Extrem sicher und packend inszeniertes Historien-Drama
• Österreich, Deutschland 2024
• Regie: Veronika Franz und Severin Fiala
• Laufzeit: 121 Minuten
Handlung: Das ländliche Ober-Österreich um 1750: Die gottesfürchtige Agnes hat gerade einen freundlichen Mann namens Wolf geheiratet und ist mit ihm in ein karges Waldhaus gezogen. Das Eheleben erweist sich als Zumutung: Wolf ist an Romantik, Zärtlichkeit oder auch nur Sex nicht interessiert, die Schwiegermutter mischt sich ständig ein, die Arbeit in den Karpfenteichen ist hart, und ein Kind kann Agnes so nicht bekommen. Dabei scheint das ihr tiefster Herzenswunsch zu sein. Agnes verfällt einer Schwermut, die zunehmend unheimliche Züge annimmt.
Besprechung: Das Historiendrama ist ein schwieriges Genre. Entweder wirken die Menschen darin, wie aus unserer Zeit in ein geschichtliches
Setting hineinretuschiert. Oder sie wirken aus heutiger Sicht sowohl fremd als auch irgendwie flach, mehr Typ als Individuum, eben weil Menschen früher noch weitaus stärker von den
gesellschaftlichen Rollen geprägt waren, zu denen sie erzogen und deren Erfüllung von ihnen erwartet wurde. Auch haben Historiendramen den Nachteil, dass sie selten spannend sind, weil
man oft schon weiß, in welche – wenig erfreuliche Richtung – sich der schwere, ernste, bedrückende Stoff entwickeln wird.
„Des Teufels Bad“ von Veronika Franz und Severin Fiala, die schon bei den so tollen wie finsteren Horrorfilmen „Ich seh, ich seh“ und „The Lodge“ Regie führten, liefern zwar tatsächlich ein
klassisches Drama aus alten Zeiten ab, aber sie machen es so gut, dass aus den Schwächen des Genres Stärken werden. Ja, die Charaktere sind in ihren Rollen verhaftet, haben auch
etwas Zurückgenommenes und Schlichtes. Gleichzeitig werden sie von Anja Plaschg (Agnes), David Scheid (Wolf) und Maria Hofstätter (Wolfs Mutter) so nuanciert und überzeugend
gespielt, dass sie uns doch nahekommen. Zwar wurden sie von einer kargen und rauen Welt und engen gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt, aber doch schimmert bei ihnen eine
eigenständige Persönlichkeit durch, ein eigener Zugang zur Freude und zum Schmerz des Lebens. Der Film vermittelt ein Gefühl für diese Menschen, macht sie greifbar und stellt sie nicht
als Idioten oder Arschlöcher aus. Es ist eine der Stärken von „Des Teufels Bad“, dass es hier keine wirklich bösen Charaktere nimmt, das Übel aber doch volle Fahrt aufnimmt.
Eine weitere Stärke des Films ist die ästhetische Ebene. Die Kameraarbeit von Martin Gschlacht (u.a. „Die Wand“, „Ich seh, ich seh“ und „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste) trotzt der
weitgehend unspektakulären Landschaft und Szenerie auf 35mm gedrehte Bilder von malerischer Schönheit ohne jeden Kitsch ab. Auch einen besonders dunklen, schwarzromantischen
Kitsch vermeidet die Bildwelt von „Des Teufels Bad“, auch wenn es ein paar Einstellungen gibt, die die Nähe des Dramas zum Horrorfilm untermauern. Aber Idyll wie Schreckenswelt
werden immer durch eine gewisse Zurückhaltung, eine nüchterne Neugier und ein Interesse an den realen Umständen im Zaum gehalten. Musikalisch setzt die Produktion komplett auf die
Filmmusik von „Soap&Skin“. Hinter dem Namen verbirgt sich die Musikerin, Sängerin, Komponistin und eben auch Schauspielerin Anja Plaschg, die ja zugleich die
Hauptrolle in „Des Teufels Bad“ spielt. Die Musik nutzt vor allem düstere Streicherklänge und gelegentliche Einsprengsel authentischer Volksmusik der Region und Zeit, in denen
der Film spielt. Erst im letzten Viertel kommen auch Elektroklänge dazu.
