Gut gemeinter 40 Millionen Dollarquatsch mit Staraufgebot
• USA 2003
• Regie: Mathieu Kassovitz
• Laufzeit: 98 Minuten
Handlung: Die Kriminalpsychologin Dr. Miranda Grey findet sich nach einem Autounfall als Patientin in genau der Psychiatrie wieder, in der sie bis vor Kurzem noch gearbeitet hat. Schlimmer noch: Sie wird des Mordes an ihrem Ehemann, dem Anstaltsleiter Dr. Douglas Grey, beschuldigt. Während Miranda versucht, ihre Erinnerung an die angebliche Tat zurückzuerlangen und ihre Unschuld zu beweisen, wird sie von einem rachsüchtigen Geist heimgesucht, der ganz eigene Pläne zu verfolgen scheint.
Besprechung: Ich versteh schon: Der Film ist optisch, akustisch und inhaltlich so überdreht, weil er den Schauerromanen des 18. Jahrhunderts (gothic novels) huldigt und deren Themen und Motive in die Jetztzeit überträgt. Dazu zählen die damsel in distress (also eine „Unschuld in Nöten“), durchtriebene Schurken, finstere Irrenanstalten, Geistererscheinungen, die womöglich rational erklärt werden können. Ich verstehe und unterstütze auch die feministische Botschaft des Films und finde Stars wie Halle Berry, Robert Downey Junior und Penelope Cruz – übrigens alle drei Oscar prämiert – in Horrorfilmen nicht automatisch fehlplatziert.
Aber das hier ist eine Gurke. Das Overacting vor allem von Berry und Cruz wirkt einfach nur peinlich, die Darstellung von Psychiatrie ist albern bis verwerflich, die Figuren sind nicht liebenswert oder interessant, ständig sagt jemand irgendwas Doofes. Und die damals stylishe MTV-Optik wirkt spätestens heute billig. Ich hätte diese Räuberpistole gerne gemocht und finde den "gothischen Look" des Anstalt-Settings auch teilweise ganz cool, aber das reicht nicht, um vom nervigen Score, den miesen CGI-Effekten und einem Drehbuch aus der Hölle abzulenken. Man kann den Film allerdings gut als Basis für ein Partyspiel nehmen: Immer, wenn jemandem etwas auffällt, dass unplausibel oder komplett unlogisch wirkt, darf sie oder er bestimmen, wer aus der Runde einen Schnaps trinkt. Anti-Alkoholiker*innen können das Spiel auch zu „Wahrheit oder Pflicht“ ummünzen.
Um zum Schluss noch etwas Positives zu sagen: Der letzte Akt des Films war in meinen Augen der spannendste, was womöglich auch daran liegt, dass hier konkret und bodenständig wird, was vorher etwas luftig vor sich hingeisterte. Auch gebe ich gerne zu, dass der Film zu seiner Zeit sicher aufregender gewirkt hat als heute. Ich erinnere mich dunkel daran, ihn 2003 im Kino gesehen und gut gefunden zu haben. Aus heutiger Sicht kann ich ihn trotz seiner interessanten (aber eben nur effekthascherisch angerissenen) Themen leider nicht empfehlen.
Trivia: Halle Berrys Mutter arbeitete jahrzehntelang als Pflegerin in einem psychiatrischen Krankenhaus. Also holte sich die Schauspielerin Rat bei ihrer Mutter, um ihre Rolle als Psychiaterin überzeugend spielen zu können.
Bei der Befragungsszene in der Anstalt hat Robert Downing jr. aus Versehen Halle Berrys Arm gebrochen. Die Dreharbeiten mussten acht Wochen pausieren.
Die Kritiken zu dem Film waren überwiegend schlecht, aber an den Kinokassen spielte er immerhin – bei einem Budget von 40 Millionen – über 140 Millionen Dollar ein.
Im Film taucht eine Tätowierung auf, die eine Frauenfigur in Flammen zeigt. Die Eisenketten an ihren Armen sind zerbrochen und die Bewegung ihres Körpers deutet an, dass sie nun bald in den Himmel auffahren wird und ihr Leiden beendet ist. Es handelt sich bei der Darstellung um eine „Anima Sola“, also eine einsame Seele, die sich gemäß mittelalterlicher Vorstellung im Fegefeuer quält. Durch „Gothika“ gewann die Anima Sola als Tattoo-Motiv an Popularität.
