Stylisher Rape-and-Revenge-Reißer
• Frankreich 2017
• Regie: Coralie Fargeat
• Laufzeit: 109 Minuten
Handlung: Jen macht einen Kurztrip mit ihrem wohlhabenden, verheirateten Lover zu dessen Luxus-Anwesen irgendwo in der Wüste. Dann tauchen spontan zwei Freunde des Lovers auf, haben Peyote dabei, wollen auf die Jagd gehen. Die Situation entwickelt sich für Jen denkbar unangenehm.
Besprechung: Oberflächlich betrachtet ist dieser Film eher ein Actionthriller als ein Horrorfilm. Der Schwerpunkt liegt allerdings
weder auf der Action noch auf der Spannung, sondern auf Gefühlen von erschreckender Ohnmacht und brutaler Selbstermächtigung. Damit zählt Fargeats Spielfilm-Debüt zum Subgenre „Rape
& Revenge“, das gemeinhin dem Horror zugerechnet wird. Unter „Hopsys Gedanken“ gehe ich näher auf diese Spielart des Horrorfilms ein, deren Name bereits als Triggerwarnung verstanden werden
darf.
Fargeat, die 2024 mit „The Substance“ einen großen Erfolg feierte, der über die Grenzen des Horrorfilm-Publikums hinaus bekannt wurde, hat auch mit „Revenge“ einen
sehr stylischen Film geschaffen, der aussieht wie ein abendfüllender Werbeclip. Die von Kameramann Robrecht Heyvaert eingefangenen Bilder sind beeindruckend und in satten Primärfarben
coloriert. Dazu gibt es einen fetten Score, der oft an die 1980er erinnert und das cineastische Erlebnis von „Revenge“ verstärkt.
Die Inszenierung legt sehr deutlich nahe: Das hier ist kein realistisches Drama. Das hier ist eine Phantasie. Und so lässt sich gut verschmerzen, was bei anderen Filmen schwerer
ins Gewicht fallen würde: Die Ereignisse in "Revenge" sind oft weder glaubwürdig noch plausibel. Ja, der Film ist genau genommen nicht einmal spannend, weil man seinen Ablauf ziemlich genau
vorhersagen kann, wenn man das Genre ein bisschen kennt oder einfach die innere Logik der Rachephantasie intuitiv vorwegnehmen kann. Ich würde sogar sagen, dass es hier keine sympathische oder
auch nur interessante Figur gibt, denn was reiche Arschlöcher mit ihren Mätressen auf einem entlegenen Anwesen machen, interessiert mich eigentlich nicht. Aber Jen (stark
gespielt von Matilda Lutz) ist immerhin kein Arschloch. Und da ihr Unrecht angetan wird, fange ich an, mit ihr zu sympathisieren. Und als sie schließlich bei ihrem Gang durch die Hölle eine
unfassbare Resilienz beweist und sich – auch mit Hilfe eines transformativen Drogentrips – in eine Kriegerin verwandelt, kann ich nicht anders, als von ihr fasziniert zu sein. Nein, sie
ist kein Individuum, sondern ein Archetyp: Die Frau, die die Schnauze voll hat, und viel mehr einstecken kann als jeder aufgeblasene Typ, der niemals die Geburt eines Kindes aus seinem
Körper aushalten würde. Auch das macht der Film recht deutlich.
Nein, subtil ist hier nichts. Aber das gilt ja auch für unsere Phantasien von Rache, wiederhergestellter Gerechtigkeit und einer zurückerlangten Würde angesichts tiefgehender
Demütigungen. Fargeat ist ein knallig-plakatives Debüt gelungen, das an Härte nicht spart, den Vergewaltigungspart aber dankenswerterweise kurzhält. Innerhalb der
„Rape-and-Revenge“-Kategorie ist ihr „Revenge“ fast ein Feel-Good-Film. Aber eben auch nur „fast“.
Trivia: Fargeat nannte den Spielbergfilm „Duell“ als eine ihrer Inspirationsquellen. Als Referenzen gegenüber potenziellen Geldgebern
erwähnte sie allerdings andere Filme, nämlich „Wild at Heart“ (1990), „Drive“ (2011), „Under the Skin“
(2013) und die Filme von David Cronenberg.
