Mehr emotionale Tiefe
• USA 2024
• Regie: Damien Leone
• Laufzeit: 125 Minuten
Handlung: Es ist fünf Jahre her, dass Sienna und ihr jüngerer Bruder Jonathan das Halloween-Massaker von Art dem Clown überlebt haben. Von den Ereignissen noch immer gezeichnet, versuchen sie, die Weihnachtszeit zu nutzen, um ihre Verbindung zueinander zu stärken. Der fürchterliche Clown hat aber andere Pläne, und obendrein eine fiese Partnerin gefunden.
Besprechung: Nachdem Art zweimal in der Halloween-Nacht gewütet hat, verwandelt er jetzt Weihnachten in eine Zeit des Terrors. Und auch wenn ich den Wunsch nach Abwechslung verstehe, mochte ich die Halloweenatmosphäre gerade im zweiten Teil mehr. Aber natürlich legt Art auch als mörderischer Santa Claus eine Performance hin, die ihm erst einmal ein Filmfiesling der letzten 120 Jahre nachmachen soll. Natürlich werden die Fans darüber streiten, ob nicht doch Teil 2 der brutalere ist und die Schlafzimmer-Szene in der Mitte des Films anführen. Ich finde aber, dass Teil 3 tatsächlich noch etwas heftiger ausgefallen ist. Und dafür gibt es drei Gründe. Der wichtigste: Der Film legt mehr Wert auf die Zeichnung von glaubhaften und sympathischen Figuren. Einige der Opfer von Art (und Vicky) sind wirklich zutiefst liebenswert, und das macht die Gewalt gegen sie besonders schmerzhaft. Allein die Eröffnungsszene vereint schnelle emotionale Bindung mit Atmosphäre und Spannung und schließlich krassem Splatter. Und ja, die Effekte sind diesmal noch besser als im zweiten Teil. Weniger comichaft und grell, und dadurch richtig hart. Der dritte Grund: Im neuen Teil sind die Mord- und Folterszenen chronologisch so angeordnet, dass nicht schon in der Mitte des Films die größte Rakete gezündet wurde.
Anders als bei den Vorgängern mit ihren kleinen bis sehr kleinen Budgets, standen Damien Leone und seiner Crew diesmal immerhin zwei Millionen Dollar zur Verfügung. Die wurden in meinen Augen gut genutzt, ohne dass der Style nennenswert verändert wurde. Auch im neuen Film erinnert der knallige Look an die 1980er. Dazu gibt es einen Synthiescore wie in frühen Carpenterfilmen, mit nicht ganz so markanten Melodien, aber doch insgesamt richtig gut und in manchen Szenen wundervoll bedrohlich.
Das größte Plus ist diesmal allerdings Sienna Shaw. Deren Darstellerin Lauren LaVera hat sich seit dem zweiten Teil noch einmal deutlich weiterentwickelt, spielt die gezeichnete Überlebende facettenreich und nahbar und braucht sich vor einer Jenny Ortega oder Samara Weaving längst nicht mehr zu verstecken. Sie ist das emotionale Zentrum eines Films, und erreicht als Figur eine Tiefe, die kein final girl aus einem „Freitag der 13.“ oder Halloweenfilm bisher aufweisen konnte (bzw. wollte). Und nein, auch kein final girl aus „Scream“. Ich weiß, dass mich einige Horrorfans für diese Sichtweise belächeln oder bepöbeln werden, aber Nostalgie ist kein zwingendes Kriterium.
Insgesamt finde ich Terrifier 3 noch einmal besser als den sehr geliebten Terrifier 2. Aber: Die Geschichte wird nur wenig weiterentwickelt und ich fand das Ende etwas frustrierend. Nach dem intensiven Finale im Stil eines Terrorfilms wie „The Texas Chainsaw Massacre“ fehlte mir der befreiende Payoff. Ja, lacht ruhig, das ist mir hier tatsächlich etwas zu düster. Und ich bin auch traurig über etwas, das ich hier nun aber nicht spoilern will.
Trivia: Nach dem eindrucksvollen finanziellen Erfolg von Terrifier 2 meldeten sich mehrere große Produktionsfirmen bei Damien Leone und boten ihm an, eine Fortsetzung zu finanzieren, auch ohne fertiges Drehbuch. Leone lehnte ab. Er war sich sicher, dass er mit einem großen Studio im Nacken nicht einmal die Eröffnungsszene durchbekommen hätte. Und so ist auch Terrifier 3 ein Independentfilm geworden.
Der Schauspieler und Sänger Frank Stallone sollte eine Rolle als Jesus in dem Film spielen, lehnte aber ab.
Das Buch, das die junge Frau im Bus liest, trägt den Titel des ersten Kurzfilms von Leone. Und der Name der Autorin – Rosemary Castavet – ist natürlich eine Anspielung auf „Rosemary‘s Baby“.
Damien Leone hat bereits einen vierten Teil angekündigt, allerdings auch gesagt, dass man davon abgesehen nicht unbedingt viele weitere Teile erwarten sollte.
