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Lebendig begraben

Eine weitere morbide Perle aus dem Poe-Zyklus

USA 1962

 Regie: Roger Corman     

 Laufzeit: 81 Minuten

 

Handlung: Ein aristokratischer Landsitz im 19. Jahrhundert: Der vermögende Guy Carrell leidet an Taphephobie – der Angst, lebendig begraben zu werden. Er glaubt, dass seinem Vater genau das passiert ist und er als Scheintoter begraben wurde. Die jüngere Emily will ihn trotzdem heiraten. Guys Schwester Kate scheint der Verbindung eher skeptisch gegenüberzustehen. Und tatsächlich verschlechtert sich Guys psychischer Zustand bald, worunter vor allem seine Ehefrau zu leiden hat. 

 

Besprechung: Das ist der einzige Film des Poe-Zyklus‘, in dem Vincent Price fehlt. Sein Charisma ist nicht zu ersetzen, aber Ray Milland spielt den so privilegiert-selbstbewussten wie angstgeplagten Aristokraten durchaus eindrucksvoll. Manchmal am Rande des Overacting, aber immer mit überzeugender Gravitas, also der „schweren“ Würde eines Mannes, der sich seiner Bedeutung und Rolle sicher ist. Und das ist auch einer der interessanten Aspekte dieser wieder einmal wundervoll ausgestatteten und inszenierten Poe-Verfilmung: Die psychische Verunsicherung des Upper-Class-Mannes. Ich manchen Momenten reizbar und aufbrausend, liegt Guy in anderen Szenen fast wie ein kleiner Junge unter der ihn bemutternden Emily und verströmt dabei interessanterweise etwas Impotentes. Impotenz ist schließlich auch eine nicht allzu weit hergeholte Parallele zur natürlich weitaus schrecklicheren Ohnmachtserfahrung, des Lebendig-begraben-Seins.



Der Film überzeugt mit tollen Settings, starker Farbdramaturgie und Kameraführung (coole Weitwinkelaufnahmen!), sowie mehr Darsteller*innen als in den beiden bisherigen Poe-Adaptionen. Auch ist hier immer was los. Das Drehbuch, das diesmal nicht von Richard Matheson, sondern von Charles Beaumont und Ray Russell geschrieben wurde, erzählt seine Geschichte etwas flotter und lässt kaum Leerlauf zu. Zum etwas zügigeren Tempo des Films – im Vergleich zu seinen Vorgängern – trägt auch bei, dass der Schauplatz öfter gewechselt wird. 

Es gibt viele tolle Details in „Lebendig begraben“: das Mausoleum, das sich Guy mit allen möglichen Sicherheitsvorkehrungen einrichten lässt, die Ölbilder, die er malt, die gepfiffene Melodie von „Molly Malone“, die Elektroschock-Methode des Psychiaters Miles oder die roten Teppiche im Herrenhaus. Das ist weder einer der bekanntesten, noch einer der besonders beliebten Teile aus Cormans Poe-Zyklus, aber ich halte ihn für sehr gelungen und effektiv. Die Atmosphäre ist durchgängig intensiv und die Paranoia, die Guy gleichzeitig unsympathisch und verletzlich erscheinen lässt, hat eine Sogkraft. Denn wir ahnen, was auf dem Spiel stehen könnte: die potente Souveränität des alternden Mannes, der – womöglich nicht zuletzt wegen seines Vermögens – eine sehr hübsche und deutlich jüngere Frau heiraten konnte. Aber auch Geld, Besitz und Titel können den Lauf der Zeit nicht aufhalten: das Verwelken hin zur letzten Ruhestätte, einem dunklen, kalten Ort in der Erde.

 

Trivia: Tatsächlich gab es im 19. Jahrhundert in manchen Särgen oder Mausoleen Vorrichtungen, um auf sich aufmerksam zu machen, falls man aus Versehen lebendig begraben worden war. Die Furcht resultierte daher, dass man damals medizinisch noch nicht die Möglichkeiten hatte, tot und scheintot exakt zu unterscheiden. Tatsächlich kam es so zu ein paar Fällen, in denen Menschen für tot erklärt wurden, die dann in der Leichenhalle wieder zu sich kamen. Daraus resultierte eine „modische“ Furcht, unter der auch Edgar Allan Poe litt. In seiner 1844 veröffentlichten Geschichte „Premature Burial“ hat der dieser Angst ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch der Marquis de Sade soll an dieser Angst gelitten haben. Und Gottfried Keller publizierte 1846 einen Gedichtzyklus namens „Lebendig begraben“.


Wegen Streitigkeiten mit der Produktionsfirma „American International Pictures“ drehte Corman seinen Film zunächst ohne deren Unterstützung. Da Vincent Price sich vertraglich exklusiv als Darsteller für „AIP“ festgelegt hatte, suchte Corman einen Ersatz und fand ihn in Ray Milland, der schon in den 1930ern in Filmen mitgespielt hatte und in den 1940ern zu einem regelrechten Hollywood-Star wurde. 


Die zeitgenössischen Kritiken für den Film vielen weniger gut aus als für die beiden vorhergehenden Poe-Adaptionen. Der Tenor lautete, das hier sei „more oft he same“, die Settings sähen aus, wie aus vorhergehenden Filmen geklaut und die Geschichte sei schrecklich vorhersehbar. Der Film spielte auch etwas weniger Geld ein als „Das Pendel des Todes“ oder der noch erfolgreichere „Die Verfluchten“. Aber er war dennoch ein ansehnlicher  finanzieller Erfolg.


Francis Ford Coppola arbeitete bei „Lebendig begraben“ als Regie-Assistenz.

 

IMDB: 6.5 von 10

Letterboxd-Rating: 3.2 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 4 von 5

 

 

 

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