Eindringlich, archaisch und zeitlos
• Japan 1964
• Regie: Kaneto Shindō
• Laufzeit: 105 Minuten
Handlung: Im mittelalterlichen Japan herrscht Bürgerkrieg. Inmitten einer schilfbewachsenen Sumpflandschaft überleben eine namenlose Frau und ihre Schwiegertochter, indem sie vorbeireisende Samurai überfallen und töten und deren Habe gegen Reis, Hirse und andere Lebensmittel tauschen. Die ältere Frau wartet auf ihren Sohn, die jüngere auf ihren Mann. Stattdessen aber kehrt nur dessen Freund aus dem Krieg zurück und erzählt, dass sein Kamerad leider getötet wurde. Als der Heimkehrer eine Affäre mit der jungen Witwe beginnt, gerät die prekäre Sumpfgemeinschaft aus dem Gleichgewicht.
Besprechung: Ein Film wie „Onibaba“ zeigt, welche Kraft in dem Medium steckt. Gerade wenn man dieses parabelhafte Historiendrama mit
Horrorelementen auf großer Leinwand sieht, kann es eine komplett entrückende Wirkung entfalten. Als wäre man auf magische Weise in eine andere Zeit gereist, die fremd
und vertraut, brutal und sinnlich, animalisch und dämonisch ist. Und in der man daran erinnert wird, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Schon gleich zu Beginn, wenn sich das Schilfgras wiegt
und schließlich die ersten Krieger in dieser Wüste aus Gras auftauchen, wirkt der besondere Zauber dieses großartigen Schwarz-Weiß-Films. Ja, das ist Kunst!
Das bedeutet allerdings auch, dass „Onibaba“ ein fordernder Film ist, denn statt nach vertrauten Regeln zu spielen, schafft er inhaltlich wie ästhetisch seine eigenen.
Kenner*innen mögen dabei Inspirationen aus dem japanischen Nō-Theater erkennen und auch Einflüsse japanischer Folklore ausfindig machen. Andere mögen wiederum an die zugleich
sensiblen und wuchtigen Filme von Andrei Tarkowski denken. Aber auch wer völlig ohne solche Vorbildung an den Film gerät, wird von den langen Einstellungen auf enorm ausdrucksstarke
Gesichter und die virtuos eingefangene Körperlichkeit der Figuren beeindruckt sein. Es ist, als ob man während des Schauens erst richtig Sehen lernt.
Dass die Geschichte dieses atmosphärisch düsteren Films dabei ein wenig in den Hintergrund gerät, liegt auf der Hand. Wir erleben Menschen in einer Kriegs- und Krisenzeit. Gewissheiten sind
zerstört. Der Hunger ist groß. Es geht ums nackte Überleben. Die Härte dieses Kampfes hat die beiden zentralen Frauenfiguren verändert, aber auch der heimkehrende Mann gibt lakonisch zu
verstehen: „Wer tötet, stirbt selbst.“ Wie bei anderen Säugetieren gilt auch für Menschen: Wenn der Hunger vorübergehend gestillt ist, rührt sich ein anderer Antrieb: Lust.
Dieser Film ist eine machtvolle Erinnerung an unsere Tiernatur, an unsere schönen, schrecklichen Körper und ihre lebensbejahende Gier.
„Onibaba“ ist in weiten Teilen eine Meditation über die verrohende Wirkung des Krieges, und allgemeiner noch: über den Menschen als das einzige Tier mit Schuldgefühlen. Ein Wesen zwischen Gott
und Teufel, wie es an einer Stelle des Films heißt. Untermalt wird die so reduzierte wie intensive Bildwelt von den jazzigen Klängen des Komponisten Hikaru Hayashi: kriegerisches
Trommeln, wilde Blechbläser, Scat-Geschrei als dämonischer Kontrapunkt zu den ewig sacht wogenden Schilfgräsern der gleichgültigen Sumpflandschaft.
Zu kleinen, aber zentralen Teilen ist „Onibaba“ auch ein Horrorfilm, der von dem Grauen erzählt, dass denjenigen erfassen kann, der anderen Angst machen will. Durch die gespielte Verkörperung des
Bösen entsteht eine bange Nähe zu eben diesem Bösen und letztlich die Angst vor den dunkelsten Seiten des eigenen Selbst. Im Krieg sind alle Opfer, denn auch die Täter werden zu Opfern
ihrer Übeltaten, indem sie verwandelt werden: in etwas Dämonisches, das sie nie sein wollten.
Trivia: Regisseur Kaneto Shindō (1912 bis 2012) hat im Lauf seines langen Lebens über 40 Filme gedreht und zu mehr als 200 Filmen
die Drehbücher verfasst, darunter anspruchsvolle Meisterwerke und billige Gurken.
Nobuko Otowa, die in dem Film die „alte Frau“ spielt, war während des Drehs 39 Jahre alt. Otowa spielte in zahlreichen Filmen von Kaneto Shindō mit, war viele Jahre seine
Partnerin und heiratete ihn 1977.
Die Handlung des Films ist inspiriert von einer buddhistischen Parabel, die unter zwei Namen bekannt ist: „yome-odoshi-no men“ (Braut erschreckende Maske) oder „niku-zuki-no-men“
(Maske mit daran befestigtem Fleisch). Shindō nutzte die shin-buddhistische Vorlage jedoch für eine andere Botschaft. Ihm ging es um die Deformation der menschlichen Seele durch Krieg, Hunger,
Eifersucht und unbefriedigtes Verlangen. Entsprechen stellt die Maske, die in „Onibaba“ auftaucht, das Gesicht der Hannya dar, einer dämonischen Frauenfigur des Kichiku-mono
(eine Spielart des Nō-Theaters, in der Spuk und Übersinnliches zentral sind). Im japanischen Volksglauben können Menschen durch extreme Gefühle zu Dämonen werden. So entsteht die
Hannya aus einer Frau, die sich in rasender Wut und Eifersucht verzehrt.
Das japanische Wort „Oni“ lässt sich mit „Dämon“ übersetzen, „Baba“ wiederum mit „alte Frau“.
Die deutschen Untertitel des Films verwässern leider die japanische Mythologie und spirituelle Weltanschauung durch den Gebrauch von christlich geprägten Begriffen wie „Hölle“
oder „Teufel“. Dabei sind die japanischen Dämonen („Yōkai“) nicht einseitig böse und auch keine Gegenspieler einer rein guten Gottheit.
Der amerikanische Regisseur William Friedkin war enorm beeindruckt von „Onibaba“ und fand den Film auch sehr gruselig. Die im Film gezeigte Hannya-Maske inspirierte ihn zur
Gestaltung des zweimal nur sehr kurz eingeblendeten weißen Dämonengesichts in „Der Exorzist“. Ein Interview mit Friedkin, indem er auch „Onibaba“ erwähnt, findet sich
hier.
IMDB: 7.8 von 10
Letterboxd-Rating: 4.1 von 5
Hopsy-Rating: 4.5 von 5

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