IMDB: 6.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.2 von 5
Neft-Rating: 4.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Misogynie (also Frauenhass) ist auch in Horrorfilmen ein wiederkehrendes Motiv. Nicht nur, dass sich Horrorfilme kritisch mit der Abwertung von Weiblichkeit befassen (z.B. in Filmen wie „Men“, „The Woman“, „Rosemary’s Baby“ oder „Jennifer’s Body“), sie reproduzieren sie leider auch. Gerade das Slasher-Genre (und davor auch schon der Giallo), zu dem auch die Terrifier-Reihe zählt, steht unter Verdacht, junge Frauen teilweise nur als erotisch attraktives Schlachtvieh in seinen Filmen unterzubringen, und so den frustrierten Jungmännern eine doppelte Befriedigung zu verschaffen: Sie können die „tolle Schnitte“ auf der Leinwand angeifern, und dann, weil sie sie ja eh nicht „haben“ können, sich daran erfreuen, dass sie von einem Jason, Michael Myers oder Ghostface abgeschlachtet werden. Dass in diesem Motiv auch ein negatives Jungen- und Männerbild mitkultiviert wird, liegt auf der Hand, nutzt aber keineswegs den Frauen, die sich durch diese Reduktion auf das „sexy Opfer“
kleingehalten und gedemütigt fühlen. Die Kritik ist keineswegs unberechtigt, denn gerade in Slashern der 1980er und 1990er findet sich eine unverblümte Sexualisierung von Mädchen und Frauen, ohne dass deren Charaktere eine Rolle spielen. Und der triumphierende Mörder ist ein Mann. Das lässt sich oft schon den Filmplakaten wie zum Beispiel denen der Sorority-Massacre-Reihe entnehmen. Allerdings sind selbst stumpfe Slasher wie „The House on Sorority Row“ haben ein „final girl“, also eine weibliche Heldin, die bis zum Schluss überlebt und sich weder als Opfer noch primär als Lust-Objekt anbietet. Auch werden die Erwartungen des „male gaze“, der Frauen als Objekte für die eigenen Bedürfnisse und nicht als eigenständige Menschen einsortiert, in manchen Filmen im einen Moment befriedigt und im anderen gegen den „männlichen Starrer“ genutzt, zum Beispiel, wenn ein Voyeur im Film unvermutet selbst Opfer des maskierten Killers wird und der männliche Zuschauer sich ertappt fühlen kann.
Trotzdem ändert das nicht, dass Filme wie „Tanz der Teufel“ (1981) oder „Terrifier“ (2016) einen Nachgeschmack hinterlassen. Bei „Tanz der Teufel“ sind es fast ausschließlich die Frauen, die als love interest, aber auch als blutrünstige Dämonen in Szene gesetzt werden. Hier werden eindeutig heterosexuelle Ängste von Männern abgebildet, die an die Dämonisierung der Frau erinnern, die zum Beispiel bei Klerikern des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit durchaus beliebt war. Dahinter steckt eine tückische Projektion. Der Mann unterstellt sein eigenes, ihm unangenehmes Begehren der Frau. Da das Begehren ambivalent ist und den Mann schwach und bedürftig machen könnte, muss es geleugnet und dem Gegenüber untergeschoben werden. Dieses Gegenüber (das geheime Wunschobjekt) wird dabei als übermächtig und bedrohlich erlebt, der Mann kann sich selbst als Opfer inszenieren und die eigene Verantwortung ignorieren. Von Männern geschriebene (religiöse) Texte rund um den Globus sind voll von diesem Muster.
In „Terrifier“ ist es wiederum der Sadismus, der sich speziell gegen Frauen richtet, zumal gegen solche, die Art den Clown vorher noch aufgezogen und verspottet haben. Der gekränkte Mann, der sich wegen eines vergleichsweise harmlosen Spaßes derart brutal rächt, ist leider keine Fiktion des Horrorkinos.
Damien Leone zumindest wurde nach „Terrifier“ wegen misogyner Tendenzen in dem Film kritisiert und hat darauf reagiert. Er sei unter Frauen groß geworden, die er liebe und respektiere, und mit denen er bis heute die Liebe zu Horrorfilmen teile. Frauenverachtende Tendenzen lägen im fern und er wolle in seinen künftigen Filmen sicherstellen, dass die Zuschauer*innen das auch merken. Allerdings gab er zu bedenken, dass man keinen Film drehen kann, der nicht irgendjemanden vor den Kopf stößt, und dass Gewalt gegen Frauen genauso wie das „final girl“ einfach zu einem Slasher-Film dazugehören.
Was immer man von Leones Aussagen halten darf: Nachdem er in Teil 1 und 2 die übelsten Kills für Frauen reserviert hatte, sieht es in „Terrifier 3“ nun anders aus. Ich interpretiere das so, dass sich Leone die Kritik, wenn auch vielleicht nur oberflächlich, doch zu Herzen genommen hat. Und es zeigt auch, dass auch Horrorfans, die die blutrünstigsten Filme schauen, deswegen moralisch nicht unachtsam sein müssen.
Ein interessanter Podcast zum Thema „Frauenrollen im Horrorfilm und Misogynie im Slasher-Genre“ findet sich hier.

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