Scarlett Johanssons Arthouse-Extravaganza
• Vereinigtes Königreich, USA, Schweiz 2013
• Regie: Jonathan Glazer
• Laufzeit: 108 Minuten
Handlung: Eine mysteriöse Frau fährt mit einem Lieferwagen durch Schottland und quatscht Männer an. Manche davon nimmt sie mit.
Besprechung: Ein Freund überreichte mir die DVD zu dem Film: „Am Anfang sieht man Scarlett Johansson nackt und am Ende gibt es eine
Horrorszene, ansonsten ist das echt Mist. Kannste behalten.“ Und ich bin froh, dass sich die DVD nun in meinem Besitz befindet, den mir gefällt der Film. „Under the Skin“ ist kein
handlungslastiger Horror-Reißer, sondern ein ruhiger Arthouse-Film, der seine übersichtliche Geschichte in starken Bildern erzählt. Wer sich darauf einlässt, kann eine
befremdliche Meditation über das Menschsein erleben. Der Horror liegt hier darin, dass in dem Film das Vertraute zunehmend fremdartig und das Fremdartige vertraut wird. Auch beherrschen
eine konstante Anspannung und Melancholie den Film, was auch dem eindringlichen Score von Mica Levi zuzuschreiben ist. Vor allem ein simples, hohes Geigenmotiv bleibt in Erinnerung.
Johansson spielt die fremdartige Frau in der schottischen Menschen- (und vor allem Männer-) Welt zugleich zurückgenommen und intensiv. Hier wird wenig durch Worte und viel durch Blicke
und Gesten vermittelt. Oft habe ich vergessen, dass es sich bei der Hauptdarstellerin um den bekannten Hollywoodstar handelt, was bei Johanssons markanter Ausstrahlung nicht
selbstverständlich ist. Aber sie geht in der Rolle auf, und der Film profitiert davon. Zumal alle andere Figuren – oft von Laiendarsteller*innen gespielt – nur am Rand oder episodenhaft
auftauchen. Wir lernen mit der Protagonistin eine Reihe von Männern kennen, die angenehm unterschiedlich gezeichnet sind. Das männliche Geschlecht wird in „Under the Skin“ nicht
dämonisiert und nicht verharmlost, sondern facettenreich dargestellt. Spannend ist dabei auch, dass die Männer hier – anders als in vielen anderen (Horror-)Filmen (potentiell) die Beute einer
Frau sind und wir sie dadurch automatisch anders wahrnehmen: dinglicher, passiver, verletzlicher und erbarmungswürdiger. Natürlich ist die männermordende femme fatale ein altbekannter
Topos, aber er kommt doch selten genug in Filmen vor, um sich zu wundern, wie leicht sich Geschlechterstereotype und damit ein ganzer Satz an Urteilen und Empfindungen umdrehen
lassen. Allein dafür lohnt es sich, „Under the Skin“ zu gucken.
Aber auch die Wandlung der Hauptfigur von einer Beobachterin zu einer Teilnehmerin ist spannend zu verfolgen und lässt Raum für Interpretationen.
Der Film erklärt wenig. Neben
der langsamen Erzählweise macht ihn das nicht besonders zugänglich. Obwohl ich manche Sequenzen tatsächlich etwas zu lang fand, hatte aber die Rätselhaftigkeit für mich genau das richtige Maß,
weil ich abgesehen von einer Strand-Sequenz nie unangenehm verwirrt war, sondern immer das Gefühl eines emotionalen roten Fadens hatte, der mich durch das Geschehen zieht. Beim
Nachdenken über den Film, hat sich mir dann gezeigt, dass das Thema „Außenseitertum“ zentral ist. Frauen können sich in einer männlich dominierten Welt wie Außenseiter fühlen.
Migranten können sich an ihrem neuen Aufenthaltsort so fühlen. Und auch besonders schöne oder besonders hässliche Menschen werden in einer auf „Normalität“ ausgerichteten Gesellschaft zu
Außenseitern werden. In einer sehr starken Sequenz nimmt die Protagonistin einen schwer deformierten Mann mit, und ich dachte – so fühlt man sich als Heteromann vermutlich in Gegenwart von
Johansson. Dann dachte ich – womöglich fühlt sich Johansson auf andere Weise auch so (in Gegenwart von Heteromännern). Und schließlich dachte ich: Empathie ist die einzige Möglichkeit, um
mit all diesen Befremdlichkeiten und dem eigenen Fremdsein auf gute Weise umzugehen. Ein Glück, dass wir Menschen dazu fähig sind.
Trivia: Jonathan Glazer drehte zunächst Musikvideos (u.a. für Radiohead, Nick Cave and the Bad Seeds und Massive Attack) bevor er im Jahr
2000 mit „Sexy Beast“ seinen ersten, gefeierten Spielfilm auf die Leinwand brachte. Bekannt wurde er vor allem mit seinem letzten Film, dem kontrovers diskutierten „The Zone of Interest“
(2023), in dem wir das „ganz normale“ Leben einer deutschen Familie, nämlich der des Lagerkommandanten Rudolf Höß, am Rande des Vernichtungslagers Auschwitz mitverfolgen.
Der Film basiert lose auf dem Roman „Die Weltenwanderin“ von Michel Faber aus dem Jahr 2000. Kate Hodges vermutet in ihrem Buch „Warriors, witches, women: mythology's fiercest
females“ (Harriet Lee-Merrion, London 2020), dass der Film auch durch die Baobhan sith der schottischen Folklore inspiriert sei. Dabei handelt es sich um blutrünstige Kreaturen,
die des nachts umhergehen, um Jagd auf Männer zu machen und sie in Gestalt schöner Frauen zu verführen und zu ermorden.
Regisseur Glazer wollte für die Figur des deformierten Mannes kein Make-up verwenden. So wurde schließlich mit Adam Pearson ein Mann besetzt, der tatsächlich an einer schweren Form der
Neurofibromatose leidet. Das Produktionsteam hatte vorher die Wohltätigkeitsorganisation Changing Faces kontaktiert, die Menschen mit Gesichtsdeformationen unterstützt. Adam Pearson und
Scarlett Johansson sollen sich am Set einen Wettstreit geliefert haben, wer den am wenigsten korrekten Witz erzählen kann. Pearson hat gewonnen, aber er meinte, Johansson habe
sich sehr gut geschlagen.
Im Januar 2020 berichtete das Filmmagazin „Deadline“, dass Silver Reel und A24 sich ein Bietergefecht um die Rechte an einer Fernsehserie basierend auf dem Film lieferten. Im Mai
2020 wurde bekannt gegeben, dass Silver Reel den Zuschlag erhalten hatte. Claudia Bluemhuber, CEO von Silver Reel, erklärte gegenüber Deadline, die Serie werde sich stark an Michel Fabers
Romanvorlage für „Under the Skin“ orientieren, Glazers Film aber mit großem Respekt behandeln.
IMDB: 6.3 von 10
Letterboxd-Rating: 3.6 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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