In dem Film fließt so viel Kunstblut, dass es a) medizinisch völlig unglaubwürdig ist und b) die Requisite laut Regisseurin wiederholt auf dem Trockenen saß und Nachschub bestellen
musste.
Zu den frühen Szenen des Films, die Jen durch den male gaze als Lustobjekt zeigen, sagte Fargeat, sie habe das so inszeniert, weil sie „das faszinierende, polarisierende Bild der Lolita"
aufgreifen wollte. Sie erkärt: "Jen kann leer und dumm sein und ein Objekt der Begierde, wenn sie es will. Das sollte nicht zu einem sexualisierten Angriff führen.“
Zu Beginn des Films kommt Jen morgens aus dem Schlafzimmer und greift in den Kühlschrank, um sich schließlich einen Apfel zu nehmen. Diese Szene findet sich genau so in „The Substance“ wieder,
nur dass sich hier Margaret Qualley und nicht Matilda Lutz in den Kühlschrank beugt.
Film und Regisseurin wurden mehrfach ausgezeichnet und erhielten gute Kritiken. An den Kinokassen allerdings spielte der in Marokko mit nur fünf DarstellerInnen gedrehte Film bei
einem Budget von drei Millionen Dollar nur eine Million ein.
IMDB: 6.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.5 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Als „Exploitation“ (also „Ausbeutung“, „Nutzbarmachung“) bezeichnet man Filme, die eine besonders reißerische Grundsituation benutzen, um vor allem Sex, Gewalt und
skandalträchtige Situationen zeigen zu können. Beim Publikum sollen, altväterlich gesprochen, die „niederen Instinkten“ angesprochen werden, d.h. Sensationslust, Voyeurismus und Neugier,
auf die eigenen Reaktionen angesichts „krasser Darstellungen“. Zu „Exploitation“ werden beispielweise die Filme von Russ Meyer (z.B. „Die Satansweiber von Titfield“) oder Hershell Gordon
Lewis (z.B. „Blood Feast“) gezählt. Titel wie „Sexorgien im Satansschloss“ (1982) oder „Ilsa, She-Wolf of the SS/Die Hündin von Liebeslager 7“ (1975) lassen bereist vermuten, dass sich diese
Filme nicht für den woken Weihnachtsabend einer Wiesbadener Walddorfschule empfehlen. Besonders berüchtigt sind dabei Filme der Unterkategorie „Rape-and-Revenge“, da in ihnen die
Verzahnung von Sex und Gewalt besonders eng ist und ein Verbrechen filmisch ausgeschlachtet wird, das leider weltweit bis heute verbreitet ist.
Rape-and-Revenge-Filme folgen in der Regel einer Dreiakt-Struktur, die sich so unterteilen lässt:
• Akt I: Ein (meist weibliches) Opfer wird vergewaltigt und manchmal zusätzlich gefoltert. Der oder die Täter lassen ihr Opfer zurück und halten es mitunter für tot. In manchen Filmen ist das
Opfer auch tatsächlich tot oder nimmt sich nach den schrecklichen Ereignissen das Leben.
• Akt II: Das Opfer überlebt und kommt wieder zu sich. Oder stirbt und wird von Angehörigen entdeckt.
• Akt III: Das Opfer oder die Angehörigen (Partner, Freunde, Familienmitglieder) nehmen Rache an dem Vergewaltiger, den Vergewaltigern. Dabei werden die Täter gedemütigt, gefoltert oder
selbst vergewaltigt und am Ende getötet.
Bekanntere Filme dieses Subgenres sind etwa
„Die Jungfrauenquelle“ (Ingmar Bergmann, 1960)
„Das letzte Haus links“ (Wes Craven, 1972)
„Lady Snowblood“ (Toshija Fujita, 1973)
„Ein Mann sieht rot“ (Michael Winner, 1974)
„Ich spuck auf dein Grab“ (Meir Zarchi, 1978)
„Baise-Moi (Fick-mich!)“ (Virginie Despentes, 2000)
„Irréversible“ (Gaspar Noé, 2002)
„Dogville“ (Lars von Trier, 2003)
„Elle“ (Paul Verhoeven, 2016)
Dabei ist es soziologisch (und dort gerade aus feministischer Perspektive) von besonderem Interesse, ob die vergewaltige Frau selbst die Rache vollzieht, oder ihre Familienangehörigen
oder ein männlicher Partner/Polizist. Reaktionäre Law-and-Order-Filme wie „Ein Mann sieht rot“ oder „Dirty Harry kehrt zurück“ benutzen dabei die Vergewaltigung einer Frau, um die
Gewaltakte eines rächenden Mannes emotional besonders stark zu motivieren. Der emanzipative Charakter der sich selbst zur Wehr setzenden Frau fällt in diesen (meist älteren) Varianten natürlich
weg.
