Massiv unterschätzter Werwolf-Film
• USA 2025
• Regie: Leigh Whannell
• Laufzeit: 102 Minuten
Handlung: Blake hat als Autor keinen Erfolg, so dass er sich um Töchterchen und Haushalt kümmert, während seine Frau Charlotte als Journalistin Karriere macht. Ob die Ehe der beiden unter dieser modernen Rollenverteilung leidet, oder es andere Gründe für die schwindende Nähe gibt: Die beiden versuchen, der Krise eine Wende zu geben, indem sie den Sommer über auf eine Farm ins ländliche Oregon ziehen wollen. Diese hat Blake nämlich von seinem Vater geerbt, der seit Jahren vermisst und nun offiziell für tot erklärt wurde. Aber wie das mit väterlichem Erbe in Horrorfilmen so ist: Es liegt kein Segen darauf.
Besprechung: Universal will es nach dem 150 Millionen Dollar-Flop „The Wolfman“ aus dem Jahr 2010 noch einmal wissen und produziert zusammen mit der etablierten Horrorfilm-Schmiede Blumhouse eine Neuauflage seines Wolfsmann-Klassikers. Regie führte Leigh Whannell, der 2020 schon den Universal-Klassiker "The Invisible Man" neu inszeniert hat (siehe "Der Unsichtbare"). Am Drehbuch mitgewirkt haben diesmal seine Frau Corbet Tuck sowie Lauren Schuker Blum und Rebecca Angelo.
Diesmal kostete der Film nur 25 Millionen Dollar und war mit einem Einspielergebnis von etwa 35 Millionen Dollar zumindest kein Misserfolg. Bei Fans und Kritiker*innen kam der Film
allerdings nur mäßig an, wie auch die Bewertungen bei IMDB und letterboxd demonstrieren. Viele meinten, der Film sei lahm, einfallslos und ein typisches seelenloses Blumhouse-Produkt.
Und tatsächlich verstehe ich diese Sichtweise so wenig, dass sie mich ärgert. In meinen Augen zählt „Wolf Man“ nämlich zu den wenigen starken Filmen im kniffeligen Subgenre des
Werwolffilms. Ja, die Geschichte ist nicht besonders originell, aber das Drehbuch wartet mit einem so schlichten wie starken Einfall auf: Zum Werwolf wird man nicht alle Vollmond wieder,
vielmehr handelt es sich um einen einmaligen schleichenden Prozess, der als schwere Seuche verstanden werden kann. Das nimmt dem Thema einiges von seiner latenten Albernheit und
macht die Verwolfung eines Menschen glaubwürdiger und auch unheimlicher.
Obendrein ist Whannells Inszenierung in allen Belangen stark. Christopher Abbott ist genau die richtige Besetzung für den Familienvater mit Vergangenheit: mögbar, sensibel, aber
auch mit einem Hauch Abgrund in den Augen. Einem Hauch, der im Verlauf des Films zur Sturmböe heranwächst. Julia Garner, die hier die Ehefrau spielt, sehe ich sowieso immer gerne, und Mathilda
Firth, die als Töchterchen dabei ist, fand ich auch durchgehend glaubwürdig und charismatisch. Neben dem starken Ensemble ist auch die klassische und effektive Filmmusik von Benjamin
Wallfisch und die solide, recht dunkle Kinematographie zu loben. Der Film hat wenige, aber fette jumpscares, guten Suspense und starke Maskeneffekte, die nie nach CGI müffeln.