Was die Spannung angeht: In „Des Teufels Bad“ steht weniger die Frage im Mittelpunkt, was passiert, sondern wie es passiert. Die historische Genauigkeit, der der Film an vielen Stellen folgt, das
Schauspiel, bei dem jedes Detail stimmig wirkt, und ein paar dann doch überraschende (und auch schockierende) Momente, sorgen dafür, dass „Des Teufels Bad“ trotz seiner ernsten und
zunehmend ausweglosen und depressiven Stimmung zu keiner Minute langweilig wird. Es handelt sich um einen Film, der in seiner Perfektion das Zeug zum Klassiker hat. Und klar, man muss es
wohl nicht extra erwähnen, zum formvollendeten Feel-Bad-Movie auch für abgebrühte Zuschauer*innen.
P.S.: Ich bin trotzdem erstaunlicherweise in gehobener Stimmung aus dem Kino gekommen, einfach weil mich der Film inszenatorisch so angesprochen hat. Für einen Filmfan ist es ein großes Glück,
wenn es mal nichts zu meckern gibt. Wenn ich etwas bemängeln müsste, dann, dass mir trotz der langsamen Erzählweise des Films das Abgleiten der Agnes in eine schwere und zunehmend psychotische
Depression zu schnell geht. Tatsächlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn der Film noch eine halbe Stunde länger gewesen wäre.
Trivia: Auf das Thema bzw. den historischen Hintergrund des Films wurden Franz und Fiala durch einen Podcast aufmerksam. Darin
sprach die US-amerikanische Historikerin Kathy Stuart über ein Phänomen, das bisher unter Geschichtswissenschaftlern nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat: Nämlich eine sehr spezifische
Art des Suizids, der vor allem von Frauen begangen wurde, und der starke religiöse Überzeugungen verrät. Wer sich umbringt, kann kaum danach einen Priester um die Vergebung dieser
Todsünde aufsuchen. Wer jedoch einen anderen Menschen tötet und deswegen zum Tode verurteilt wird, kann auf diese Absolution hoffen, und damit dem Höllenfeuer entgehen. Entsprechend heißt das
Buch, dass Kathy Stuart über das Phänomen geschrieben hat: „Suicide by Proxy in Early Modern Germany: Crime, Sin and Salvation“. Für den deutschsprachigen Raum sind über 400
Fälle dokumentiert. Ein lesenswertes deutschsprachiges Interview mit der Historikerin findet sich hier.
Der Film basiert auf den wahren Gerichtsakten von Agnes Catherina Schickin, die 1704 in Württemberg getötet und Eva Lizlfellnerin, die um 1761/1762 im österreichischen Puchheim
exekutiert wurde.
"Des Teufels Bad" spielt in einer katholischen Gegend, die meisten Fälle des “mittelbaren Selbstmordes” wurden allerdings in protestantischen Regionen dokumentiert. Gedreht wurde der vielfach mit
Preisen ausgezeichnete Film innerhalb von 40 Tagen in Litschau (Niederösterreich) und in Nordrhein-Westfalen.
Schwere Depressionen können zu psychotischen Zuständen führen. Die Figur der Agnes leidet sehr wahrscheinlich an einer solchen “psychotischen Depression”.
Anja Plaschg, die bisher in kleineren Rollen auf der Leinwand zu sehen war, sollte ursprünglich nur die Musik zu „Des Teufels Bad“ beisteuern. Als jedoch die für die Hauptrolle
ausgewählte Schauspielerin aus terminlichen Gründen absagen musste, bekam Plaschg den Part.
David Scheid, der hier den Ehemann von Agnes spielt, ist in Österreich vor allem als Comedian bekannt.
IMDB: 6.6 von 10
Letterboxd-Rating: 3.5 von 5
Hopsy-Rating: 4.5 von 5

Kommentar schreiben