Dass der emanzipative Charakter des Subgenres diskutiert wird, zeigt beispielsweise ein Beitrag der Filmwissenschaftlerin Julia Reifenberger. Ihre 110 Seiten starke Auseinandersetzung mit dem
Subgenre trägt den Titel „Girls with Guns. Rape & Revenge Movies: Radikalfeministische Ermächtigungsfantasien?“
Man kann es sich schon denken: Der Reflexionsgrad der Filme in Bezug auf Geschlechterverhältnisse, patriarchale Strukturen und Empowerment ist sehr unterschiedlich. Und selbst
ein und derselbe Film kann von verschiedenen Feminist*innen sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Was die einen als subversive Umkehrung der Geschlechterhierarchie sehen, ist für die anderen
vor allem Reproduktion der sattsam bekannten Gewaltverhältnisse.
Eine international bekannte Schrift zu diesem besonders kontrovers diskutierten Film-Genre ist „Rape-Revenge Films: A Critical
Study“ von Alexandra Heller-Nicholas. Diese umfassende Analyse wendet sich gegen eine simplifizierende Auffassung des Begriffs „Rape-Revenge“ und schlägt einen
filmspezifischen Ansatz vor, um Darstellungen von sexualisierter Gewalt und darauffolgenden Racheakten differenziert betrachten zu können.
In meinen Augen ist das Spannende an „Rape-and-Revenge“-Filmen, dass sie – egal bei Menschen welchen Geschlechts – widersprüchliche Gefühle auslösen können. Das liegt zum einen
wahrscheinlich schlicht daran, dass Sexualität und Intimität in der Regel als etwas Angenehmes, Schönes und Begehrenswertes betrachtet werden, wohingegen Gewalt als unangenehm, hässlich und
abstoßend wahrgenommen wird. Die Verquickung von beidem löst mit großer Wahrscheinlichkeit starke und widersprüchliche Gefühle aus. Gefühle, die viele lieber abwehren wollen, denn es kann sein,
dass sich Menschen dabei ertappen, die Vorstellung, jemanden zu vergewaltigen oder vergewaltigt zu werden, nicht nur als erschreckend und widerwärtig, sondern auch als lustvoll zu
erleben. Ähnlich verhält es sich mit den Racheakten, die nicht nur als verstörend und beschämend, sondern auch als befreiend und triumphal wahrgenommen werden können. Zumindest in der
filmischen Darstellung. Spannend ist an dem Subgenre auch die durchlässig werdende Grenze zwischen den patriarchal als Objekt (Opfer) gedachten Frauen und den als Subjekt (Täter)
gedachten Männern. In Coralie Fargeats „Revenge“ wird das sehr deutlich, als am Ende einer der Männer nackt von der Kamera beobachtet und so zum „sexy-verletzlichen“ und auch etwas
albernen Objekt gemacht wird. Fargeats betreibt hier mustergültig, die in Rape-and-Revenge-Filmen angelegte Verkehrung stereotyper Rollenbilder: erst werden sie überdrastisch
bedient und dann im dritten Akt umgedreht. Als Zuschauer*in kann man sowohl die Ohnmacht und Hilflosigkeit des Gewalt-Erleidens nachempfinden als auch den (pseudo-)selbstwirksamen Furor eigener
Gewaltanwendung. Dass dieses Nachempfinden von Gewaltakten sexualisiert ist, verstärkt die Zwiespältigkeit und Heftigkeit der Erfahrung, die letztlich – und da reicht dieses Kino der „niederen
Triebe“ der Kunst die Hand – jeden Menschen auf sich selbst zurückwirft: auf persönliche Verletzungen und Begierden, auf eigene Ängste und geheime Sehnsüchte. Ob das bestärkend,
therapeutisch wertvoll oder zumindest interessant, oder einfach nur belastend, beschmutzend und re-traumatisierend ist, soll jede(r) für sich entscheiden.

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