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Die Verfluchten

Starker Einstieg in Cormans Poe-Zyklus

USA 1960

 Regie: Roger Corman     

 Laufzeit: 79 Minuten

 

Handlung: Philip Winthrop sucht das Anwesen der Familie Usher auf, ein marodes Herrenhaus umgeben von einem fauligen Sumpf. Er will seine Verlobte Madeline Usher sehen und mit sich nach Boston nehmen, um sie zu heiraten. Madelines älterer Bruder Roderick hält das jedoch für keine gute Idee: Die Blutlinie der Ushers sei verflucht, alle aus der Familie seien dem Wahnsinn verfallen, und viele hätten böse Taten begangen. Madeline dürfe auf keinen Fall Kinder in die Welt setzen. Philip glaubt nicht an diese genetische Vorbelastung, auch wenn zumindest Roderick tatsächlich etwas instabil und überreizt wirkt. 

 

Besprechung: Dieser erste Film aus dem Poe-Zyklus von Roger Corman enthält bereits viele der Elemente, die seine späteren Poe-Adaptionen prägten: Da sind die hinreißenden Farben, die dramaturgisch klug eingesetzt werden. Da sind die wenigen, aber üppig aussehenden Studiokulissen, in denen mit einer Handvoll Darsteller*innen eine Art Kammerspiel gegeben wird. Da ist Vincent Price, der allein mit den Klangfarben einer Stimme einen schwarz-romantischen Film tragen kann, und da ist die typische Mixtur aus gotischen Schauerzutaten und freudianischer Psychologie, in der wehende Vorhänge und von Blitzen erhellte Schlosswände das zerrüttete Innenleben im Kern sexgetriebener Menschen widerspiegeln. 

Natürlich ist das erotische Interesse Rodericks an seiner Schwester in diesem Film aus dem Jahr 1961 so subtil angedeutet, dass man es leicht übersehen kann. So wie es schon in der literarischen Vorlage einer gründlicheren Exegese bedarf, um zu erkennen, was Poe meint, wenn er andeutet, dass die Ushers seit Jahrhunderten versucht haben, ihre Blutlinie „rein“ zu halten und ihr Familienstammbaum keine Zweige hat. Hier hätte das Drehbuch von (Horror-) Autor Richard Matheson gerne etwas mehr Abgrund aus dem Hinter- in den Vordergrund holen können, aber vermutlich war das damals (in Zeiten des Hays Codes) nicht ratsam. 

Mark Damon spielt den jungen Philip Winthrop als etwas naiven, aber so beherzten wie taktvollen Anwerber um die Hand der Madeline Usher. Als sympathischer Protagonist verleiht er dem Geschehen Gewicht, aber natürlich stiehlt im Price als supernervöser, überkultivierter Hausherr die Show. Ist Roderick Usher ein hochsensibler, gequälter Geist, der die Welt ernsthaft vor Unheil bewahren will, oder genau jenem Wahnsinn verfallen, vor dem er Winthrop warnt? Oder ist er vielleicht ein manipulativer und dämonischer Charakter, der aus purem Eigennutz handelt? Und was ist eigentlich das Wesen dieses „Verfalls“? Ist es genetisch? Erlernt? Eine in der Familie der Ushers kultivierte Fabel, um sich der Außenwelt zu verweigern? Diese Fragen machen den wundervoll ausgestatteten Film spannend, und trösten auch darüber hinweg, dass sich trotz der knappen Laufzeit ein paar Längen einschleichen. Für heutige Sehgewohnheiten passiert hier nicht immer genug, und Schauspiel und psychologische Substanz sind jetzt nicht auf dem Niveau von Tarkowski- oder Bergmann-Filmen, um das auszugleichen.

Die Figur der Madeline ist nicht besonders vielschichtig geschrieben, wird von Myrna Fahey aber facettenreich verkörpert, und trägt – wie der liebenswerte Diener – dazu bei, dass der Film bis heute überzeugt. Besonders in Erinnerung bleiben aber wohl – neben Roderick Usher – die auf Ölbildern verewigten Porträts der einzelnen Mitglieder der Ushersippe, die in einer fieberhaften Traumsequenz zum Leben erwachen. Gerade in solchen Sequenzen wirkt auch der Score von Les Baxter verstärkend für die ohnehin schon dichte Atmosphäre. Schließlich sind literarische Vorlage und Verfilmung auch deshalb interessant, weil hier fortgeschrittene Zivilisiertheit, überreizte Sinne, Depression und Todessehnsucht Hand in Hand gehen. Das lässt an Gesellschaften bzw. Gesellschaftsschichten denken, die ihren Zenit überschritten haben und sich nun im Niedergang befinden.

 

Trivia: Die Dreharbeiten dauerten 15 Tage, was für Corman in diesen Tagen lang war, und konnte mit einem Budget von 300.000 Dollar realisiert waren, was für Corman damals viel war. Damals hatten 300.000 Dollar in etwa die Kaufkraft, die heute drei Millionen haben. Kein üppiges Budget für einen Film, aber für einen B-Movie-Filmer wie Corman durchaus ordentlich.

 

Vincent Price, der allein 100.000 Dollar des Budgets einstrich, hielt strenge Diät und mied Sonnenlicht, um seinen Roderick Usher als schlanken, blassen Mann verkörpern zu können. Außerdem rasierte er seinen Schnurrbart ab und färbte sich die Haare blond, was ihm tatsächlich eine feingeistigere Ausstrahlung verleiht. Corman wollte, dass Usher nicht als wildes, starkes Monstrum, sondern als zerbrechlicher, intelligenter und empathiebegabter Mensch dargestellt wurde.

 

Die im Film zu sehenden Porträts der Ushers wurden von Burt Shonberg gemalt und nach dem Dreh an verschiedene Mitglieder der Filmcrew verschenkt. 

 

Roger Corman hörte von einer alten Scheune in Orange County, Kalifornien, die abgerissen werden sollte. Er handelte einen Deal aus, der ihm erlaubte, die Scheune nachts niederzubrennen und das Ganze zu filmen. Das entstandene Filmmaterial war so gut, dass es nicht nur im Finale dieses Films, sondern auch in späteren „Poe“-Filmen verwendet wurde.

 

Die karge Landschaft rund um das Haus der Ushers, entstand durch einen Brand in den Hollywood Hills. Roger Corman hatte im Radio von dem Feuer gehört und war am nächsten Tag mit seinem Team zum Drehort gefahren, um die Szenen mit Mark Damon zu drehen.

 

IMDB: 6.9 von 10

Letterboxd-Rating: 3.5 von 5                                                                                                      

Hopsy-Rating: 4 von 5

 

 

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