Das Werwolfdesign ist hier einmal richtig gelungen, und das ist wirklich schon einmal etwas. Denn ganz ehrlich, wie oft geht das in die Hose? Beim großartigen „An American Werewolf in London“ sieht das Endergebnis aus, wie ein aus dem Leim gegangener, böser Teddybär, bei „The Howling“ haben die Werwölfe
ellenlange Hasenohren und wirken so, als ob sie von eifrigen Kunststudenten aus Zuckerwatte zurechtgezupft worden wären. Die CGI-Ungetüme der Underworld-Reihe haben dann jegliche Würde verloren,
und die aufrecht gehende Ratte bei „Harry Potter und der Gefangene aus Askaban“ sollte hier eigentlich gar nicht erwähnt werden. Es ist doch erstaunlich, dass der Werwolf aus dem 1961er
Hammer-Film „Der Fluch von Siniestro“ bis heute zu den besten gehört, die ich gesehen
habe, und ich habe viele Werwolffilme gesehen, ja auch „Ginger Snaps“, „Wer“, „Howl“, „Bad Moon“, „Big Bad
Wolf“, „Werewolves Within“ und „When Animals Dream“.
In "Wolf Man" ist der Prozess der Verwandlung schleichend und erinnert an Cronenbergs „Die Fliege“. Das wirft ein paar unheimliche, eklige und auch tragische Momente ab. Kurz:
Das ist alles durchaus gut gemacht und strotzt vor Atmosphäre. Die erste halbe Stunde lässt sich dabei angenehm viel Zeit und setzt auf die Phantasie der Zuschauer. Die beiden letzten
Drittel finden dann im fortgeschrittenen Krisenmodus statt, verfallen dabei aber nie zu plumper Effekthascherei. Das heißt nicht, dass wir es hier mit einem neuen Klassiker zu tun haben.
Dazu fehlt dem Film der letzte Biss und die Kreativität etwas wirklich Innovatives zu erzählen. Da war Leigh Whannell mit seiner Neuverfilmung des Universal-Klassikers „The
Invisible Man“ etwas kreativer. Trotzdem ist „Wolf Man“ ein starker, angenehm geerdeter Horrorfilm, der seine Geschichte schlicht und konsequent erzählt und sich keine tonalen Fehltritte erlaubt.
Mir unverständlich, warum das nicht mehr Menschen so sehen.
Trivia: Im Juli 2014 kündigte Universal Pictures seine Pläne für ein gemeinsames Film-Franchise an, das später den Namen „Dark Universe“ erhielt und auf den Universal-Monsters basieren sollte – darunter auch „Der Wolfsmensch“. 2017 erschien „Die Mumie“ als erster Film des Dark Universe; der Start war sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum ein Misserfolg, was dazu führte, dass Universal beschloss, sich auf individuelle Geschichten zu konzentrieren und vom Konzept des gemeinsamen Universums abzurücken. Die Produktion von „Der Wolfsmensch“ und anderen in Entwicklung befindlichen Filmen wurde (zunächst) eingestellt.
Während der Vorproduktion veranstaltete Whannell wöchentliche Filmvorführungen für seine Crew in einem Kino innerhalb des Studios, in dem der Film gedreht wurde. Gezeigt wurden unter anderem
Filme wie „The Shining“ (1980), „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982), „Die Fliege“ (1986), „Little Children“ (2006), „Blue Valentine“ (2010), „Amour“ (2012)
und „Under the Skin“ (2013).
Der Umzugswagen im Film gehört zu einer (fiktiven) Firma namens Pierce, die seit 1941 existiert. Der Name ist eine Anspielung auf Jack Pierce, den legendären Monster-Maskenbildner von Universal
in den 1930er- und 1940er-Jahren. Die Jahreszahl 1941 bezieht sich auf das Erscheinungsjahr von Universals erstem „Wolfsmensch“-Film.
Christopher Abbott sah sich stundenlang Wolfsvideos auf YouTube an, um die Körpersprache dieser Tiere zu verinnerlichen. Er erklärte, dass er versuchte, das Verhältnis von
menschlichem zu tierischem Verhalten in seiner Rolle graduell zu verschieben, also immer tierähnlicher zu werden.
Gedreht wurde der Film in Neuseeland. Der Truck musste importiert werden, damit das Lenkrad auf der linken Seite war.
IMDB: 5.6 von 10
Letterboxd-Rating: 2.4 von 5
Hopsy-Rating: 3.5 von 5

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