IMDB: 5.8 von 10
Letterboxd-Rating: 2.7 von 5
Neft-Rating: 2 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Die „gothic novel“, die im Deutschen gern als „Schauerroman“ bezeichnet wird, ist ein literarisches Genre, das Mitte des 18. Jahrhunderts in England entstand. Als erste „gothic novel“ gilt „Das Schloss von Otranto“ (Horace Walepole, 1764). Weitere bekannte Schauerromane stammen zum Beispiel von Ann Radcliff, darunter „Die Waldromanze“ (1991), „Udolphos Geheimnisse“ (1794) und „Der Italiener oder der Beichtstuhl der schwarzen Büßermönche“ (1797). Alle diese Bestseller von Radcliff wurden übrigens gleich in ihrer Zeit von Meta Forkel-Liebeskind ins Deutsche übersetzt. Richtig wild wurde es in „Der Mönch“ von Matthew Gregory Lewis (1796) und „Melmoth, der Wanderer“ von Charles Maturin (1820) – beides skandalträchtige gothic novels, die in Sachen Sex, Gewalt und Sadismus auch heute noch Lesermünder offenstehen lassen. Niemand Geringeres als der Marquis de Sade nannte in einem Aufsatz aus dem Jahr 1800 den englischen Schauerroman die „notwendige Frucht der revolutionären Erschütterungen, die ganz Europa fühlt“. Tatsächlich wurde das heute auf uns eher altbacken wirkende Genre mit seinen finsteren Schlössern, bösartigen Mönchen und gequälten Jungfrauen damals als revolutionär wahrgenommen, da es zum einen Tabus brach und sich zum anderen gegen die alte Ordnung von Adel und Katholizismus stellte. Das mag im damaligen England eine etwas pseudo-rebellische Geste gewesen sein, da Katholiken in der Minderheit waren und der Adel nach dem englischen Bürgerkrieg (1642 – 1649) deutlich an politischer Macht verloren hatte. Da passt es auch, dass die Adligen oder Kleriker der Schauerliteratur oft Europäer vom Festland waren, wie zum Beispiel der italienische Edelmann „Montoni“ in Radcliffs „Udolpho“ oder der Mönch Ambrosio in „Der Mönch“ von Lewis. Der bekannteste Adlige der Schauerliteratur ist natürlich „Dracula“, den der Ire Bram Stoker 1897 auf die Welt losließ. Graf Dracula bündelt die Eigenschaften des Schurken der gothic novel mustergültig: Er ist zugleich leidenschaftlich und eiskalt, stammt aus altem, europäischem Adel, verkörpert das überwunden Geglaubte. Denn die englische Schauerliteratur inszeniert immer wieder einen Kampf zwischen Aufklärung, Vernunft und Moderne gegen das Irrationale, Dämonische und Uralte. Es gehört zum Wesen der gesamten „Schwarzen Romantik“, dass sie ohne die europäische Aufklärung nicht denkbar ist, aber zugleich auch ein ambivalentes Verhältnis zu ihr hat, und sei es nur, dass das unvernünftige Böse regelmäßig mit einem anziehenden Glamour ausgestattet wird. Das moralisch Abscheuliche kann immerhin ästhetisch anziehend sein. Überhaupt gehört die Ästhetisierung folkloristischer Spukgeschichten und entsprechender Settings (dunkle Wälder, alte Schlösser, Kerker, Irrenanstalten, Friedhöfe) zum typischen Verfahren der gothic novel.
Interessant ist die Schauerliteratur aber nicht allein wegen ihrer Dekors und des abgebildeten Kampfes zwischen Ratio und Unvernunft, sondern auch aufgrund ihrer Darstellung extremer Gefühle. Die Leser*innen sollten sich mit den oft weiblichen Heldinnen identifizieren und mit ihnen durch eine Reihe grausamer Erlebnisse gehen, die starke Emotionen auslösen. Dabei sind die Frauenfiguren nicht notwendigerweise unschuldig und hilflos. Es gibt auch die femme fatale wie etwa Matilda in „Der Mönch“ oder Heldinnen, wie Emily in Radcliffs „Udolpho“, die mit Sensibilität, Geduld und Tapferkeit ihre männlichen Widersacher besiegen. Überhaupt ist das Frauenbild der gothic novel interessant, sowohl in den von Männern geschriebenen Romanen als auch in den Werken von Frauen, die damals in diesem Genre sehr erfolgreich sein konnten (neben Ann Radcliff sollen hier Clara Reeve, Eliza Parsons, Charlotte Dacre, Emily und Charlotte Brontë und vor allem Mary Shelley-Woolstonecraft genannt werden). Denn die Frauen stehen oft einerseits für Empfindsamkeit und Verletzlichkeit, andererseits aber auch für moralische Integrität, Lernfähigkeit und letztlich den Sieg über bösartige patriarchale Umtriebe. Ein negatives Männerbild, wie es heute unter dem Schlagwort „toxische Männlichkeit“ weit verbreitet ist, findet sich schon facettenreich in der gothic novel. Dabei gab die englische Schauerliteratur Frauen im prüden viktorianischen England die Möglichkeit, sexuelle Wünsche und Ängste zu formulieren oder zu lesen, die als nicht damenhaft galten. Tatsächlich gibt es in der englischen Literaturwissenschaft eigens den Begriff der „female gothic fiction“. Der Film „Gothika“ kann sicher zu diesem Subgenre gezählt werden und modernisiert die schon im 18. und 19. Jahrhundert virulenten Themen.
Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kann einen Blick auf die Diplomarbeit „Gender Roles in Gothic Fiction:Transgressions and Inversions of Victorian Gender Roles in Sheridan Le Fanu’s ''Carmilla'' and Bram Stoker’s Dracula“ von Kamila Olschewski werfen.

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