazu „Hopsys Gedanken“) und der als Wegbereiter für eine neue Welle psychologischer Horrorfilme gesehen werden kann, die manchmal auch als
„elevated“ (gehoben) bezeichnet werden.
Trivia: Jennifer Kent arbeitete als Regieassistentin von Lars von Trier während des Drehs von „Dogville“. Dort will sie laut eigener Aussage
ihre „Filmhochschule“ absolviert und Wichtiges gelernt haben: Zum Beispiel die Wichtigkeit eines gut eingespielten Teams und die Notwendigkeit als Regie genau zu kommunizieren, was man sich
vorstellt. Kent gab auch an, dass sie während ihrer Assistenz bei Lars von Trier lernte, wie wichtig es ist, dickköpfig zu sein, wenn man seine Visionen umsetzen
will.
Jennifer Kent ist selbst ein großer Fan des Horrorgenres und nennt eine Menge Einflüsse, die von Klassikern der Stummfilm-Ära wie Nosferatu über Monsterfilme der 1950er und
Slasher der späten 1970er bis zu neueren Filmen wie „So finster die Nacht“ aka „Let the Right One In“ (Schweden 2008) reichen. Im Film sind auch Ausschnitte aus sehr alten Stummfilmen sowie aus
Maria Bavas „Die drei Gesichter der Furcht“ (Italien, Frankreich 1963) zu sehen. Das Aussehen des Babadook wiederum ist durch den „Mann im Castorhut“ (gespielt von Lon Chaney) in dem
verschollenen Stummfilm „London After Midnight“ (USA 1927) inspiriert. Berichten zufolge existieren kleine Fragmente oder sogar der gesamte Film in Privatbesitz.
Was den Bekanntheitsgrad der kleinen Independentproduktion erhöhte, war eine Einordnung des Films bei Netflix als LGBTQ-Film. Auf Tumblr hatten eh schon User gescherzt, der
Babadook sei offen schwul mit seinem schrulligen Kostüm, seiner extrovertierten Art und der Tendenz, die traditionelle Kleinfamilie zu bedrohen. Fans und Journalisten entwickelten, halb
im Spaß und halb ernst, Interpretationen des queeren Subtexts (sogenannter „Babadiskurs“). Es zeigte sich, dass man mit dem entsprechenden rhetorischen Instrumentarium, in Filme alles
Mögliche hineinreden kann, sei es nun psychoanalytisch oder eben queer. Tatsächlich wurde der Babadook zu einer queeren Ikone, die man auch auf dem einen oder anderen Pride March
sehen konnte. Kent kommentierte das mit: „I thought ah, you bastard. He doesn't want to die, so he's finding ways to become relevant."
IMDB: 6.8 von 10
Letterboxd-Rating: 3.3 von 5
Hopsy-Rating: 4.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Viele Interpret*innen des Films sehen den Babadook als Metapher. Sie sagen, das Monster steht für Trauma, oder Verlustschmerz, oder Depressionen oder unterdrückte Wut. Ich finde diese Analysen
etwas seltsam. Die simplen Erklärungen, wofür der Babadook steht, entspringen meiner Ansicht nach dem Wunsch, nicht fühlen zu müssen, sondern mit dem Kopf einzuordnen: So nährt
man die Illusion, das Innenleben hübsch sortiert in Kästchen legen zu können, dann kommt ein Etikett drauf, und dann weiß man schon, was zu tun ist. Das ist genau das, was man in unserer
Gesellschaft als „normal“ versteht. Einmal sagt im Film die Mutter zu ihrem Sohn: „Warum kannst du nicht einfach normal sein?“ Das ist ein Satz, der meiner Ansicht nach ins Zentrum von
„Der Babadook“ weist. Was Amelia wirklich krank macht, ist der Versuch, normal zu sein und alles, was ihr nicht normal erscheint abzulehnen oder zu verdrängen. Sie fühlt sich
einer Normalität verpflichtet, in der kein Platz ist für übermäßige Trauer, neurodiverse Kinder, krasse Gefühle, tiefgehende Ambivalenzen oder eine mörderische Wut. Und sie wird von den
Menschen um sich herum in dieser Haltung unterstützt. Da würde es auch nicht wundern, wenn sie jemandem vom Babadook erzählt und der sagen würde: Ah, das ist eine Metapher für verdrängte Gefühle
von dir. Dabei ist der Babadook schon die konkrete emotionale und bildliche Repräsentation von etwas kaum Greifbaren. Und er ist – zumindest im Erleben psychisch aufgerauter
Menschen – viel realer als ein Begriff wie „posttraumatische Belastungsstörung“ oder „Depression“.
Ich will nicht generell etwas gegen Diagnosen sagen. Manche erleben sie als hilfreich, und auf Krankheitsbilder zugeschnittene Therapien und Medikamente können tatsächlich Linderung verschaffen.
Aber mal ehrlich: Lassen sich Depression, Trauerfolgestörung, „normale Trauer“, Trauma-Auswirkung, chronische Überforderung, und zu Groll gewordene unterdrückte Wut wirklich gut
voneinander unterscheiden? Wissen wir ernsthaft, was wir meinen, wenn wir von "Trauma" reden? Gehen Krankheitsbilder nicht oft ineinander über oder verändern sich im Laufe der Zeit?
Schauen wir uns die Realität an: Viele Psychopharmaka sind nicht wirksamer als Placebos, das gilt auch für die beliebten Serotoninwiederaufnahmehemmer, die bei Depressionen (und
allem möglichen anderen) verschrieben werden. Meta-Studien zu Psychotherapien lassen deren Erfolgschancen in keinem allzu guten Licht dastehen. Und dafür, dass wir angeblich
immer mehr über psychische Krankheiten wissen, ist es doch erstaunlich, dass es offensichtlich immer mehr psychisch Kranke gibt. Müssten wir nicht mit immer mehr Wissen immer gesünder
werden?
Unsere Gesellschaft ist in meinen Augen zu verkopft, zu entfremdet von der Natur und zu individualistisch, um das Wesen psychischer Krankheiten ganzheitlich greifen zu können.
Die künstlerische Darstellung greift daher zum sinnlich Wahrnehmbaren, wie eben dem Babadook. Ein Jahr nach dem Film wurde übrigens ein Buch namens „Trauer ist das Ding mit Federn“ veröffentlicht
(ein Film dazu ist gerade ins Kino gekommen). Darin geht es um einen Vater, der seine Frau verloren hat und nun alleinerziehend ist. Ihm erscheint eine menschengroße Krähe. Es geht nicht darum,
zu erklären, wofür die Krähe oder der Babadook stehen und damit eine Rückübersetzung einer starken, emotionalen Verkörperung in einen abgelutschten und blutleeren Begriff vorzunehmen. Viel
wichtiger ist es, die Angst und Verstörung ernst zu nehmen, die der Babadook auslöst, und zu verstehen, was er will und was er braucht (was nicht dasselbe sein muss!). Der Babadook ist
ein lebendiger Teil der Psyche, der nicht wie ein toter Begriff abgeheftet werden kann. Im Buch „Mister Babadook“ steht es klar formuliert: „The more you deny me, the stronger I get!“
Unserer Gesellschaft fehlt es nicht an verkopften Konzepten und einem großen Arsenal wissenschaftlich wirkender Begriffe. Unserer Gesellschaft fehlt es an Akzeptanz der dunklen Seiten der
Wirklichkeit und an Empathie gegenüber den Menschen, die davon besonders betroffen sind.

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